AMA: Österreich erntet 2005 um 15% weniger Getreide

Auch Qualität geringer wie in Vorjahren - Vermarktung aber als möglich gesehen

Wien (AIZ) - Die österreichische Getreideernte 2005 soll
(exklusive Mais) mit 2,8 Mio. t um rund 15% geringer ausfallen als die Rekordernte 2004 (Zahlen siehe Downloads unten). Auch die Qualität kann durch Auswuchsprobleme und niedrigere Fallzahlen im östlichen Teil des Bundesgebietes nicht an den gewohnten Maßstab der Vorjahre anschließen und wird als "durchwachsen" bezeichnet. Dennoch bestehe für die aus dem Weizen zu erzielende Qualität von Gebäck keine Sorge, da die von der Regenperiode zu Erntebeginn im Juli beeinträchtigten Qualitätskriterien hauptsächlich technischer Natur als Kriterium für die Aufnahme in die öffentliche Lagerhaltung, der EU-Intervention, die für die Backfähigkeit eigentlich ausschlaggebenden Werte wie Proteingehalt des Weizens und Alveogramm aber sehr gut seien. Dies teilte heute die Marktordnungsstelle AMA bei einem Pressegespräch in Wien mit. Die Vermarktung dieser Ernte sollte aber bei einiger Anstrengung von allen beteiligten Marktteilnehmern zweifelsohne möglich sein, jedes Jahr sei in der Landwirtschaft naturbedingt anders, relativierte AMA-Vorstand Werner Weihs Sorgen.

Die Erntemenge, so der Vorsitzende des AMA-Fachbeirates Getreide und Präsident der Landwirtschaftskammer Burgenland, Franz Stefan Hautzinger, verfehle zwar den Inlandsverbrauch Österreichs um rund 200.000 t, aber die Marktlage sei dennoch schwierig, weil sich Österreich seit der EU-Erweiterung 2004 in einer zentraleuropäischen Überschussregion in Binnenlage und damit schlechtem Zugang zu den Weltmärkten befinde. Der Ertragsrückgang 2005 ist neben den Witterungsverhältnissen auch auf einen Rückgang der Anbaufläche zurückzuführen, nachdem die EU zur Ernte 2005 die Verpflichtung zur Stilllegung von Ackerflächen auf 10% erhöht hat. Hautzinger schätzt der Erlösausfall für die heimischen Getreidebauern durch die geringeren Erträge und die schwächere Qualität auf EUR 30 bis 40 Mio. Die Stimmung der Bauern sei deshalb "gedrückt", aber eine unmittelbare Auswirkung auf den in den vergangenen Jahren im Ackerbau im Vergleich zum Grünland ohnehin schon schnelleren Strukturwandel sieht Hautzinger nicht. Die Herausforderung bestehe nun darin, durch Nachbearbeitung und die Zusammenstellung homogener Getreidepartien "das Beste aus dieser Ernte zu machen".

Für Preisbildung auch europäisches Umfeld ausschlaggebend

Preise haben sich erst auf Großhandelsstufe gebildet und orientieren sich etwa auf Höhe des Vorjahres bei Mahlweizen mit EUR 101,- bis 103 pro t am EU-Interventionspreis und liegen für Qualitätsweizen mit EUR 118,- bis 123,- pro t darüber. Für die Preisbildung ist aber letztlich auch das europäische Umfeld ausschlaggebend, da sich Österreich in einem globalisierten Markt befindet. Das heißt, es müssten zuerst Ertrags- und Qualitätsdaten aus Deutschland, wo die Ernte erst läuft, aber auch aus den östlichen Nachbarstaaten und dem Schwarzmeerraum, der in den vergangenen Jahren zum "Big Player" aufgestiegen ist, abgewartet werden.

Auf Erzeugerebene hat sich noch kein Preis gebildet. Hautzinger wollte auch keine Zahlen nennen, weil das Feilschen um den Preis einem "Mikado-Spiel" gleicht nach dem Motto, "wer sich zuerst bewegt und eine Zahl nennt, der hat verloren".

Qualität von Brot und Gebäck nicht beeinträchtigt

Hautzinger hofft jedenfalls mit den heimischen Mühlen eine Zusammenarbeit finden zu können, dass die für die Backqualität weniger relevante Untergrenze der Fallzahl von 220 sec. aus der Definition von Mahlweizen heuer relativiert werde. "Gutes Gebäck lässt sich nicht nur mit 220 sec. Fallzahl, sondern auch mit 160 sec. Fallzahl herstellen." Eine andere Option wäre, die besseren Weizenpartien an daran interessierte italienische Mühlen zu verkaufen, dann werde es aber mit dem Rest der Weizenernte für die heimischen Mühlen eng. Futterweizen, weil er die Interventionskriterien der EU nicht erfüllt und damit auch nicht die Mindestpreisgarantie der EU genießt, stehe dagegen unter Preisdruck von "Lieferungen aus dem Osten ex Ernte um jeden Preis". Dies habe seine Ursache in Kapital- und Lagerraummangel sowie im noch unzureichenden Umgang mit der EU-Intervention insbesondere in Ungarn.

Von der EU-Agrarpolitik wünscht sich Hautzinger in diesem Jahr eine Herabsetzung der Interventionskriterien. Man werde aus Österreich mit dieser Forderung zwar bei der EU vorstellig werden, sei sich aber bewusst, dass die Chancen dafür, wenn man nicht andere namhafte Getreide erzeugende Länder mit ähnlichen Interessen als Mitstreiter gewinnt, nicht allzu groß sind.

