Europas Warenbörsen sorgen für Transparenz und Ordnung auf Agrarmarkt

45. Europäische Warenbörse von 20. bis 22.10.2005 in Wien

Wien (AIZ) - Warenbörsen, an denen Notierungen physischer Handelsgeschäfte getätigt werden, Usancen für den Handel aufgestellt und deren Durchsetzung mit Schiedsgerichten exekutiert wird, gewinnen, so der Präsident der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien, Rudolf Kunisch, heute vor Journalisten, "immer mehr an Bedeutung". Sie sind das Fundament funktionierender Agrarmärkte und ein wesentliches Kriterium für das Marktgeschehen. "Bis vor zehn Jahren, als Österreich der EU beitrat, waren in den Marktordnungen alle Regeln, Preise und Spannen auf allen Vermarktungsstufen von Getreide fixiert; seit 1995 ist der Markt angehalten, selbstverantwortlich zu handeln", so Kunisch. Die 1869 gegründete Wiener Warenbörse trägt heuer von 20. bis 22.10.2005 übrigens die 45. Europäische Warenbörse in der Bundeshauptstadt aus. Zu dieser jährlichen Generalversammlung und dem gesamteuropäischen Börsetag der europäischen Organisation von 47 Warenbörsen aus zwölf Ländern werden rund 2.000 Teilnehmer aus allen beteiligten Branchen, von der landwirtschaftlichen Produktion über den Getreidehandel bis hin zu Mühlen, Mälzereien, Backwarenerzeugung sowie Logistik erwartet.

Im Herbst 2006 wird Kunisch, derzeitiger Vizepräsident, das Amt des Präsidenten der Europäischen Warenbörse von Baudouin Delforge, Präsident der Bourse de commerce de Paris, für eine zweijährige Periode übernehmen.

Kunisch ab 2006 Präsident Europäischer Warenbörse - Einheitskontrakte vorantreiben

Kunisch setzt sich dabei zum Ziel, dem Handel mit landwirtschaftlichen Produkten in Europa möglichst einheitliche und verlässliche Rahmenbedingungen zu setzen, indem die Einführung einheitlicher europäischer Getreidekontrakte als über die Grenzen hinaus anerkannte und durchsetzbare Geschäftsgrundlagen vorangetrieben werden soll. Ein einheitlicher deutsch-österreichisch-italienischer Musterkontrakt für den Getreidehandel ist nicht zuletzt auf Initiative der Wiener Produktenbörse schon Realität. Weiters will Kunisch die Kontakte der Branche zu den Europäischen Institutionen und Dienststellen vertiefen und die geografische Lage Wiens als zentraleuropäische Drehscheibe für Kontakte zu Warenbörsen im östlichen Mitteleuropa nutzen sowie diesen Einrichtungen Hilfe und Know-how beim Aufbau ihrer Strukturen zur Etablierung von Handelsusancen auf westlichem Standard anbieten.

Gesprächsplattform Börse soll Handschlagsqualität stärken

Der Organisator der 45. Europäischen Warenbörse in Wien und frühere langjährige Wiener Börsepräsident, Kurt Engleitner, stellte das umfangreiche dreitägige Kongressprogramm vor. Das Interesse an der Pflege bestehender und dem Aufbau neuer Geschäftsbedingungen auf der Plattform der Europäischen Warenbörse sei groß und der Veranstaltungsort des Börsetages, das Austria Center Wien, praktisch schon ausgebucht. Die Wiener Warenbörse leiste mit dieser Gesprächsplattform einen Beitrag dazu, "die Ethik im Handel und die Handschlagsqualität, die in den letzten Jahren zunehmend abzubröckeln begann, wieder zu festigen".

