- 24.07.2005, 14:29:07
- /
- OTS0027 OTW0027
Schüssel: Europa braucht Identität und Integrität
Rede von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele
Salzburg (OTS) - "Liebe Freunde Salzburgs, liebe Freunde der Kunst
!
Ich will über die Verletzlichkeit unserer, dieser Welt angesichts von
Naturkatastrophen in Europa, angesichts von Bränden aber auch
Überschwemmungen sprechen. Das sind aber nicht die einzigen
Bedrohungen mit denen wir konfrontiert sind. Wurden vor zehn Jahren
etwa nur 100 Cyberattacken gezählt, so hat man voriges Jahr die
Zählung bei 200.000 aufgegeben. Erst in jüngster Zeit kamen
Terroranschläge wie jene in Madrid, in Istanbul oder London als neue
Bedrohungen hinzu.
Wir leben in einer Zeit in der man nachdenken sollte, wie und ob
unsere Welt verletzlich ist. Sie ist es. Und deshalb sollten wir
innehalten und wir sollten uns fragen, was das Wesen unserer
Gesellschaft, unseres europäischen Modells ausmacht. Und wir sollten
uns dessen bewusst sein und sollten uns auch auf eine Begründung,
eine Verteidigung dieser Lebensumstände gefasst machen.
Da ist zunächst einmal die Wertschätzung der persönlichen Freiheit in
allen ihren Dimensionen wesentlich und begründend für das europäische
Modell. Die europäische Lebenskultur ist eine Kultur der Freiheit,
die es auch im Alltag zu verteidigen gilt. Politische, religiöse
Vorstellungen, die dieses Gut der Freiheit in welcher Form auch immer
einschränken wollen, dürfen in Europa nicht die geringste Aussicht
auf Verwirklichung erhalten. In dieser Frage muss Europa einig und
konsequent zusammenstehen. Dass es so ist, haben die Reaktion in den
vergangenen Wochen, Monaten und Jahren bewiesen. Erst gestern hat uns
ein Leitartikel auf den verräterischen Charakter der Sprache
hingewiesen. Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und manche
Fundamentalisten verwenden dieselbe Sprache; sie gleichen sich in
ihren Ausbildungsmethoden und Formen der Indoktrination. All dies ist
der gleiche Schoß, ist die gleiche Mentalität, der es von Demokraten
aller Couleurs und aller Schichten entgegenzutreten gilt.
Ein zweites Merkmal des europäischen Wegs ist unsere Wertschätzung
von Natur und Lebensqualität. Gerade an einem Ort wie Salzburg, in
dem die landschaftliche und kulturelle Schönheit kulminieren, ist
dieses Merkmal besonders hervorzuheben, denn die Natur ist auch ein
verletzlicher Wert. Natur, saubere Luft, klares Wasser, sichere
Lebensmittel, all dies ist nicht so selbstverständlich wie wir
gelegentlich glauben. Wir sollten daher aufhören über unsere Zeit
hinaus die Ressourcen der kommenden Generationen zu verbrauchen. Auch
das ist ein zentraler europäischer Wert. Es ist nicht wichtig wie das
Quartalsergebnis eines Betriebs aussieht. Wichtig ist, dass
mittelfristig und langfristig die Lebensbedingungen für uns alle,
auch für die Wirtschaft, für die Arbeitnehmer und Bauern gesichert
sind.
Dieses Nachhaltigkeitskriterium hat natürlich auch mit dem
Schöpfungsgedanken zu tun. Ich zögere nicht es gerade hier in
Salzburg auszusprechen, wo sich vor 1300 Jahre die ersten
Benediktiner in Sankt Peter niedergelassen haben. Es war der
Vorgänger des heutigen Namensträgers Benedikt, Benedikt XV, der
mitten im Schrecken des Ersten Weltkriegs in seinem berühmten
Friedensmanifest von Europa als dem Garten der Welt gesprochen hat.
Aber ein Garten will gepflegt sein. Die Blumen, die Früchte wollen
gepflegt sein; sie brauchen Zuneigung und Aufmerksamkeit. Dieses
Gartengefühl hat nichts mit "sich selbst genug sein" zu tun. Das ist
eine Hoffnung für viele, die wir hier leben können.