Weichweizen: 2005 ein Drittel Futterweizen - Verwertung für Energiegewinnung

Von der Weichweizenernte erreicht heuer rund ein Drittel die Kriterien von Qualitätsweizen und rund ein weiteres Drittel nur von Futterweizen, während dieser sonst nur rund 5 bis 10% Anteil am Weizenertrag ausmache. Die Bauern sollten aber vor einem einmaligen "Ausreißer" bei der Qualität nicht resignieren, sagte Hautzinger, sondern die erfolgreiche Strategie von "Qualität statt Quantität" weiter verfolgen. "Die letzten Jahre haben bewiesen, dass für Qualität ein Markt zu finden ist." Als zweite Strategie empfiehlt Hautzinger den Einsatz von Getreide minderer Qualität für die Energieerzeugung, sowohl für den Biotreibstoff Ethanol als auch für Wärmezwecke. Dies könnte nach seinen Vorstellungen letztlich zu einer Verknappung des Angebots führen und den Preis steigen lassen. Bei einem Ölpreis von 65 Cent pro Liter und in Anbetracht der Tatsache, dass 2,5 kg Getreide einen Liter Öl ersetzen und nur rund 20 Cent kosten, "liegt darin ein riesiges Potenzial, über das wir uns drübertrauen sollten". Hautzinger will damit der Landwirtschaft einen größeren Wertschöpfungsanteil an verarbeiteten Lebensmitteln sichern. "Das Scherzel für die Landwirtschaft sollte größer werden", meinte er unter dem Hinweis, der Bauer erhalte zurzeit für den Rohstoff Getreide nur 5% Anteil vom Brot- und 2% Anteil vom Semmelpreis.

Hautzinger bezifferte den Flächenbedarf für das geplante Bioethanol-Werk zur Herstellung von Benzin-Additiven zur Erfüllung der EU-Biokraftstoffrichtline (5,75% Beimischung ab 2008) mit rund 80.000 ha Getreide, Mais und Rüben. Die Erzeugung von Biodiesel zum selben Zweck erfordere ein Produktionspotenzial von 300.000 ha Rapsfläche. Dies sei bei derzeit rund 35.000 ha, wovon auf einem Teil auch für die Speiseölerzeugung angebaut wird, und bei einer Gesamt-Getreidefläche von rund 590.000 ha aber ein eher unrealistisches Ziel. Österreich werde daher Raps für Biodiesel importieren müssen.

Wintergerste und Roggen bringen beste Qualität

Von den einzelnen Kulturen ist Durum heuer stark von Auswuchs geschädigt worden, während Wintergerste bei Qualität und Ertrag am besten abgeschnitten hat. Von der Sommergerste sind wegen zu hoher Proteingehalte nur rund 50% braufähig, mit diesen 180.000 t sei aber der Inlandsbedarf an Braugerste gedeckt. Als spät räumende Frucht hat auch Roggen, insbesondere im Hauptanbaugebiet Waldviertel, wo jetzt erst die Ernte einsetzt, nicht gelitten und bringt sehr gute Qualität. Raps hat mit rund 30 dt/ha zwar einen "nicht so schlechten Ertrag" gebracht, aber es sei mit einem Anbau auf nur 35.000 ha und auch trotz attraktiver Preise wieder nicht gelungen, die Anbaufläche auszudehnen, bedauerte Hautzinger. Die Bauern scheuen offensichtlich das hohe Ertragsrisiko und den hohen Aufwand bei der Kulturführung.

Neue Marktsituation in Mitteleuropa seit EU-Erweiterung

Der Leiter der Abteilung Marktordnungen und Marktberichte in der AMA, Christian Gessl, erläuterte, dass mit der EU-Erweiterung 2004 in Mitteleuropa eine völlig neue Marktsituation entstanden ist. Die Region, der auch Österreich angehört, ist zu einer Überschussregion geworden, wobei der fehlende Zugang zu Meereshäfen und dem Weltmarkt durch vergleichsweise höhere Transportkosten die Vermarktung von Getreide erschwert. Dieses Vermarktungsproblem hat aus der Ernte 2004 die Interventionsbestände der EU von zuletzt (Ende 2003/04) rund 3,6 Mio. t auf knapp 15 Mio. t (Ende 2004/05) Getreide empor schnellen lassen, auch in Österreich musste 2004/05 mit 440.000 t eine Rekordmenge seit dem EU-Beitritt 1995 in die öffentlichen Lager übernommen werden. Dagegen besteht in der EU auf der iberischen Halbinsel ein Getreidedefizit von 15 bis 17 Mio. t. Die hohen Transportkosten aus Zentraleuropa verhinderten aber bisher, dieses Defizit aus EU-Beständen zu decken, statt dessen importieren Spanien und Portugal Getreide aus Übersee. Der gegenüber dem Dollar starke Euro verschafft amerikanischem Getreide zusätzlichen Wettbewerbsvorteil. Ebenso sind die Frachtkosten aus Mitteleuropa zu Mittelmeerhäfen oder über den Donauweg zum Schwarzen Meer für Exporte in die Hauptmärkte der EU, Naher Osten und Nordafrika, sehr von Nachteil.

Global nimmt laut Studien der EU die Produktion und der Verbrauch von Getreide in den nächsten Jahren zu. Dies werde auch das Volumen des internationalen Getreidehandels wachsen lassen.

Damit wird die Marktpolitik der EU, nämlich wie Brüssel Exporte ankurbelt und ob es für eine Versorgung der iberischen Staaten aus EU-Beständen oder Importen sorgen will, so Gessl, heuer für die mitteleuropäischen Staaten entscheidend. Mit rund 262 Mio. t fällt die Getreideernte der EU heuer zwar auch deutlich geringer aus als 2004 mit 283,5 Mio. t, bei einem Eigenverbrauch von 250 Mio. t und namhaften Importströmen aus Drittländern steht aber auch eine namhafte Getreidemenge zum Export oder zur Intervention an. (Schluss) pos

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