• 24.06.2005, 13:38:27
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Gedankenjahr 2005: Jüdische Österreichische HochschülerInnen senden offenen Brief an Rektor Winckler

"Was hätten Sie als jüdischer Student gefühlt, wenn Polizei und inoffizielle RFS-Saalordnern Ihnen den Zugang zum NIG verwehren?"

Wien (OTS) -
OFFENER BRIEF

Sehr geehrter Rektor Winckler!

Die Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen veranstalteten am
Dienstag den 21. Juni 2005 ein Treffen, bei dem der von Dr.in Gudrun
Hauer geschilderte Vorfall im NIG am 11. Juni 2005 diskutiert wurde.

Die verspätete Reaktion unsererseits geht einerseits mit der
Geheimhaltung der Bewilligung der Auftaktveranstaltung des
Schiller-Kommers einher: Im Vorfeld wurde gegenüber der ÖH die
Abhaltung einer Veranstaltung der Burschenschaften verneint. Nachdem
nicht dezidiert nach einer Veranstaltung des RFS gefragt wurde,
fühlte man sich allem Anschein nach nicht freiwillig dazu
verpflichtet, der studentischen Öffentlichkeit über das geplante
Symposium und deren Akteure Auskunft zu geben. Auf der Homepage des
‚alleinigen Veranstalters' befindet sich weder ein Eintrag zum
Schiller-Kommers, noch zum Schillersymposium. Dass der ‚Organisator
einer wissenschaftlich fundierten Veranstaltung' auf der eigenen
Seite nicht auf den Programmpunkt hinweist, bestätigt die vermutlich
angestrebte (erfolgreiche) Geheimhaltung. Andererseits steht sie mit
der unzureichenden Berichterstattung in Verbindung: Am Abend unseres
Treffens bzw. bis zum heutigen Tage waren der Augenzeuginnenbericht
und der Brief an den Rektor der Universität Wien von Gudrun Hauer
unsere einzigen Anhaltspunkte, dennoch möchten wir die aktuellen
Meldungen in diesen Brief mit einfließen lassen.

Gestern Abend wurde im Oberen Belvedere bei einer
Kurier-Veranstaltung über das Geschichtsbild der ÖsterreicherInnen
diskutiert. Der Vorfall am 11. Juni 2005 zeigt eine deutliche
Diskrepanz zwischen dem (offiziellen) Geschichtsbild und einem der
Vergangenheit entsprechenden Geschichtsbewusstsein auf, welches mit
einer gewissen Sensibilität für die Bedürfnisse von Opfergruppen und
einer Sensibilisierung im Umgang mit Opfergruppen einher gehen
sollte. Dementsprechend können wir nicht davon ausgehen, dass aus der
Kenntnis des Geschichtsbildes auch ein Geschichtsbewusstsein
entsteht, das in der Lage ist, die Erfahrungen und das Wissen über
die Vergangenheit in die lebendige Gegenwart zu übertragen.

Die vom RFS geplante und durchgeführte Veranstaltung entspricht zwar
dem Beschluss des Senats, Räumlichkeiten der Universität für
Veranstaltungen der ÖH-Fraktionen bereitzustellen. Dennoch erscheint
es uns unerklärlich, weshalb dem RFS genehmigt wurde, eine
Auftaktveranstaltung zu einem von Burschenschaften organisierten
Kommers durchzuführen, bei dem einschlägig rechtsorientierte Gruppen
an Organisation und Durchführung beteiligt waren. Dadurch wurde über
Um- und Schleichwege bestimmten Organisationen die Übernahme gewisser
Machtpositionen erlaubt bzw. ermöglicht. Die Universität hat dem Ring
Freiheitlicher Studenten und somit den Burschenschaften das Recht
zugesprochen, ein gesamtes Universitäts-Gebäude zu räumen, um ihnen
die Abhaltung einer geschlossenen Gesellschaft in unangebrachtem
Ausmaß zu gestatten. Die ‚Sperre des NIG' mit Hilfe der Polizei und
eines ‚Ordnerdienstes' kommt doch eher einer Besetzung als einem
friedlichen Beisammensein nahe, nachdem andere StudentInnen aus dem
universitären Bereich ausgeschlossen wurden.

