• 20.04.2005, 18:17:59
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DER STANDARD-Kommentar:Trügerischer Ruf nach Einheit - von Gerfried Sperl

Papst Benedikt XVI. und die vielen Schatten, über die er springen müsste - Ausgabe vom 21.4.05

Wien (OTS) - Vielleicht erklärt sie Benedikt XVI. demnächst
selbst: die Beweggründe für die Wahl dieses Namens. Am meisten dürfte
sie mit dem Ordensgründer der Benediktiner zu tun haben, dem
Schutzpatron Europas. Etwas weniger mit Benedikt XV., der vergeblich
versucht hat, die unheilvollen Entwicklungen ab 1914 zu stoppen oder
wenigstens zu bremsen. Der sich, laut späterer Interpretation, den
Ruf einer vorsichtigen Annäherung an die Moderne erworben hat.

Die ersten Erklärungen des deutschen Papstes deuten darauf hin. Er
will, um die "Einheit der christlichen Kirchen" zu erreichen, "Taten"
setzen und nicht nur schön reden. Das hat was. Denn Kriege in Europa
(und nicht nur hier) waren auch in jüngster Zeit sehr oft
Religionskriege. Siehe Jugoslawien. Dazu passt, dass Ratzinger aus
einem Land stammt, das (wie Österreich auch) die Nachwirkungen von
Reformation und Gegenreformation spürt.

Doch welche Taten will der Gegner gemeinsamer Eucharistiefeiern
setzen? Wo doch selbst der Begriff "Einheit" so gemeint ist, dass die
Protestanten sich zumindest theologisch unterwerfen sollen? Kommt
Benedikt den Evangelischen und Anglikanern entgegen, indem er seine
eigenen Priester heiraten und Frauen zu Priesterinnen weihen lässt?
Wohl kaum.

Dasselbe gilt von der Ankündigung einer "Versöhnung zwischen Glauben
und Vernunft". Der Rückzug des katholischen Glaubens aus der Politik
und der Einzug der Vernunft in die Politik waren die große
Errungenschaft der Aufklärung. Und der Beginn einer
"Zivilgesellschaft", die selbst in Europa noch nicht vollendet ist.
Denn dazu gehört die Respektierung persönlicher Überzeugungen und die
volle Anerkennung der Religionsgemeinschaften. Nicht jedoch die
Rückkehr von religiösen Werten in die Verfassungstexte.

Zu erwarten sind daher große Begegnungen mit viel Brimborium und dem
neuen Papamobil, einer langen, schwarzen Mercedes-Limousine. Was
einer Korrektur der bisherigen Ästhetik gleichkäme: die Angleichung
des Oberhaupts im Vatikan an das Protokoll rund um andere
Großmacht-Präsidenten. Ob Benedikt XVI. auch jene
Massen bewegt, die sein Vorgänger begeistern konnte, werden seine
ersten Auslandsbesuche zeigen; in Polen und in Deutschland.

In den drängenden Fragen seiner Kirche (Pille, Kondom,
Wiederverheiratete, Laienpredigt) müsste er über den eigenen Schatten
springen, hat er doch höchstpersönlich die deutschen Bischöfe
gezwungen, sich sogar aus der Schwangerschaftsberatung
zurückzuziehen. Soll er jetzt auf einmal nachgeben? Jeder Schritt in
die Richtung von Lockerungen wäre deshalb eine nicht erwartbare
Sensation.

Da all die Kardinäle, die bis auf ganz wenige (darunter der als
"progressiv" eingestufte Jesuit Carlo Maria Martini) vom
Wojtyla-Papst ernannt und von Ratzinger mit ausgesucht wurden, war
immer klar, dass sie einen Mann dieses Zuschnitts wählen würden. Dass
sie sich gleich und so schnell für den engsten Vertrauten des
verstorbenen Papstes entscheiden würden, war etliche Tage nicht
gewiss. Ab Montagmittag aber klar, als der schließlich Gewählte kurz
vor dem Konklave eine programmatische Predigt hielt (dieder Standard
in seiner gestrigen Ausgabe exklusiv in Österreich abgedruckt hat).

Deshalb und weil Ratzinger schon 78 Jahre alt ist, muss er als
Übergangspapst eingestuft werden. Das bedeutet weder Farblosigkeit
noch Tatenlosigkeit. Seine erste Enzyklika wird erste Wege weisen.
Und das erste Konsistorium (Kardinalsernennungen) unter ihm wird
Aufschluss darüber geben, welche Richtung er unterstützt und
forciert.

Nach den äußerst unterschiedlichen weltweiten Medienreaktionen zu
schließen, müsste er zur Einstimmung mehr tun, als Einheitsappelle zu
formulieren und Tatendrang zu signalisieren. Vielleicht denkt er
manchmal an Konrad Adenauer, der weit über siebzig war, als er
deutscher Kanzler wurde. Beweglich war der.

OTS0255    2005-04-20/18:17

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