• 29.04.2005, 17:29:28
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"Presse"-Kommentar: Antikapitalismus als Folklore (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 30. April 2005

Wien (OTS) - Auch der moderne Mensch braucht seine Rituale: Am 1.
Mai wird wieder der Klassenkampf aufgeführt.
Die Kapitalismuskritik hat eine lange Tradition, und es gibt, wie
in jeder Tradition, haltbarere und weniger haltbare Überlieferungen,
eindrucksvollere und weniger eindrucksvolle Dokumente. Zu den
beeindruckendsten Texten der Kapitalismuskritik gehört Walter
Benjamins aus dem Jahr 1921 stammendes Essay-Fragment über den
"Kapitalismus als Religion". Der Kapitalismus, schreibt Benjamin, sei
eine Religion "ohne Traum und Gnade" und die einzige, deren Kult
nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Charakter habe. Diese
Beschreibung wurde oft aktualisiert, vor wenigen Jahren auch von Carl
Amery, der in seinem Buch "Global Exit" die Ansicht vertrat, dass die
einzige Chance der christlichen Kirchen, in unseren Tagen eine
relevante Größe zu bleiben, darin bestünde, sich als
"Gegenkonfession" zur Religion des totalen Marktes zu etablieren.
In der Tat haben sich die christlichen Kirchen immer in die
aktuellen Diskussionen über eine gerechte Wirtschaftsordnung
eingebracht. Dieses Engagement reicht von der Sozialenzyklika "Rerum
novarum" Papst Leos XIII. bis zu "Laborem exercens" von Johannes Paul
II. Gerade der verstorbene Papst ist nie müde geworden, nach dem
Untergang des Staatssozialismus auch die Auswirkungen eines
ungezügelten Kapitalismus zu kritisieren.
Ihren Reiz und ihre semantische Kraft bezog die christlich
motivierte Kapitalismuskritik immer auch aus dem routinierten Umgang
mit Bildern. Amery beispielsweise verglich in seiner "Global
exit"-Analyse die gehetzten Börsianer, die allabendlich die
Kurstabellen ausbreiten, mit den Söhnen Israels, die sich über die
Thorarollen beugten. Zugleich haben diese bildmächtigen Analysen den
Nachteil, dass sie sich rasch verselbstständigen und die ökonomische
Realität aus dem Blick verlieren.
Das säkulare Gegenstück zu den kirchlichen Interventionen sind die
Feiern zum 1. Mai, bei denen alljährlich die werktätigen Massen
darauf eingeschworen werden, sich im Kampf um ihre Rechte nicht den
Mächten des Kapitals zu unterwerfen, sich dem "Turbokapitalismus" zu
widersetzen, der die Reichen reicher und die Armen ärmer macht.
Während der 90er Jahre hatten diese Mai-Aufrufe einen etwas
weltfremden Charakter angenommen angesichts des globalen Siegeszuges
der Marktwirtschaft. Heuer aber finden die europäischen
Gewerkschafter und Sozialdemokraten geradezu ideale Bedingungen für
ihre Feierstunde vor: Die Kapitalismuskritik hat wieder
Hochkonjunktur. Deutschsprachige Spitzenmedien wie "Der Spiegel" und
"Die Zeit" veröffentlichen großflächige Artikelserien zu dem Thema,
Nachrichten von internationalen Konzernen, die Rekordgewinne
einfahren und gleichzeitig in großem Stil Arbeitsplätze abbauen,
zeigen Wirkung.
Politisch hat die aktuelle Debatte in Deutschland der
SPD-Vorsitzende Franz Müntefering angezettelt. Er erwartet sich davon
Rückenwind für die Wahlen in Nordrhein-Westfalen, die am 22. Mai
geschlagen werden, und so ist es kein Wunder, dass laut "Spiegel" 57
Prozent der Deutschen die Kapitalismuskritik des SPD-Chefs für
"Wahlkampfrhetorik" halten, während nur 30 Prozent glauben, dass
"Müntes" politische Ansagen auch konkrete Auswirkungen haben werden.
Kein Wunder: Müntefering fordert das Gegenteil von dem, was die
rot-grüne Regierung derzeit - aus gutem Grund - politisch umsetzt.
Die Politik, sagen die Kapitalismus-Kritiker, müsse sich die
gesellschaftliche Gestaltungsmacht zurückerobern, die sie im Zuge der
Globalisierung an die Wirtschaft verloren habe. Klingt gut, nur: Was
heißt das? Etwa eine Rückkehr zur mühsam und noch immer nicht
ausreichend abgebauten Überregulierung? Das wäre angesichts des
wachsenden Rückstandes, den die wirtschaftliche Dynamik Europas etwa
im Vergleich zu den Vereinigten Staaten aufweist, geradezu
selbstmörderisch.
Das Schlagwort von der "Rückgewinnung der politischen
Handlungsspielräume" lässt sich gut vermarkten. Die Realität sieht,
auch in Österreich, anders aus: Wir leiden nach wie vor an einem
"Zuviel" an Politik, nicht an einem "Zuwenig". Die zentrale Aufgabe
der Politik bestünde darin, jene Bereiche, die sie selbst ökonomisch
verantwortet - soziale Sicherungssysteme, Bildung, Forschung,
Infrastruktur - so effizient zu gestalten, wie das erfolgreiche
Unternehmen tun. Was in Wahlkämpfen und bei Maifeiern verbreitet
wird, ist kaum mehr als antikapitalistische Folklore.

OTS0322    2005-04-29/17:29

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