Insbesondere die Vertretung der schlagenden Burschenschaft Olympia
und die Anwesenheit von MEP Andreas Mölzer weisen darauf hin, dass
womöglich nicht ‚ausschließlich Leben und Wirken des großen deutschen
Dichters Friedrich Schiller' gewürdigt wurden. Weiters weist die
irreführende Wortwahl des RFS darauf hin, dass nicht bloß ein
Symposium abgehalten wurde, sondern auch ‚hochkarätige
Persönlichkeiten' diskutierten. Wir möchten uns davor hüten,
Irgendjemanden der Nichteinhaltung des Verbotsgesetzes oder der
Wiederbetätigung zu beschuldigen, dennoch muss sich die Universität
bereits im Vorfeld darüber im Klaren gewesen sein, dass sie
möglicherweise eine rechte Zusammenkunft begünstigt und im Zuge
dessen Raum und Nährboden für unpassende Worte und fragwürdiges
Gedankengut an der Universität bereitstellt und fördert. JedeR
österreichische BürgerIn sollte entrüstet sein, dass es
Burschenschaften immer noch möglich ist, über die Universität
Bedeutung und Freiräume zu erlangen.

Am 2. Mai 1945 hielt emer. Univ.-Prof. Dr. Kurt Schubert die erste
Lehrveranstaltung nach dem Zweiten Weltkrieg, anlässlich der
Wiedereröffnung der Universität Wien wurde er gebeten, am 2. Mai 2005
eine Jubiläumsvorlesung zum Thema "Zionismus und jüdische Identität"
abzuhalten. Im Kontext der letzten Vorkommnisse erscheint diese
schöne Geste dennoch als Heuchelei. Ob Österreich wirklich solche
Signale für die Zukunft setzen will, war ein zentraler Punkt unserer
Diskussion; in Bezug auf die Universität wurde deutlich gemacht, dass
im Zuge solcher Vorkommnisse von keinem Studenten/keiner Studentin
erwartet werden kann, ein beständiges Vertrauensverhältnis zum
Rektorat aufzubauen. Für uns jüdische StudentInnen und andere
Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs bedeutet ein solch gefühlsloser
Umgang die Beeinflussung und Beeinträchtigung des persönlichen
Wohlgefühls an der Universität und bereitet uns Angst und Besorgnis.

Solcherlei Vorfälle sind im Gedenkjahr 2005 leider keine Seltenheit,
vor allem offizielle österreichische RepräsentantInnen haben sich
"bemüht" darzulegen, welches Geschichtsbewusstsein Eingang in die
österreichische Identität gefunden hat und sind der in Erwartung
gestellten Sensibilität in Bezug auf die österreichische
Vergangenheit nicht gerecht geworden. In diesem Fall war es eine
offizielle Institution der Republik Österreich, welche
Burschenschaften erneut Macht und Raum überreichte und ein
unreflektiertes öffentliches Geschichtsbewusstsein zu Tage legte. Das
Gedenkjahr 2005, welches offiziell eine positiv sinnstiftende Rolle
einnehmen soll, entspricht nur dem Anschein nach der öffentlichen
Auseinandersetzung. Das Ereignis am 11. Juni 2005 erweckt ebenso wie
viele andere Veranstaltungen auch eher den Eindruck eines Jubiläums.

Was hätten Sie gefühlt, wenn Sie als jüdischer Student im
Gedankenjahr 2005 von Polizei und inoffiziellen Saalordnern des RFS
von der Universität geschickt worden wären, damit RFS und
Burschenschaften, insbesondere die beim DÖW als einschlägig
rechtsextrem eingestufte Gruppe Olympia, eine vor der Öffentlichkeit
geschützte Veranstaltung abhalten können?

Besorgte Grüße,
Jüdische Österreichische HochschülerInnen

Wien, am 24. Juni 2005

Rückfragehinweis:
Jüdische HochschülerInnen in Österreich
Kontakt über Tel.: (01) 53 104-270

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | IKG

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