• 20.06.2005, 17:52:02
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DER STANDARD-Kommentar "Verdrängter Nomadismus" von Gerfried Sperl

Am Weltflüchtlingstag werden wir an ein ganz anderes Europa erinnert - Ausgabe vom 21.6.2005

Wien (OTS) - An die siebzig oder älter sind heute jene
Österreicher, die sich an ihr eigenes Schicksal als Flüchtlinge im
Gefolge des Zweiten Weltkriegs erinnern. Und die jüngsten unter den
gebürtigen Ungarn, die 1956 nach ihrer Flucht in Österreich blieben,
sind auch schon über fünfzig. Die jüngeren haben - zum Glück für sie
- diese teilweise traumatischen Erfahrungen nicht machen müssen. Sie
kennen, wenn überhaupt, nur die andere Seite. Und reagieren oft
extrem, wenn sie über Straftaten von Asylanten in den Zeitungen
lesen. Dass die Mehrheit nicht in die Kriminalität abdriftet, ist
keine "Mann beißt Hund"- Meldung. Sie bleibt Statistik.

Der üblicherweise verkraftbare Tagesbedarf an Schreckensbildern wird
ohnehin, wie heute, vom Irak abgedeckt. In den Flüchtlingslagern in
Afrika dominiert der schleichende Tod, in den Palästinenserlagern
graben Enttäuschung und Hass das Innere der Menschen um. Wir stehen
daneben und beruhigen unser Gewissen mit Spenden oder mit Bewunderung
für die Ärzte, Helfer, Konfliktmanager aus den Menschenrechtsgruppen.
Oder bemühen uns, in den Medien für Solidarität und Lösungen zu
werben. Auch dann, wenn nicht Weltflüchtlingstag ist.

Wir wissen nicht, wie dramatisch die Situation wäre, wenn es all die
Initiativen nicht gäbe. Und die "Regelung" allein der Polizei oder
gar dem Militär überlassen bliebe. Die sind schon an jenen Stellen
überfordert, wo sich alles konzentriert.

Zum Beispiel in Nordafrika, in der spanischen Enklave Ceuta. Inder
beispielsweise zahlen 10.000 Euro und werden von Schleppern über
Dubai nach Addis Abeba gebracht. Von dort müssen sie selbst
weiterkommen, ausgerüstet allerdings mit falschen Pässen, Erspartem
und praktischem Wissen: "Du musst nach Ceuta, dort ist Europa." Sie
kommen über Zäune oder über das Wasser, weil das Polizeiradar nicht
alle erfasst. Trotz der Thermokameras, die im Grunde jeden Fisch
erkennen. Irgendwie schaffen sie den Sprung nach Spanien. Zehn
Prozent derer, die diese Absicht haben. Trotzdem so viele, dass
Spanien mit einer Million Illegalen lebt. Bekannter als Ceuta ist die
italienische Insel Lampedusa, wo der Flüchtlingsstrom ähnlich
drängend ist. Oder ganz woanders: Über Brest in Weißrussland strömen
Tschetschenen nach Polen. 80 Prozent von ihnen werden wieder
zurückgeschickt. Zwanzig Prozent bleiben. Man sieht an ihnen nur die
Folgen von Schusswunden oder anderer Gewalt. Die seelischen Schäden
bleiben verdeckt.

International weniger bekannt sind das östliche Niederösterreich und
das Nordburgenland, wo das Bundesheer Dienst tut. Auch hier kommen
die Flüchtlinge eingeschlichtet unter Lkw-Böden, verpackt in Koffern
oder in Teppichen. Europa wehrt sich (Stichwort Schengen) und wirkt
als Festung, ist von Findigen aber trotzdem zu knacken.

Lösungen? Die nahe liegende ist die Rückkehr von Flüchtlingen in
ihre Heimat. Obwohl die Zahl der Menschen "in fluchtähnlichen
Situationen" auf bald 20 Millionen gestiegen ist, sind seit Ende 2001
nach UNO-Auskünften fünf Millionen wieder zurück. Allein 3,5 Mio.
nach Afghanistan. In den Neunzigerjahren hat die Beruhigung auf dem
Balkan ebenfalls zu einer Rückkehrwelle geführt.

Österreich hat derzeit 57.000 Flüchtlinge und Asylwerber. Viel. Aber
mit nationalen Kraftanstrengungen zu bewältigen. Es gibt viele
Aspekte, vor allem auch jene der Kritik an den Asylgesetzen und an
der Asylpraxis. Was sich Österreich viel initiativer leisten sollte,
sind Bildungsinvestitionen. Caritas-Präsident Franz Küberl nennt
einen der vielen Missstände: "Selbst hoch qualifizierte Flüchtlinge
finden nur Hilfsarbeiterjobs." Auch sie, nicht nur weniger gut
Gebildete, laufen Gefahr, Sozialfälle auf Lebenszeit zu werden. Wir
brauchen (warum nicht auch im Gesundheitswesen?) neue Jobkonzepte.

Die Verantwortlichen sollten handeln. Aber das ist ohnehin schon
eine alte Schallplatte.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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