• 12.05.2005, 11:13:48
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Rede Staatssekretär Franz Morak anlässlich der Ausstellungseröffnung "Das neue Österreich" am 12. Mai 2005 (Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mit der heutigen Eröffnung der großen Staatsvertragsausstellung hier
im Belvedere strebt das "Gedankenjahr 2005" seinem Höhepunkt zu. Ich
glaube, dass es für uns - damit meine ich alle, die am Zustandekommen
dieser Ausstellung beteiligt waren - ein bewegender Moment ist, die
Ausstellung "Das neue Österreich" drei Tage vor dem 50. Jahrestag des
Staatsvertrages, genau am Ort der Unterzeichnung eröffnen zu können.
Und es ist mehr als eine Geste, wenn das damals unterzeichnete
Original des Staatsvertrages erstmals seit 1955 an den Ort der
Unterzeichnung zurückgekehrt ist, handelt es sich doch um jenes
Dokument, das unserem Land vor genau einem halben Jahrhundert seine
Freiheit und volle Souveränität zurückgegeben hat!

Weltpolitisch war es ein "Window of opportunity", das sich nach der
Wahl Eisenhowers, dem Tod Stalins und dem Ende des Koreakrieges eine
kurze Zeit lang für Österreich zu öffnen begann. Es war das Verdienst
der daran beteiligten Politiker, allen voran Julius Raabs, das enge
Fenster, das sich damals aufgetan hatte, zu erkennen und zu öffnen.
Wie die in den vergangenen Tagen seitens der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften veranstaltete Staatsvertragskonferenz in
Wien gezeigt hat, war dieses Fenster noch viel kleiner als wir bisher
angenommen haben. Es gelang den österreichischen Politikern, wie es
der französische Historiker Georges-Henri Soutou im Eröffnungsvortrag
dieser Konferenz formulierte "die Gunst der Stunde oder besser gesagt
die Gunst des Augenblicks zu nützen."

Zu Recht geht die heutige Ausstellung über ihren unmittelbaren Anlass
weit hinaus. Sie spannt einen breiten Bogen über die Entwicklung
unseres Landes im zwanzigsten Jahrhundert insgesamt. Es geht um die
Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte Österreichs. Genauso
werden die durch die Zeit des Nationalsozialismus entstandenen
Verwerfungen deutlich gemacht. Ausführlich befasst sich die
Ausstellung mit der sechzigsten Wiederkehr der Errichtung der Zweiten
Republik, der Zeit der Besatzung und Bevormundung nach der
Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, und den Jahren, die von Hunger
und Entbehrungen geprägt waren, ehe die Schau den Wiederaufbau
Österreichs und das österreichische Wirtschaftswunder Revue passieren
lässt.

Wie ein roter Faden zieht sich ein rot-weiß-rotes Farbband durch die
Ausstellung. Das innovative museumsdidaktische Konzept ist für das
Erlebbarmachen der Geschichte unseres Landes von großer Bedeutung.
Dem Gestalterteam Peichl/Kohlbauer gebührt in diesem Zusammenhang
meine besondere Anerkennung.

Wesentlich im Zusammenhang mit der Ausstellung "Das neue Österreich"
ist mir, dass es sich dabei um eine gemeinsame Initiative eines
Personenkomitees, das sich um Dr. Hannes Androsch konstituiert hat,
der Stadt Wien und des Bundes handelt. Für diese gemeinsame
Kraftanstrengung möchte ich allen Beteiligten, insbesondere Dr.
Androsch und seinem Komitee Dank sagen. Diese breite Trägerschaft und
das große Team an Wissenschafterinnen und Wissenschaftern um Günter
Düriegl, Ernst Bruckmüller, Herbert Matis, Anton Pelinka und Manfried
Rauchensteiner, die an dieser Ausstellung federführend mitgearbeitet
haben, zeigt, dass die Ausstellung "Das neue Österreich" die
Geschichte unseres Landes in gebotener Breite ausmisst, analysiert
und zur Diskussion stellt.

