Wer ist denn hier das Publikum?

"Presse"-Leitartikel von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Die Wahl zum ORF-Publikumsrat ist eine
parteipolitische Farce - und fügt sich damit perfekt ins Bild.

Gemessen an der zu erwartenden Beteiligung ist das möglicherweise der teuerste Wahlkampf, den die Republik je gesehen hat: Angeblich wird ab heute der Publikumsrat für das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Republik gewählt. Allerdings nur angeblich. Denn in Wahrheit geben die Parteien - vor allem die SPÖ legt sich mit Inseraten und Plakaten mächtig ins Zeug - viel Geld dafür aus, sich eine möglichst gute Ausgangsposition für die Wahl der nächsten ORF-Führung zu erkaufen, die im kommenden Jahr über die Bühne gehen soll. Dass diese Schlacht um die Macht auf dem Küniglberg unter dem Deckmäntelchen der Publikumsbeteiligung ausgetragen wird, passt ins Bild: Der ORF hat eine lange Tradition als jenes Medium, dessen Gegenüber erst in zweiter Linie das Publikum ist. Zuerst kommt die Politik, und die steht auch dazu: Man sei, beteuern die Medienpolitiker der Parteien, gewissermaßen das gewählte Publikum.
Im günstigsten Fall kann man sagen, dass diese Zuspitzung einer Publikumswahl auf einen parteipolitischen Endkampf um die Macht im ORF einen Betriebsunfall darstellt: Das wäre dann der Fall, wenn der Publikumsrat in der Neustrukturierung der ORF-Gremien vor vier Jahren tatsächlich als Betätigungsfeld für die Träger der "Bürgergesellschaft" installiert worden wäre und nur durch unglückliche Umstände - der Machtwechsel in der Steiermark und in Salzburg hat die Stärkeverhältnisse im Stiftungsrat geändert - zum parteipolitischen Kampfplatz geworden ist. Glauben wir das einfach einmal, es ändert eh nichts an der aktuellen Lage.

Und die ist irgendwo zwischen Tragödie und Farce angesiedelt: Die Tragödie besteht darin, dass wieder einmal offenbar wird, wie Recht Gerd Bacher hatte: Den Politikern ist es seit Kreiskys 74er-Reform nie darum gegangen, wie es dem ORF geht, sondern immer nur darum, wie es ihnen im ORF geht. Und die Farce zeigt sich darin, dass ausgerechnet die SPÖ, die sich regelmäßig über den "skandalösen" Zugriff der Politik auf das staatliche Fernsehen beklagt, bei dieser Wahl zum Publikumsrat am unverfrorensten agiert. Sie sieht sich zu dieser parteipolitischen Vereinnahmung, die übrigens auch ein bezeichnendes Licht auf die Kandidaten wirft, selbstverständlich moralisch berechtigt: Man will ja nur verhindern, dass die ÖVP im ORF-Aufsichtsgremium die absolute Mehrheit erreicht und damit im Alleingang die Wiederwahl der amtierenden Generaldirektorin Monika Lindner durchdrücken kann. Das ist in der Tat ein Umstand, der einen mit Unbehagen erfüllen kann. Dass er aber ausgerechnet von der SPÖ moralisiert wird, die den ORF lange genug als elektronische Parteizeitung missverstanden hat, lässt auch nicht wirklich heimelige Gefühle aufkommen.
Fest steht: Interessant an dieser angeblichen Publikumswahl ist sowohl für die ÖVP als auch für die SPÖ nur, wer es schafft, von der nächsten ORF-Führung das entsprechende Ausmaß an Dankbarkeit für die Zurverfügungstellung eines attraktiven Arbeitsplatzes einzufordern.

Die für den Publikumsrat eigentlich zentrale Frage, ob diese Geschäftsführung einen blassen Schimmer davon hat, was heutzutage öffentlich-rechtlich heißen könnte, wird in diesem "Wahlkampf" nicht gestellt. Ob Frau Lindner und ihr Team dazu in der Lage sind, die prekäre Kostensituation des Hauses in den Griff zu bekommen, ob sie einigermaßen verstehen, wie das Fernsehen der Zukunft mit seinen technologischen Möglichkeiten und den veränderten Konsumgewohnheiten vor allem der jüngeren Generationen aussehen wird - egal. Die völlig an den Realitäten vorbeigehende Führungsstruktur des ORF (Wozu braucht man bei ausgelagerter Technik einen Technikdirektor? Was soll ein Informationsdirektor, wenn es einen Chefredakteur gibt, dem man die Befugnisse eines Generaldirektors zugesteht? Wer weiß überhaupt, dass es auch einen Onlinedirektor gibt? Wen kümmert es, dass der Radiodirektor offensichtlich ein Direktoroid ist?) steht ebenso wenig zur Diskussion wie die Bestellungsmodalitäten der Gremien: Ist es wirklich sinnvoll, diese Kombination aus Regierungszugriff und sozialpartnerschaftlich-großkoalitionärer Verteilungspolitik fortzuschreiben? Oder wagt man es irgendwann, einem mit umfassenden Möglichkeiten ausgestatteten Profi die Führung des Unternehmens anzuvertrauen, mit einem Aufsichtsrat als Gegenüber, der diesen Namen verdient?
Alles kein Thema. An der Verwechslung zwischen Publikum und Politik wird sich im ORF so schnell nichts ändern.

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