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"Presse"-Kommentar: Stalins Rückkehr am "Tag des Sieges" (von Burkhard Bischof)
Ausgabe vom 9. Mai 2005
Wien (OTS) - 27 Millionen Sowjetbürger starben im Zweiten
Weltkrieg
- viele davon hat Moskau selbst auf dem Gewissen.
Niemand in Europa, auch nicht Esten, Letten oder Litauer,
bestreitet ernsthaft, welche unermesslichen Opfer die Völker
Sowjetunion für die Niederringung der nationalsozialistischen
Terrormaschine erbracht haben. 27 Millionen Sowjetbürger haben
zwischen 1941 und 1945 ihr Leben gelassen - das sind viel, viel mehr,
als alle anderen Staaten der Anti-Hitler-Koalition zusammen.
Unter diesen 27 Millionen sind auch Millionen Russen, aber eben
nicht nur Russen. Prozentuell haben Ukrainer und Weißrussen, deren
gesamtes Staatsgebiet von den Hitler-Truppen okkupiert worden war,
mehr unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gelitten als
die Russen. Aber das hinderte und hindert Moskau nicht, den Sieg über
Hitler vor allem als einen russischen Sieg darzustellen.
So wird es auch heute wieder sein, wenn auf dem Roten Platz an
Präsident Wladimir Putin und seinen gut fünf Dutzend Staatsgästen aus
aller Welt russische Truppen vorbeimarschieren. Der "Tag des Sieges",
so sagen Kenner, ist jenes Datum, das die gesamte russische
Bevölkerung vereint. Die Niederwerfung Hitler-Deutschlands hat sich
als die historische Großtat Russlands tief ins kollektive Gedächtnis
eingebrannt. Und die Moskauer Machthaber haben es immer gut
verstanden, diesen Umstand politisch auszunutzen.
Sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg ist das
Zeremoniell in Moskau deshalb weitgehend dasselbe wie in den
vergangenen sechs Jahrzehnten, sind auch die Argumente immer noch die
gleichen. Der (selbst-) kritische Blick zurück, das vielfach so
schmerzliche Hinterfragen des eigenen Tuns in den dreißiger und
vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - das war gerade in der
kurzen Phase von Michail Gorbatschows Perestrojka und in den ersten
paar Jahren der Herrschaft Boris Jelzins möglich. Dann wurden die
Archive wieder zugesperrt.
Kein Wunder also, dass jetzt wieder riesige Stalin-Porträts durch
die Straßen Moskaus getragen werden, wieder Stalin-Denkmäler
errichtet werden, es Forderungen gibt, Städte, Straßen und Plätze
wieder nach dem Georgier zu benennen. Stalin ist zurück in Russland -
und die wenigen liberalen Intellektuellen, die sich dort noch etwas
zu sagen trauen, behaupten, im Blick auf die Vergangenheit sei
Russland heute hinter die Entstalinisierung, die 1956 von Nikita
Chruschtschow eingeleitet worden war, zurückgefallen.
Tatsächlich: Wer in der russischen Elite redet heute davon, dass
Stalin ab 1937, vier Jahre vor dem deutschen Überfall, die Rote Armee
praktisch enthauptet hat, als er die meisten fähigen Militärführer
liquidieren ließ? Wer redet heute offen davon, dass Stalin 1939, zwei
Jahre vor dem Überfall, mit Hitler "gepackelt", Osteuropa in
Einflusszonen aufgeteilt und der Sowjetführer so den Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs zumindest begünstigt hat? Wer redet davon, dass
bis am Vorabend der "Operation Barbarossa" im Juni 1941 sowjetische
Rohstoff- und Warenlieferungen an Hitler-Deutschland erfolgten,
Stalin also die deutsche Kriegsmaschinerie mit geölt hat?
Wer von den Moskauer Regierenden erinnert heute daran, mit welch
beispielloser Härte und Grausamkeit nicht nur gegen die deutschen
Aggressoren, sondern vor allem auch gegen die eigenen Leute, Stalins
Sieg über Hitler errungen wurde? (Einer der letzten Aufrechten, der
die Dinge ungeschminkt beim Namen nennt, der "Vater" von Perestrojka
und Glasnost, Alexander Jakowlew, spricht etwa davon, dass eine
Million Sowjetsoldaten von ihren eigenen Kameraden erschossen wurden:
wegen "Feigheit vor dem Feind" oder anderer angeblicher Vergehen.)
Wer redet in Moskau darüber, dass ganze Völker wie Inguschen,
Tschetschenen oder Krimtataren wegen angeblicher "Kollaboration mit
dem Feind" von Stalin nach Zentralasien deportiert wurden.
Solange aber dieser "innere" Aufarbeitungsprozess in Russland vom
Kreml aus blockiert wird, solange wird die russische Führung auch
nicht bereit sein, sich den "äußeren" Konsequenzen des sowjetischen
Vormarsches bis nach Mitteleuropa ungeschminkt zu stellen. Denn das
hieße für Moskau, einzugestehen, dass der Befreiung Ostmitteleuropas
durch die Rote Armee eine jahrzehntelange Phase des
Sowjetkolonialismus folgte.
Eine ehrliche Geschichtsaufarbeitung in Russland aber wird es erst
dann einsetzen, wenn Josef Stalin endlich als das gesehen wird, was
er war: ein monströser Tyrann, der bis zu 20 Millionen seiner eigenen
Untertanen auf dem Gewissen hat.
OTS0040 2005-05-08/17:58
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