- 28.11.2005, 18:18:00
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Wer ist denn hier das Publikum?
"Presse"-Leitartikel von Michael Fleischhacker
Wien (OTS) - Die Wahl zum ORF-Publikumsrat ist eine
parteipolitische Farce - und fügt sich damit perfekt ins Bild.
Gemessen an der zu erwartenden Beteiligung ist das möglicherweise der
teuerste Wahlkampf, den die Republik je gesehen hat: Angeblich wird
ab heute der Publikumsrat für das öffentlich-rechtliche Fernsehen der
Republik gewählt. Allerdings nur angeblich. Denn in Wahrheit geben
die Parteien - vor allem die SPÖ legt sich mit Inseraten und Plakaten
mächtig ins Zeug - viel Geld dafür aus, sich eine möglichst gute
Ausgangsposition für die Wahl der nächsten ORF-Führung zu erkaufen,
die im kommenden Jahr über die Bühne gehen soll. Dass diese Schlacht
um die Macht auf dem Küniglberg unter dem Deckmäntelchen der
Publikumsbeteiligung ausgetragen wird, passt ins Bild: Der ORF hat
eine lange Tradition als jenes Medium, dessen Gegenüber erst in
zweiter Linie das Publikum ist. Zuerst kommt die Politik, und die
steht auch dazu: Man sei, beteuern die Medienpolitiker der Parteien,
gewissermaßen das gewählte Publikum.
Im günstigsten Fall kann man sagen, dass diese Zuspitzung einer
Publikumswahl auf einen parteipolitischen Endkampf um die Macht im
ORF einen Betriebsunfall darstellt: Das wäre dann der Fall, wenn der
Publikumsrat in der Neustrukturierung der ORF-Gremien vor vier Jahren
tatsächlich als Betätigungsfeld für die Träger der
"Bürgergesellschaft" installiert worden wäre und nur durch
unglückliche Umstände - der Machtwechsel in der Steiermark und in
Salzburg hat die Stärkeverhältnisse im Stiftungsrat geändert - zum
parteipolitischen Kampfplatz geworden ist. Glauben wir das einfach
einmal, es ändert eh nichts an der aktuellen Lage.
Und die ist irgendwo zwischen Tragödie und Farce angesiedelt: Die
Tragödie besteht darin, dass wieder einmal offenbar wird, wie Recht
Gerd Bacher hatte: Den Politikern ist es seit Kreiskys 74er-Reform
nie darum gegangen, wie es dem ORF geht, sondern immer nur darum, wie
es ihnen im ORF geht. Und die Farce zeigt sich darin, dass
ausgerechnet die SPÖ, die sich regelmäßig über den "skandalösen"
Zugriff der Politik auf das staatliche Fernsehen beklagt, bei dieser
Wahl zum Publikumsrat am unverfrorensten agiert. Sie sieht sich zu
dieser parteipolitischen Vereinnahmung, die übrigens auch ein
bezeichnendes Licht auf die Kandidaten wirft, selbstverständlich
moralisch berechtigt: Man will ja nur verhindern, dass die ÖVP im
ORF-Aufsichtsgremium die absolute Mehrheit erreicht und damit im
Alleingang die Wiederwahl der amtierenden Generaldirektorin Monika
Lindner durchdrücken kann. Das ist in der Tat ein Umstand, der einen
mit Unbehagen erfüllen kann. Dass er aber ausgerechnet von der SPÖ
moralisiert wird, die den ORF lange genug als elektronische
Parteizeitung missverstanden hat, lässt auch nicht wirklich heimelige
Gefühle aufkommen.
Fest steht: Interessant an dieser angeblichen Publikumswahl ist
sowohl für die ÖVP als auch für die SPÖ nur, wer es schafft, von der
nächsten ORF-Führung das entsprechende Ausmaß an Dankbarkeit für die
Zurverfügungstellung eines attraktiven Arbeitsplatzes einzufordern.
Die für den Publikumsrat eigentlich zentrale Frage, ob diese
Geschäftsführung einen blassen Schimmer davon hat, was heutzutage
öffentlich-rechtlich heißen könnte, wird in diesem "Wahlkampf" nicht
gestellt. Ob Frau Lindner und ihr Team dazu in der Lage sind, die
prekäre Kostensituation des Hauses in den Griff zu bekommen, ob sie
einigermaßen verstehen, wie das Fernsehen der Zukunft mit seinen
technologischen Möglichkeiten und den veränderten Konsumgewohnheiten
vor allem der jüngeren Generationen aussehen wird - egal. Die völlig
an den Realitäten vorbeigehende Führungsstruktur des ORF (Wozu
braucht man bei ausgelagerter Technik einen Technikdirektor? Was soll
ein Informationsdirektor, wenn es einen Chefredakteur gibt, dem man
die Befugnisse eines Generaldirektors zugesteht? Wer weiß überhaupt,
dass es auch einen Onlinedirektor gibt? Wen kümmert es, dass der
Radiodirektor offensichtlich ein Direktoroid ist?) steht ebenso wenig
zur Diskussion wie die Bestellungsmodalitäten der Gremien: Ist es
wirklich sinnvoll, diese Kombination aus Regierungszugriff und
sozialpartnerschaftlich-großkoalitionärer Verteilungspolitik
fortzuschreiben? Oder wagt man es irgendwann, einem mit umfassenden
Möglichkeiten ausgestatteten Profi die Führung des Unternehmens
anzuvertrauen, mit einem Aufsichtsrat als Gegenüber, der diesen Namen
verdient?
Alles kein Thema. An der Verwechslung zwischen Publikum und Politik
wird sich im ORF so schnell nichts ändern.
Rückfragehinweis:
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