Ich bin überzeugt, dass die Intention dieser Großausstellung, eine
lebendige Diskussion über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
auf Basis differenzierter Standpunkte zu initiieren, in Erfüllung
gehen wird.

Ich freue mich, dass diese Großausstellung im Schloss Belvedere
stattfindet und dass es gelungen ist, den Marmorsaal, also den
historischen Ort der Staatsvertragsunterzeichnung, erstmals in der
Geschichte der Zweiten Republik zu restaurieren und wieder auf
Hochglanz zu bringen.

In diesem Zusammenhang möchte ich den Direktor der Österreichischen
Galerie, Herrn Hofrat Dr. Gerbert Frodl, der sich mit Verve für diese
Restaurierung eingesetzt hat, in einer besonderen Weise erwähnen.

Die Ausstellung "Das neue Österreich" zeigt in ihrem letzten Teil,
wie eng die jüngste Gegenwartsgeschichte unseres Landes mit dem
Schicksal Europas und der Europäischen Integration verknüpft ist.
Auch hier möchte ich nochmals auf den historischen Ort des Belvederes
Bezug nehmen:

- 1955 wurde hier von fünf Außenministern der Staatsvertrag
unterzeichnet.
- Im Herbst 1998 ist hier während der ersten österreichischen
EU-Präsidentschaft, das Europa der damals 15 eingezogen.
- Im nächsten Jahr wird hier zur zweiten Präsidentschaft unseres
Landes ein Europa der 25 zu Gast sein.
Vielleicht kann diese ansteigende Zahlenreihe ein wenig die Dynamik
jenes Prozesses illustrieren, in dem wir uns befinden und den wir
momentan gefordert sind, aktiv mitzugestalten.

Schon Bruno Kreisky hat in seinen Memoiren darauf hingewiesen, dass
der Staatsvertrag und die Helsinki-Konferenz Mitte der siebziger
Jahre ähnliche Merkmale aufwiesen, nämlich, dass beide bestrebt
waren, die Kluft des Kalten Krieges zu relativieren. Insofern ist es
nur folgerichtig, wenn der von mir bereits eingangs zitierte
Georges-Henri Soutou darauf hinwies, dass der österreichische
Staatsvertrag "einen Baustein auf dem Weg zu einem neuen Europa ab
1989/90" darstellte.

60 Jahre 2. Republik, 50 Jahre Staatsvertrag und 10 Jahre
EU-Mitgliedschaft markieren zentrale Ereignisse unserer Geschichte.
Es führt ein direkter Weg von der Unabhängigkeit Österreichs über den
Staatsvertrag zur Europäischen Union, zu ihrer Erweiterung und ihrer
Vertiefung. Die Bejahung der europäischen Integration ist die
Antithese schlechthin zu Nationalismus, Totalitarismus und Diktatur,
wie sie im vergangenen Jahrhundert so leidvoll die Geschichte unseres
Kontinents prägten!

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nützen wir die Chance, die uns
das Jubiläumsjahr 2005 bietet! Fügen wir ein Puzzle aus Impressionen
der letzten 60 Jahre zusammen, aus dem jeder und jede einzelne Teile
für sich mitnehmen kann. Dabei ist mir ein differenzierter und
generationenübergreifender Zugang zur Geschichte unseres Landes
wichtig und eine kritische und unvoreingenommene Reflexion der
Vergangenheit. Am Ende soll ein in die Zukunft gerichteter Blick
stehen.

Gerade deshalb wünsche ich mir, dass die heute zu eröffnende
Ausstellung den Blick nach vorne lenkt und ausgehend von der
Reflexion über die Geschichte Österreichs im zwanzigsten Jahrhundert
Perspektiven für unsere Rolle im künftigen Europa öffnet!

In diesem Sinne möchte ich nochmals allen Historikerinnen und
Historikern und Gestaltern der Staatsvertragsausstellung "Das neue
Österreich" zu der wissenschaftlich und didaktisch ausgezeichnet
gestalteten Schau gratulieren, ihr viel Erfolg und möglichst viele
Besucherinnen und Besucher wünschen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NBU

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