• 22.08.2005, 17:45:55
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Mit den Vögeln fliegt nur die Angst

"Presse"-Leitartikel vom 23.08.2005 von Jürgen Langenbach

Wien (OTS) - Mit den Vögeln
fliegt nur die Angst

LEITARTIKEL von Jürgen Langenbach

Panik ist die schlechteste Ratgeberin bei Vogelgrippe. Die braucht
nichts mehr als kühlen Kopf _ und Solidarität.

Pandemie heißt das neue Schreckenswort, immer schriller schallt es
aus Genf von der Weltgesundheitsorganisation WHO, immer
ohrenbetäubender wird das Echo in Medien und Regierungskanzleien,
jede Regierung ordert, was noch an dem einzig wirksamen Medikament
auf dem Markt ist, in Deutschland sollen gar die Freilandhendln
weggesperrt werden, das mag am Wahlkampf liegen, heizt aber auch. Und
in Österreich weiß die ansonsten besonnene APA mit "einem gräßlichen
Detail" zu gruseln: "Die Kapazität der Leichenschauhäuser müsste um
90 Prozent erhöht werden", wenn der Schrecken so über das Land käme
wie im "worst case" befürchtet: "9672 Todesfälle. Das wären doppelt
so viele, wie alljährlich in Österreich der ,normalen` Influenza
erliegen."
Für die Erinnerung daran, dass die Grippe jedes Jahr haust _ und dass
sich Ältere und Immunschwache zum Impfen gegen die ",normale`
Influenza" begeben mögen _, ist man dankbar, der Arithmetik des
Grauens mag man weniger folgen. Kommt denn jeder ins
Leichenschauhaus, oder ist jeder der dorthin Gebrachten ein
Grippe-Opfer? Aber was Logik, wo man die Gefahr schon mit den Flügeln
rascheln hört! Es ist wie bei Hitchcock, eben noch waren Vögel ganz
harmlose Tiere, jetzt wird man bald in jeder Saatkrähe, die von
Moskau zum Überwintern nach Wien kommt, einen Todesboten sehen: Die
Zugvögel sind schuld, sperrt die Freilandhendl weg, bevor der
geflügelte Feind landet!

Als ob Vogel bei klarem Verstand schnurgerade von Osten nach Westen
zöge. Von Moskau nach Wien kommen sie schon, aber in Moskau ist das
Virus noch nicht. Und wenn es kommt, dann kommt es eher nicht mit den
Zugvögeln, sondern mit dem Flugzeug: Man hat in europäischen
Flughäfen schon geschmuggelte Vögel mit der Krankheit abgefangen,
H5N1 heißt sie, Grippeviren werden nach zwei Charakteristika ihrer
Hülle benannt. H7N7 hieß eine Variante, die letztes Jahr in den
Niederlanden ausbrach _ hausgemacht, neue Viren müssen nicht aus
Asien kommen _, 31 Millionen Hühner wurden notgeschlachtet, tausend
Menschen wurden infiziert, keiner starb. Vielleicht war H7N7 weniger
aggressiv als H5N1, vielleicht sind die kleinen Niederlande mit ihrem
engen medizinischen und veterinärmedizinischen Netz weniger
verwundbar als die Weiten Ostasiens.
Dort tauchte der Typ H5N1 1997 auf, bis heute hat er 64 Menschen
getötet. Weitere werden sterben, aber das ist nicht die "Pandemie"
und nur indirekt die Sorge der WHO. Die gilt einem Virus, das es
nicht gibt, noch nicht: H5N1 geht von Vögeln auf Menschen über _ das
noch nicht existierende Virus, nennen wir es HxNy, würde aus einer
Mischung entstehen, und zwar dann, wenn H5N1 einen Menschen befällt,
der schon ein anderes Virus trägt. Die Mischung beider Viren wäre die
tödliche, die nach Prognosen von 2004 in 18 Monaten weltweit zwei
Milliarden Menschen treffen und 40 Millionen töten könnte.

s0;80Dsas ist ungefähr die Opferzahl, die die erste Pandemie
forderte: die "Spanische Grippe" am Ende des Ersten Weltkriegs.
Seitdem fürchtet man Ähnliches, irgendwann wird eine vergleichbare
kommen. Und dann ist man eher hilflos, davon zehrt die Hysterie. Und
die, Teufelskreis, fördert die Gefahr, indem sie suggeriert, man
könne sich mit dem Horten eines Medikaments schützen. Man kann es
schon, aber nur umwegig, das liegt an der Tücke von Grippeviren, die
in immer neuen Varianten kommen: Impfstoffe gegen ein Virus kann man
erst entwickeln, wenn das Virus existiert, und dann dauert es lange
bis zur Massenproduktion.
So gibt es nun zwar Impfstoffe gegen H5N1 _ aber keinen gegen HxNy.
Bleibt als zweite Linie das Medikament, das jeden Virentyp tötet:
Tamiflu, vor allem die USA haben große Mengen eingelagert. Könnte es
die Pandemie im Keim ersticken? Ja, haben Epidemiologen berechnet,
und man hofft, dass es stimmt. Aber die Betonung liegt auf "im Keim":
Das Medikament müsste sofort dort ausgegeben werden, wo das neue
Virus entstanden sein wird, Thailand, Vietnam, China? Oder doch
Holland, Deutschland, Österreich? Werden die Vorratshalter
solidarisch und im besten eigenen Interesse den Betroffenen zu Hilfe
eilen? Oder wird jeder versuchen, mit seinen Vorräten die eigenen
Leute zu schützen?
Die Frage ist rhetorisch. Wenn schon im Vorfeld die Hysterie regiert,
gäbe es im Ernstfall kein Halten, dann gingen die Vorhänge hoch _
Einreiseverbote _, dann und dadurch wäre sie da, die Pandemie.

Zwölf Fragen und Antworten Seite 1
Vorbereitungen in Wien Seite 9

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