Wiener Warenbörse will nicht ins Termingeschäft

An der Wiener Börse besteht einmal wöchentlich, am Mittwoch, dem Sitzungstag der Notierungskommission, die Gelegenheit für das persönliche Gespräch zwischen Marktbeteiligten aller involvierten Branchen. Notiert werden an der Wiener Börse Agrarprodukte vom Getreide bis zum Dünger auf Basis tatsächlich abgeschlossener Geschäfte in der dem Börsetag vorangegangenen Woche. Mit der Basis physischer Warenflüsse unterscheidet sich Wien als Warenbörse deutlich von so genannten Terminbörsen, an denen lediglich mit Kontrakten - Futures oder Optionen - gehandelt wird.

Kunisch sieht die Funktion der Warenbörse als Dienstleistungsunternehmen außer Diskussion, an den Einstieg in Termingeschäfte ist nicht gedacht. Dafür, so das Börse-Präsidiumsmitglied Peter Gartner, sei auch der Markt in Österreich zu klein. In Europa gebe es mit der MATIF in Paris praktisch nur eine einzige funktionierende Terminbörse für Commodities wie Getreide. Selbst in Ungarn, mit einem Getreidemarkt zehnmal so groß wie Österreich, seien Notierungen an der Budapester Terminbörse leicht durch einige wenige Geschäfte "künstlich zu steuern" sagte Gartner, weil selbst hier das Handelsvolumen, die Liquidität, nicht die nötige kritische Masse erreicht.

Schiedsgerichtsurteile unmittelbar exekutierbar

Als weitere Dienstleistungen der Wiener Warenbörse nannte Kunisch die Festlegung von Usancen auf Beschluss aller in der Börse vertretenen Branchen, Gutachten und Expertisen sowie das Schiedsgericht zur Durchsetzung dieser Usancen in Streitfällen. Sprüche dieses Schiedsgerichtes, das pro Jahr etwa zwanzigmal angerufen wird, so auch in grenzüberschreitenden Handelsgeschäften wie mit Italien, sind übrigens nicht zu beeinspruchen und können unmittelbar exekutiert werden, wenn die Handelspartner dies zuvor in ihrem Kontrakt anerkannt haben. Das Geschehen an der Börse als autonome Institution unter der Staatsaufsicht von Landwirtschafts-und Wirtschaftsministerium, die kommissarische Aufsichtsorgane entsenden, lebt praktisch vom ehrenamtlichen Engagement der Marktbeteiligten und wählt alle Organe aus diesem Kreis.

Schöggl: Getreidequalität 2005 schwächer - Gutes Brot und Gebäck aber gesichert

Der Leiter des Börselabors, Gerhard Schöggl, präsentierte als eine der Börse-Dienstleistungen eine qualitative Analyse der Getreideernte 2005. Tenor: Die Regenfälle zur Reifezeit im Juli haben zwar die Qualität beeinträchtigt und schlechter als in den Vorjahren ausfallen lassen, aber im Wissen dessen und unter Anwendung des entsprechenden Know-hows bei der Verarbeitung in Mühlen und Bäckereien lasse sich aus dem Weizen und Roggen gewohnt gutes Gebäck herstellen. Österreich habe bei der Getreidequalität noch immer Vorteile gegenüber Ungarn und andere seit der EU-Erweiterung auf angestammte Märkte der österreichischen Anbieter drängende ost-mitteleuropäische Staaten. Allerdings wird die Konkurrenz härter und, so Gartner, hätten Mitbewerber mit einer größeren Struktur der landwirtschaftlichen Betriebe es leichter, homogene Getreidequalität auf den Markt zu bringen als Österreich mit einer Vielzahl von Kleinbetrieben und Getreidesorten.

Der größere Anteil von Weizen unterhalb der Qualitätsschwelle für die EU-Getreideintervention und die Einstufung als Mahlweizen in Österreich von rund einem Drittel der Ernte 2005 mache sich auf dem Markt durch Preisdruck auf die geringere Qualität und zuletzt anziehenden Preise der höheren Qualitätsstufen bemerkbar. (Schluss) pos

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