Rede Staatssekretär Franz Morak anlässlich der Ausstellungseröffnung "Das neue Österreich" am 12. Mai 2005 (Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mit der heutigen Eröffnung der großen Staatsvertragsausstellung hier im Belvedere strebt das "Gedankenjahr 2005" seinem Höhepunkt zu. Ich glaube, dass es für uns - damit meine ich alle, die am Zustandekommen dieser Ausstellung beteiligt waren - ein bewegender Moment ist, die Ausstellung "Das neue Österreich" drei Tage vor dem 50. Jahrestag des Staatsvertrages, genau am Ort der Unterzeichnung eröffnen zu können. Und es ist mehr als eine Geste, wenn das damals unterzeichnete Original des Staatsvertrages erstmals seit 1955 an den Ort der Unterzeichnung zurückgekehrt ist, handelt es sich doch um jenes Dokument, das unserem Land vor genau einem halben Jahrhundert seine Freiheit und volle Souveränität zurückgegeben hat!

Weltpolitisch war es ein "Window of opportunity", das sich nach der Wahl Eisenhowers, dem Tod Stalins und dem Ende des Koreakrieges eine kurze Zeit lang für Österreich zu öffnen begann. Es war das Verdienst der daran beteiligten Politiker, allen voran Julius Raabs, das enge Fenster, das sich damals aufgetan hatte, zu erkennen und zu öffnen. Wie die in den vergangenen Tagen seitens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstaltete Staatsvertragskonferenz in Wien gezeigt hat, war dieses Fenster noch viel kleiner als wir bisher angenommen haben. Es gelang den österreichischen Politikern, wie es der französische Historiker Georges-Henri Soutou im Eröffnungsvortrag dieser Konferenz formulierte "die Gunst der Stunde oder besser gesagt die Gunst des Augenblicks zu nützen."

Zu Recht geht die heutige Ausstellung über ihren unmittelbaren Anlass weit hinaus. Sie spannt einen breiten Bogen über die Entwicklung unseres Landes im zwanzigsten Jahrhundert insgesamt. Es geht um die Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte Österreichs. Genauso werden die durch die Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Verwerfungen deutlich gemacht. Ausführlich befasst sich die Ausstellung mit der sechzigsten Wiederkehr der Errichtung der Zweiten Republik, der Zeit der Besatzung und Bevormundung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, und den Jahren, die von Hunger und Entbehrungen geprägt waren, ehe die Schau den Wiederaufbau Österreichs und das österreichische Wirtschaftswunder Revue passieren lässt.

Wie ein roter Faden zieht sich ein rot-weiß-rotes Farbband durch die Ausstellung. Das innovative museumsdidaktische Konzept ist für das Erlebbarmachen der Geschichte unseres Landes von großer Bedeutung. Dem Gestalterteam Peichl/Kohlbauer gebührt in diesem Zusammenhang meine besondere Anerkennung.

Wesentlich im Zusammenhang mit der Ausstellung "Das neue Österreich" ist mir, dass es sich dabei um eine gemeinsame Initiative eines Personenkomitees, das sich um Dr. Hannes Androsch konstituiert hat, der Stadt Wien und des Bundes handelt. Für diese gemeinsame Kraftanstrengung möchte ich allen Beteiligten, insbesondere Dr. Androsch und seinem Komitee Dank sagen. Diese breite Trägerschaft und das große Team an Wissenschafterinnen und Wissenschaftern um Günter Düriegl, Ernst Bruckmüller, Herbert Matis, Anton Pelinka und Manfried Rauchensteiner, die an dieser Ausstellung federführend mitgearbeitet haben, zeigt, dass die Ausstellung "Das neue Österreich" die Geschichte unseres Landes in gebotener Breite ausmisst, analysiert und zur Diskussion stellt.

Ich bin überzeugt, dass die Intention dieser Großausstellung, eine lebendige Diskussion über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf Basis differenzierter Standpunkte zu initiieren, in Erfüllung gehen wird.

