- 13.07.2005, 18:20:11
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DER STANDARD-Kommentar, Ausgabe vom 14. Juli 2005: "Niederlage im Antiterrorkampf" von Markus Bernath
"London zeigt: Der Westen bekämpft die Terroristen, nicht den Terrorismus"
Wien (OTS) - Die Briten sind schockiert, die Europäer auf dem
Kontinent fühlen sich ohnmächtig, die aufgeklärten unter den
arabischen Führern wie Jordaniens König Abdullah beklagen ihre
Frustration: Die Anschläge von London sind eine verheerende
Niederlage für den seit 9/11 nun bald vier Jahre währenden Kampf des
Westens gegen den Terrorismus. Die Identität der mutmaßlichen
Attentäter aber - vier junge Briten pakistanischer Abstammung -
verstärkt nur noch diesen Strudel der Gefühle.
Schock, weil die Antiterrorkampagne ganz offensichtlich den
Zusammenhalt einer so formierten und zugleich multikulturellen
Gesellschaft wie der britischen zersetzt hat und selbst integrierte
Jugendliche aus scheinbar intakten Familien zu Bombenlegern werden.
Ohnmacht, weil diese ersten Selbstmordattentate in Europa kaum zu
verhindern waren, nachdem sich die von keinem Geheimdienst erkannten
Bürger-Terroristen erst einmal in Bewegung gesetzt hatten. "Die
Sicherheit in einer so lebendigen und liberalen Stadt hat ihre
Grenzen", räumte Londons Polizeichef Ian Blair doch ein.
Frustration schließlich, weil sich in den vier Jahren seit 9/11
praktisch nichts am Befund des islamistischen Terrorismus geändert
hat: Die ungerechte Behandlung der Palästinenser durch Israel führen
die arabischen Führer weiter als Ursache für den Extremismus in den
muslimischen Gemeinschaften an; die fatale Mischung von politischer
Unfreiheit und wirtschaftlichem Missmanagement von Rabat bis Damaskus
verschweigen sie weiter.
Sperrwall und Landnahme in Nahost, die staatlich herbeigeführte
Unterentwicklung der arabischen Länder - belegt durch mittlerweile
drei umfangreiche Studien der UNO im Gefolge des 11. September 2001 -
sind der Nährboden, auf dem die Rachefantasien muslimischer
Extremisten in Europas Großstädten gedeihen. Der Irakkrieg aber
garantiert, dass dieser Nährboden auf absehbare Zeit auch nicht
austrocknet.
"9/11 war im September 2001 nicht 2003", verteidigte sich am
Mittwoch ein Sprecher des britischen Premierministers, will heißen:
Der Terrorismus hat nicht erst mit dem Irakkrieg vor zwei Jahren
begonnen, und der Krieg gegen Saddam Hussein war natürlich nur Teil
und Etappe des weltweiten Antiterrorkampfs. Das ist ein Denkfehler,
der das grundsätzliche Versagen des Westens im Kampf gegen den
Terrorismus offen legt. Bezeichnenderweise wird dieser Fehler von
muslimischen Extremisten bereitwillig übernommen. Denn was könnte
absurder sein, als im Namen des Islam den Terror von Al-Kaida im Irak
zu unterstützen, wenn Abu Mussab al-Zarkawi, der angebliche
Al-Kaida-Führer im Irak, gezielt schiitische Muslime angreifen lässt,
um einen Bürgerkrieg zu provozieren?
Terror und die Terrorbekämpfung sind ein sich selbst ernährendes
System der Gewalt geworden. Der Westen bekämpft Terroristen, aber
nicht den Terrorismus; die Folgen, aber nicht die Ursachen des
Extremismus. Der Westen hat Trittbrettfahrer wie den russischen
Präsidenten Wladimir Putin oder zentralasiatische Autokraten wie
Islam Karimov in Usbekistan, die die Legitimität des
Antiterrorfeldzugs schmälern. Vor allem aber hat er Feldherren in
dieser weltweiten Schlacht, die wie George W. Bush und Tony Blair
immun gegen jede Kritik sind.
Stillhaltepolitiker wie hier zu Lande - Österreichs Neutralität habe
dazu geführt, dass man sich nicht am Irakkrieg beteiligt habe,
erklärte Bundespräsident Heinz Fischer dieser Tage, "das hat auch
einen gewissen Stellenwert" - können keine Alternative im Kampf gegen
den Terrorismus sein. Was soll geschehen, wenn die Regierung
tatsächlich einmal in dieser Frage der Moral von ihren Bürgern Opfer
verlangen muss? Wegducken?
Und natürlich sind auch die Schutzmaßnahmen seit 9/11 nicht
erfolglos geblieben: Die Anschläge von London hätten noch viel
verheerender ausfallen können. Die Ursachen des Terrorismus wird der
Westen trotzdem beseitigen müssen.
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