- 14.12.2005, 17:45:37
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Leitartikel:"Gute Nachricht aus Irak, die keiner hören will" (von Wieland Schneider)
Ausgabe vom 15.12.2005
Wien (OTS) - In Irak wendet sich das Blatt: Das Volk schöpft neue
Hoffnung. Der Westen darf sie jetzt nicht enttäuschen.
Angeblich die gefährlichste Stadt der Welt: Bagdad, Hauptstadt Iraks,
eines Landes, das zum Synonym für den Terror schlechthin geworden
ist. Kaum ein Tag vergeht ohne Selbstmordanschläge, ohne Gefechte
zwischen Aufständischen und den US-Truppen, die immer tiefer in ihr
Arsenal tödlicher Waffen greifen, um den Widerstand zu brechen. Und
islamistische Gruppen haben erneut gedroht, die Parlamentswahl am
heutigen Donnerstag in einem Blutbad versinken zu lassen.
Bagdad, Falluja, Ramadi - die Liste der "Hotspots" ist lange, die
Lage im Zweistromland auf den ersten Blick völlig hoffnungslos. Es
bedarf eines zweiten Blickes, um zu erkennen, dass es abseits der
Schlachtfelder auch ein anderes Irak gibt, in dem nicht alles so
düster ist. Eine Umfrage, publiziert im deutschen Nachrichtenmagazin
"Der Spiegel", fördert überraschende Daten zu Tage: Mehr als 60
Prozent der Iraker setzen darauf, dass es ihnen innerhalb eines
Jahres besser gehen wird, 70 Prozent sind mit ihrer derzeitigen
Situation zufrieden.
Das passt so gar nicht zum Bild, das man sich im Westen macht. Vor
allem in Europa kann es für viele Zweckpessimisten gar nicht genug
Chaos in Irak geben, nur um sich in der Ablehnung der US-Invasion
nachträglich bestätigt zu fühlen. Den Irakern hilft diese
Schadenfreude wenig. Bushs Feldzug hat viele Menschen das Leben
gekostet, das Zweistromland zur Spielwiese des internationalen
Dschihad gemacht, aber auch einen brutalen Diktator gestürzt. Und
Bushs Feldzug hat nicht mehr änderbare Tatsachen geschaffen. Nun muss
den Irakern wieder auf die Beine geholfen werden - auch von Europa.
Dass die Bevölkerung neue Hoffnung schöpft und doch nicht alles so
tiefschwarz sieht, heißt nicht, dass es keine massiven Probleme gibt
- die prekäre Sicherheitslage ist dabei das vordringlichste, aber
keineswegs das einzige.
Die Fliehkräfte in Irak sind weiterhin stark: Die Kurden im Norden
des Landes arbeiten zwar sehr aktiv in den neuen Institutionen in
Bagdad mit, doch nicht ohne Hintergedanken - je stabiler Rest-Irak,
desto sicherer sind die quasi-autonomen Kurdengebiete. Die Idee eines
eigenen Kurdenstaates hat man zwischen Arbil und Suleimaniya nämlich
keineswegs aufgegeben. Die Kurden warten nur auf die passende
Gelegenheit, sich diesen alten Traum zu erfüllen.
Auch die Schiiten in Südirak denken in erster Linie an ihre eigenen
Interessen. Der Sturz Saddams bedeutete für sie das Ende der
Unterdrückung. Nun haben sie als bevölkerungsreichste Gruppe des
Landes endlich den Einfluss, der ihnen aus ihrer Sicht zusteht.
Lediglich die sunnitischen Araber in Zentral-Irak, im alten Regime
die herrschende Schicht, fühlen sich als Verlierer. Eine Frustration,
die sich in geringer Akzeptanz für das neue Irak und dessen westliche
Schutzherren äußert. Die Folge davon: In den Sunnitengebieten wird
der Großteil der Attentate verübt. Um Irak zu stabilisieren, wird man
an einer stärkeren Einbindung der Sunniten nicht vorbeikommen. Und
gerade hier wurden beachtliche Fortschritte erzielt.
Hatten sie bisherige Urnengänge weitgehend boykottiert, so treten bei
der Parlamentswahl nun auch Sunniten-Parteien an. Das neue irakische
Parlament und die neue Regierung, die erstmals keine Übergangsgremien
mehr sind, werden damit eine größere demokratische Legitimität haben
als die bisherigen Institutionen.
Um den bewaffneten Untergrundgruppen das Wasser abzugraben, bedarf es
jedoch weiterer Anstrengungen. Die Hauptstrategie muss dabei sein,
den Widerstand zu spalten. Präsident Talabani hat im November bereits
erste Schritte in diese Richtung unternommen und den Rebellen ein
Gesprächsangebot gemacht. Verschiedene Gruppen reagierten darauf
positiv. Je mehr enttäuschte Sunniten davon überzeugt werden können,
ihre Unzufriedenheit nicht mehr mit der Waffe kundzutun, desto
schwächer wird der Widerstand werden. Bis am Schluss nur noch
sektiererische Gruppen wie die von Musab al-Zarqawi übrig bleiben.
Doch noch ist es nicht so weit. Ein Ende der Gewalt ist nicht in
Sicht, die Gefahr eines Bürgerkrieges trotz aller Fortschritte nicht
gebannt. Die USA würden ihre Truppen lieber heute als morgen aus Irak
abziehen, wird doch täglich der Blutzoll unter den US-Soldaten höher.
Die Iraker alleine in ihrem Schlamassel zurückzulassen, wäre jedoch
völlig unverantwortlich - gerade gegenüber denen, die jetzt neue
Hoffnung geschöpft haben.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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Tel.: (01) 514 14-445
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