Ich freue mich, dass diese Großausstellung im Schloss Belvedere stattfindet und dass es gelungen ist, den Marmorsaal, also den historischen Ort der Staatsvertragsunterzeichnung, erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik zu restaurieren und wieder auf Hochglanz zu bringen.

In diesem Zusammenhang möchte ich den Direktor der Österreichischen Galerie, Herrn Hofrat Dr. Gerbert Frodl, der sich mit Verve für diese Restaurierung eingesetzt hat, in einer besonderen Weise erwähnen.

Die Ausstellung "Das neue Österreich" zeigt in ihrem letzten Teil, wie eng die jüngste Gegenwartsgeschichte unseres Landes mit dem Schicksal Europas und der Europäischen Integration verknüpft ist. Auch hier möchte ich nochmals auf den historischen Ort des Belvederes Bezug nehmen:

  • 1955 wurde hier von fünf Außenministern der Staatsvertrag unterzeichnet.
  • Im Herbst 1998 ist hier während der ersten österreichischen EU-Präsidentschaft, das Europa der damals 15 eingezogen.
  • Im nächsten Jahr wird hier zur zweiten Präsidentschaft unseres Landes ein Europa der 25 zu Gast sein. Vielleicht kann diese ansteigende Zahlenreihe ein wenig die Dynamik jenes Prozesses illustrieren, in dem wir uns befinden und den wir momentan gefordert sind, aktiv mitzugestalten.

Schon Bruno Kreisky hat in seinen Memoiren darauf hingewiesen, dass der Staatsvertrag und die Helsinki-Konferenz Mitte der siebziger Jahre ähnliche Merkmale aufwiesen, nämlich, dass beide bestrebt waren, die Kluft des Kalten Krieges zu relativieren. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn der von mir bereits eingangs zitierte Georges-Henri Soutou darauf hinwies, dass der österreichische Staatsvertrag "einen Baustein auf dem Weg zu einem neuen Europa ab 1989/90" darstellte.

60 Jahre 2. Republik, 50 Jahre Staatsvertrag und 10 Jahre EU-Mitgliedschaft markieren zentrale Ereignisse unserer Geschichte. Es führt ein direkter Weg von der Unabhängigkeit Österreichs über den Staatsvertrag zur Europäischen Union, zu ihrer Erweiterung und ihrer Vertiefung. Die Bejahung der europäischen Integration ist die Antithese schlechthin zu Nationalismus, Totalitarismus und Diktatur, wie sie im vergangenen Jahrhundert so leidvoll die Geschichte unseres Kontinents prägten!

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nützen wir die Chance, die uns das Jubiläumsjahr 2005 bietet! Fügen wir ein Puzzle aus Impressionen der letzten 60 Jahre zusammen, aus dem jeder und jede einzelne Teile für sich mitnehmen kann. Dabei ist mir ein differenzierter und generationenübergreifender Zugang zur Geschichte unseres Landes wichtig und eine kritische und unvoreingenommene Reflexion der Vergangenheit. Am Ende soll ein in die Zukunft gerichteter Blick stehen.

Gerade deshalb wünsche ich mir, dass die heute zu eröffnende Ausstellung den Blick nach vorne lenkt und ausgehend von der Reflexion über die Geschichte Österreichs im zwanzigsten Jahrhundert Perspektiven für unsere Rolle im künftigen Europa öffnet!

In diesem Sinne möchte ich nochmals allen Historikerinnen und Historikern und Gestaltern der Staatsvertragsausstellung "Das neue Österreich" zu der wissenschaftlich und didaktisch ausgezeichnet gestalteten Schau gratulieren, ihr viel Erfolg und möglichst viele Besucherinnen und Besucher wünschen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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Staatssekretariat für Kunst und Medien
Mag. Katharina Stourzh
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