Drittens ist für uns und für unser Lebensgefühl die Gewissheit
konstitutiv, Hilfe zu erhalten, wenn wir Hilfe brauchen. Europa ist
eben keine und darf keine Ellbogenkultur sein. In Amerika, das wie
wir Demokratie und Freiheit kennt, ist eben Solidarität primär zur
Privatsache geworden. In Asien trägt die Familie die Hauptlast für
soziale Verantwortung. In Europa ist diese Solidarität auch
institutionell abgesichert. Aber auch diese Solidarität ist
verletzlich; sie ist keineswegs selbstverständlich und sie ist
jederzeit neu durch Standortqualität und wirtschaftliche Leistung
abzusichern.
Und dann meine ich: wesentlich für Europa ist das Kulturverständnis:
Der Klang Europas. Es ist eben ein Leben und Genießen in Vielfalt.
Europa ist nicht Einfalt, ist nie Monokultur gewesen. Europa lag und
liegt immer an den Spannungen, an den Differenzen auch an
Dissonanzen, kulturell zwischen Okzident und Orient, zwischen dem
Byzantinischen und dem Lateinischen. Und natürlich ist gerade
Salzburg mit seiner kulturellen Präsentation, wo Künstler aus
dutzenden Ländern an dieser Salzburger Identität mitwirken, ein ganz
besonders schönen Beispiel dafür. Daher: Europa ist niemals ein
Status, Europa ist immer ein Prozess.
Meine Damen und Herren!
All das was ich hier gesagt habe ist wichtig, ist verletzlich und ist
kostbar. Und keine UNO, keine Europäische Kommission, kein Staat oder
keine Institution können dies vollständig sichern, schützen und
garantieren. Ich glaube, dass wir vor allem zunächst in dieser Zeit,
in der viele Fragezeichen über Europa hängen, eine europäische
Öffentlichkeit brauchen, damit sich Europa über seine Ziele im Klaren
wird. Und dieser Prozess soll in Rede und Gegenrede, in Sicherheit
und Klarheit erfolgen. Europa braucht Identität und Integrität. Das
ist genau die alte Frage, die bereits Friedrich Heer oder Viktor
Frankl einst angesprochen haben. Wir müssen den Sinn bewahren. Europa
hat auch Grenzen und Begrenzungen, und ich meine das nicht
ausschließlich geographisch, sondern in einem viel umfassenderen
Sinn. Wir müssen lernen zu zeigen, dass Freiheit nur möglich ist,
wenn sie auch Verantwortung annimmt und sie sich ihrer bewusst ist.
Eine europäische Zukunft wird nicht automatisch entstehen, sondern
kommt aus einer nachdenklichen Reflexion. Sie wird nicht aus dem
Nachbeten von EU Mantras, die man immer schon vorgefertigt hat,
entstehen, sondern aus dem eigenen Entwickeln eines solchen
Lebensgefühls. Und Leistung und Solidarität bedingen einander mittel-
und längerfristig. Und ein buntes Zusammenleben ist eben nur dort
möglich, wo es Toleranz gibt.
Meine Damen und Herren!
Ich sage ganz bewusst: man kann auch mitten auf diesem Kontinent
leben, in London, in Madrid, vielleicht auch in Salzburg ohne in
Europa überhaupt angekommen zu sein, geistig angekommen zu sein. Ist
das nicht merkwürdig? Könnte nicht diese Schwäche, diese
Verletzlichkeit unseres Lebensgefühls oder Lebensmodells dann zur
Stärke werden, wenn Sie, wenn wir uns alle bereit erklären, dieses
europäische Lebensmodell auch wirklich öffentlich und in unserem
Alltagsleben zu verteidigen; wenn wir eben nicht weglaufen und
wegsehen und die Dinge und die Probleme wegreden, sondern - wozu uns
auch die Kunst zwingt- hinzusehen, inne zu halten, stand zu halten,
zuzuhören und sich einzulassen?
Sie wissen, dass wir am 1. Jänner 2006 die Ehre und Verantwortung
haben als Österreicher auf allen Ebenen den Vorsitz in der EU zu
übernehmen. Ich möchte daher diese Gedanken der Identität Europas mit
aufnehmen und an den Beginn unserer Präsidentschaft stellen. Am 27.
Jänner gedenken wir des 250. Geburtstags von Wolfgang Amadeus Mozart.
Wir wollen hier in Salzburg unter dem Titel "Der Klang Europas",
Sound of Europe" eine große Konferenz veranstalten. Vielfalt,
Harmonie und auch Dissonanzen können da mitschwingen. Daher:
Willkommen Salzburger Festspiele 2005, auf Wiedersehen in Salzburg
2006."
Rückfragehinweis:
Bundespressedienst
Tel.: (01) 531 15
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NBU






