Die Bequemlichkeit der Unbequemen

"Presse"-Leitartikel von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Der Innsbrucker Politologe Anton Pelinka hielt am Dienstagabend den Festvortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Die junge Republik - Alltagsbilder aus Österreich 1945-1955" in der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Unterscheidung zwischen dem "bequemen" Erinnerungsdatum 1955 und dem "unbequemen" Erinnerungsdatum 1945, die er darin ansprach (einen Auszug aus dem Vortrag finden Sie auf der gegenüberliegenden Seite), vor allem aber seine Interpretation dieser Differenz trifft den Nerv der "Gedankenjahr"-Debatte. Pelinka suggeriert in der Tradition der "kritischen" Intellektuellen Österreichs, dass die "Erfolgsgeschichte" der Zweiten Republik, die heute mehrheitlich mit dem "Österreich ist frei" des Staatsvertrags-Jubiläums verknüpft wird, eigentlich eine Betrugsgeschichte ist. Dass die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Errungenschaften, derer wir Heutige uns erfreuen dürfen, materiell und ideell auf der Verdrängung der österreichischen Beteiligung am nationalsozialistischen Möderregime beruhen und damit in gewisser Weise einer Ausbeutung der Opfer gleichkommen. Materiell dadurch, dass man Restitutionsfragen einvernehmlich auf die lange Bank schob. Ideell, indem man sich nicht lange mit der eigentlich angebrachten Gewissenserforschung aufhielt, sondern sich freudig dem in der Moskauer Deklaration von 1943 grundgelegten "Opfer-Mythos" hingab. Pelinka erhebt damit implizit einen Vorwurf gegen die öffentliche Inszenierung des "Gedankenjahres", der im linken Spektrum der österreichischen Gesellschaft seit Jahrzehnten als common sense gilt:
Hier werde nicht erinnert, sondern verdrängt. Diese Sicht auf den Umgang mit der österreichischen Vergangenheit hat einen kleinen Schönheitsfehler: Sie geht schon seit fast 20 Jahren an der Realität vorbei.

Es stimmt ganz einfach nicht, dass im Jahre 2005 ein Teil der österreichischen Gesellschaft den Sieg der Alliierten als "Niederlage" empfindet, während ein anderer Teil ihn als "Befreiung" interpretiert. Die Erinnerung an das Jahr 1945 bezeichnet heute keine signifikante Trennlinie, auf deren einer Seite die "bequemen" Verdränger herumlümmeln, während auf der anderen, der guten Seite, die "unbequemen" Verkünder der historischen Wahrheit aufrecht stehen. Die wahre intellektuelle Bequemlichkeit unserer Tage besteht darin, dieses alte Klischee immer weiter fortzuschreiben, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass die schmerzlichen, aber notwendigen Auseinandersetzungen um die Rolle Österreichs und der Österreicher in der Zeit des Nationalsozialismus, wie sie in der Waldheim-Debatte der späten 80er Jahre geführt wurden, das geleistet haben, was sie leisten sollten: Die überwältigende Mehrheit der Bürger dieses Landes hat einen sehr klaren Blick auf die Geschichte ihres Landes.
Wer die verschwindende Minderheit derer, die 1945 heute noch als "Niederlage" sehen und die Besatzungszeit für mindestens ebenso schlimm halten wie die NS-Herrschaft, als relevanten "Teil der österreichischen Gesellschaft" vorstellt, verstößt gegen die Regeln der intellektuellen Redlichkeit. Es käme ja auch niemand ernsthaft auf die Idee, die Minderheit jener, die das mörderische Stalin-Regime als glanzvolle Periode des Antifaschimus in Ehren halten, als "Teil der österreichischen Gesellschaft" zu problematisieren.

Richtig ist gleichwohl, dass durch die Art, wie das "Gedankenjahr" inszeniert wird, eine Chance vertan wird: die Chance der Aktualisierung dieser Erinnerung. So müsste im Zentrum des Erinnerns an die Wiedererrichtung der Republik vor 60 Jahren die Frage stehen, ob die Rahmenbedingungen, die damals erarbeitet wurden, auch heute noch geeignet sind, das politische und gesellschaftliche Leben der Republik zu tragen. Eine Aufgabe, die der Verfassungskonvent gehabt hätte. Er ist gescheitert, weil er mit Leuten besetzt wurde, denen es um die Verteidigung der Jahrzehnte alten Strukturen ging statt um die Anpassung an die heutigen Verhältnisse. Ähnliches gilt für die bevorstehenden Staatsvertragsfeiern: Schön, dass wir die Originalurkunde bewundern dürfen. Aber was haben wir davon, wenn schon die Frage, ob die damals als Stein der Weisen angesehene Neutralität im Jahr 2005 wirklich ein taugliches Mittel zu Gestaltung der europäischen Gegenwart ist, als Sakrileg gilt? Interessanterweise wehren sich gerade jene gegen solche Aktualisierungen, die in der historischen Debatte die Rolle der "Unbequemen" beanspruchen: Es gibt auch eine Bequemlichkeit der Unbequemen.

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