"Die Presse" Leitartikel: "Rasch handeln - nachdenken kann man später auch noch!" (von Michael Prüller

Ausgabe vom 22.2.2005

Wien (OTS) - Das Vorgehen der Bundesregierung in Sachen Bildungspolitik nach Pisa erinnert den Cineasten an eine berühmte Szene der Schwarz-Weiß-Hollywood-Komödie "Six of a Kind" (1934). Dort fällt am Rande eines Frühstücks am Canyon ein junger Mann in den Abgrund, bleibt aber gerade noch an dem unvermeidlich, aus dem Steilhang ragenden dürren Ast hängen. Oben auf der Wiese verwandelt sich die Idylle schlagartig in Tumult. "Tut doch was, werft mir etwas herunter!", ruft der Abgestürzte. Worauf seine Freundin in ihrer Panik den prallen Picknick-Koffer ergreift und in kühnem Schwung über die Kante schleudert. Im Film geht das dann doch noch gut aus. Weniger gut stehen die Chancen beim Bildungsreform-Slapstick, den die Regierung der Öffentlichkeit bietet. Eben nach dem Motto: Schnell irgendetwas getan, nachdenken kann man ja nachher immer noch! ("Und der Kanzler blicket stumm um den ganzen Tisch herum", möchte man noch aus einem anderen Klassiker, dem "Struwelpeter", hinzuentlehnen.) Ein Hoffnungsfunken glimmt allerdings: Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hat jetzt (ach, schon?) eine Reformkommission angekündigt, die sich über Schulstrukturen den Kopf zerbrechen soll. Das klingt endlich nach Professionalisierung. Vielleicht sogar danach, dass vor der Bildungspolitik auch einmal die Bildungswissenschaft zu Wort kommen könnte.
Irgendwie hätte man doch gedacht, dass eine genaue Analyse der Pisa-Ergebnisse der Debatte vorangehen hätte müssen. Wir wissen ja noch gar nicht, woran das immer noch gute, aber eben nicht ausgezeichnete Abschneiden der österreichischen Schüler liegt. An den Lehrplänen? An der Motivation, und da eher an jener der Schüler oder der Lehrer? An der Lehrerbildung? Am Schulsystem? An der Länge der Schultage oder der Ferien? Oder gar an der Art und der Zusammensetzung des Pisa-Tests? An dem Mischungsverhältnis der Schultypen bei der Testgruppe (international sind ja keine zwei Typen wirklich vergleichbar)? Pisa-generierte Reformvorschläge ohne diese vorauseilende Analyse sind etwa so sinnvoll wie Rettungsversuche mit Picknick-Körben.
Das renommierte deutsche Ifo-Institut hat übrigens auf der Basis der Pisa-Ergebnisse des Jahres 2000 nach statistisch relevanten Faktoren für gute oder schlechte Pisa-Noten geforscht. Das Ergebnis ist recht unspektakulär - und weit entfernt von den Lieblingsinhalten der österreichischen Bildungsdiskussion: Externe Abschlussprüfungen - wie es sie etwa in Finnland, Frankreich oder Bayern gibt - verbessern signifikant das Niveau. Am besten im Verein mit Schulautonomie, was die Wahl der Lehrbücher, die innerschulische Budgeterstellung oder die Lehrereinstellung betrifft. Kleinere Klassenschülerzahlen sind laut dieser Studie nicht signifikant. Sehr wohl aber der Bildungshintergrund der Eltern. Der habe sogar den größten Einfluss auf die Leistung der Schüler (und ist in Österreich auch genauso mittelmäßig wie die Pisa-Ergebnisse). Insgesamt beruhten bis zu 85 Prozent der Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Ländern auf diesen Faktoren. Nur beim Rest spielten auch Unterschiede des Schulsystems mit. Soviel zur realen Bedeutung der Gesamtschul-Frage aus Pisa-Sicht.

Man kann nur hoffen, dass die Kommissionen, die nun für das Bildungsministerium arbeiten, ihren Vorschlägen etwas mehr wissenschaftliches Fundament angedeihen lassen, als man bisher in der Debatte erkennen konnte (wozu auch die Opposition beiträgt, die uns auch noch nicht nachgewiesen hat, ob Pisa-Liebkind Finnland wegen oder trotz seines Gesamtschulsystems so gut abschneidet). In diesem Zusammenhang erscheint das von der ÖVP angekündigte Ende der Zwei-Drittel-Hürde für Schulgesetze besonders widersinnig:
Nachweislich vernünftige Reformvorschläge müssten doch immer eine breite Mehrheit finden. