• 30.12.2005, 18:17:35
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DER STANDARD - KOMMENTAR "Verlogene Machteliten" von Gerfried Sperl

Der (europäische) Kunstskandal und die kalkulierte Feigheit vieler Politiker

Wien (OTS) - Österreichs EU-Vorsitz hat völlig unerwartet mit
einem Kunstskandal begonnen, die - nicht nur negative -
internationale Werbung für die kauzige Alpen- und Donaurepublik ist
enorm. Unbezahlbar - nicht gerade für den EU-Gedanken, sicher aber
für die Initiatoren. Lorenz und Springer zum Dank feiert die
Doppelmoral wieder einmal Triumphe in einer verlogenen Landschaft.
Und sie bietet einen tiefen Blick in die widersprüchlichen Seelen der
österreichischen Machteliten.

Eine Massenzeitung, die täglich außer Weihnachten und Ostern mit
nackten Mädchen Auflage macht, erregt sich über Kunstobjekte, die
genau das, öffentliche Geilheit, zum Thema haben. Dieselbe Zeitung
wettert gegen eine von ihr behauptete öffentliche Finanzierung der
"anstößigen" Sujets, kassiert gleichzeitig aber Presseförderung für
ihre Produktionen, die täglichen Nacktfotos und die wöchentliche
illustrierte Bumsberatung inklusive.

Für eben in Schwechat gelandete "Geschäftsleute" werden auf den
Rolling Boards jahraus, jahrein die "süßen" Attraktionen Wiens
gezeigt. Das gemeine Volk hat sich darüber noch nie aufgeregt. Hätten
diesmal die Verkehrsteilnehmer den Unterschied zwischen Bordell und
Porno erkannt? Nein. Erst das zum kollektiven Kunstkritiker ernannte
Volksphantom der Krone geifert via millionenfach vervielfältigten
Aufmacher über Erfindungen von Künstlern.

Die Spitzenpolitik hat unter dem Druck der medialen Masse eine
aufschlussreiche Vorstellung geliefert. Bundeskanzler Wolfgang
Schüssel, der zur modernen Kunst ein unverkrampftes Verhältnis hat,
konnte sich den populistischen Forderungen noch am ehesten entziehen
- wohl wissend, dass er vor "Überraschungen" nicht gefeit sein würde.
Die Reaktionen aus der FPÖ und aus dem BZÖ waren vorhersehbar. Die
Haltung der SPÖ ist erbärmlich. Sie hat sich, wie schon einige Male
davor, auf Krone-Niveau begeben, Kalina/Cap haben offenbar auch in
der Kulturpolitik die Macht ergriffen.

Erfreulicher die Stellungnahme des Grünen Karl Öllinger, der die
Strick- und Wurzel-Mentalität in der Grünpartei überstrahlt. Ihr
genereller Unmut versteckt sich hinter den Forderungen nach einer
"lückenlosen Aufklärung" der Finanzierung. Obwohl gerade die Grünen
wissen, dass provokante Kunst nicht ganz ohne öffentliches Geld
aufmucken kann.

Weshalb man (zum wievielten Mal?) eine Debatte über "Staat und
Kunst" führen könnte. Die umstrittene Kunstaktion sei für die
Europapolitik "nicht hilfreich" gewesen, sagte Außenministerin Ursula
Plassnik in der "ZiB 2". Fragen an die Politikerin: Soll Kunst
"hilfreich" sein? Will sie Zensor geförderter Kunst werden? Oder ist
sie der Meinung, wahre Kunst sei "schöner Schein" (Herbert Marcuse)
und blendende Dekoration, welche die Mächtigen in Ruhe lässt? Und die
Widersprüchlichen auch? Fazit: Als Kulturpolitikerin ist Plassnik ein
Amateur. Aber fast schon ehrlich im Vergleich mit der Heuchelei des
ehemaligen Ministranten Josef Cap, der auf die Idee kam, es handle
sich in diesem Fall nie und nimmer um "Kunst".

Ein derart aufwändiges, europaweit ausgeschriebenes Projekt, an dem
schließlich 75 Künstler teilgenommen haben, ist ohne öffentliche
Finanzierung nicht zu realisieren. Das wissen alle, die sich jetzt
das Maul zerreißen. Diese Leute wissen auch, dass die Auswahl der
Projekte nur von unabhängigen Kuratoren getroffen werden kann - und
nicht von der Regierung in einer Sitzung des Ministerrats, wo
Biederkeit und Trachtensinn das Hauptkriterium der Selektion wären.

Am Tag vor Silvester wurden die Bilder von den Rolling Boards
entfernt. Die Erregung wird sich legen. Was bleibt? Die
Kunstrichter-Rolle eines Massenblatts, die sich der Menschenwürde
sonst nicht so vehement verpflichtet fühlt. Und die kalkulierte
Feigheit vieler Politiker, die jetzt schon mit dem Wahlkampf begonnen
haben und sich dem medialen Populismus unterwerfen. Prosit 2006.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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