- 08.12.2005, 16:18:58
- /
- OTS0085 OTW0085
"Die Presse"-Leitartikel: "Sire, geben Sie Handlungsfreiheit!"
Ausgabe vom 9.12.2005
Wien (OTS) - Das anachronistische Ladenschlussgesetz gehört nicht
gelockert, sondern ersatzlos abgeschafft.
Gestern, am Feiertag, waren die Geschäftsleute wieder einmal
begeistert: "Bummvoll" seien die Einkaufszentren gewesen, hieß es.
Trotz des Schönwetters, das eigentlich zu Ausflügen in die frisch
verschneiten Berge gereizt hätte.
Es war übrigens ein Jubiläum: Genau vor zehn Jahren, am 8.
Dezember 1995, hatten die Läden in Österreich am hohen katholischen
Dezember-Feiertag erstmals öffnen dürfen. Vorausgegangen war dem eine
jahrelange wilde Diskussion des Inhalts, der Feiertagseinkauf werde
Familien zerstören, zur weiteren Knechtung der Handelsangestellten
führen, dem Handel einen Kostenschub bescheren. Außerdem, das sei
durch Umfragen belegbar, gebe es keinen "Bedarf" für den Einkauf am
Feiertag _ und die Kaufkraft der Bevölkerung nehme dadurch auch nicht
zu. Gewerkschaft, Kirche und Wirtschaftskammer waren da ausnahmsweise
einer Meinung.
Freigegeben wurde trotzdem. Und wie das mit dem Nicht-Bedarf
aussieht, hat gestern jeder, der einkaufen war, selbst beobachten
können. Man muss das nur deshalb so auswalzen, weil wir die gleiche
Diskussion jetzt schon wieder haben. Diesmal geht es um die
Sonntagsöffnung in der von Touristen stark frequentierten Wiener
Innenstadt. Und wieder wird mit den gleichen Methoden gearbeitet: Es
werden "Bedarfserhebungen" angekündigt und Umfragen bestellt. Und in
zehn Jahren wird man über den so erhobenen "Nichtbedarf" wieder milde
lächeln.
Diese lächerliche Kasperliade, die sich alle paar Jahre
wiederholt, ist eines modernen Industrielandes unwürdig. Höchste
Zeit, dass der Ladenschluss fällt. Und zwar radikal. Wie in vielen
anderen westlichen Ländern auch. Diese Form der Bevormundung und der
Fesselung unternehmerischen Geistes ist einer gefestigten westlichen
Industriegesellschaft unwürdig.
Bevor jetzt wieder mit den bekannten Gewerkschafts- und
Kammer-Killerargumenten geworfen wird, ein paar Fakten zur
Erinnerung:
Der berühmte Bedarf wird in einer Marktwirtschaft nicht auf Basis
von Umfragen erhoben, sondern durch die effizienteste aller Methoden:
Trial & Error. Wer keinen Bedarf bemerkt, kann seinen Laden jederzeit
wieder sperren. Die Freigabe der Ladenöffnungszeiten erlaubt das
Aufsperren, verpflichtet aber nicht dazu.
Das Argument, längere (oder besser angepasste) Öffnungszeiten
brächten dem Handel nichts, weil sich die Gesamt-Kaufkraft nicht
ändert, ist hanebüchener Unsinn: Die Menschen haben längst
"verfügbare Einkommen", die über die Deckung des dringendsten
Überlebensbedarfs hinausgehen. Wer abends oder am Sonntag mit ein
paar Scheinchen im Börsel das Haus verlässt hat also die Wahl. Er
kann ein feines Restaurant aufsuchen, ins Theater gehen, in der Disco
den Märchenprinzen raushängen lassen - oder aber einkaufen.
Vorausgesetzt, er findet ein offenes Geschäft. Unternehmer, die mit
der Gesamtkaufkraft argumentieren, statt zu versuchen, der Konkurrenz
Anteile abzujagen, sollten sich wirklich überlegen, ob sie den
richtigen Beruf gewählt haben.
Das Argument, die Handelsangestellten würden bei längeren
Öffnungszeiten unfairer Behandlung ausgesetzt, hat was für sich.
Gerade im Handel finden sich ein paar Unternehmen mit einschlägigem
Ruf. Das kriegt man aber nicht mit Ladenschlussgesetzen in den Griff,
sondern mit vernünftigen Arbeitsgesetzen und Kollektivverträgen. Und:
Es gibt auch nicht wenige, die gegen entsprechende Bezahlung gerne zu
ungewöhnlichen Zeiten arbeiten.
Die Unternehmer-Angst schließlich, Öffnungsfreiheit nütze nur
großen Ketten, ist in der Praxis längst widerlegt: Die Renaissance
der kleinen Greißler in London, Paris oder Stockholm hat auch viel
damit zu tun, dass sie zu Zeiten Geschäfte machen dürfen, zu denen
die Großen das nicht tun. Und: Österreich hat einen der höchsten
Handels-Konzentrationsgrade in Europa, obwohl der Ladenschluss hier
besonders strikt gehandhabt wird.
Wir können uns entscheiden: Für ein System der unternehmerischen
Freiheit, das zu einer optimalen Versorgung der Bevölkerung und
letztendlich zu mehr Wachstum führt. Oder für die Aufrechterhaltung
eines skurrilen obrigkeitsstaatlichen Systems, das Unternehmern das
Unternehmen verbietet und Konsumenten vorschreibt, wann sie welche
Konsumbedürfnisse befriedigen dürfen. In einer reifen Marktwirtschaft
kann diese Wahl wohl nur in einer klassischen Aufforderung an den
Gesetzgeber gipfeln: "Sire, geben Sie Handlungsfreiheit!"
Umfrage: Zwei Drittel für Sonntagsöffnung Seite 1
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR






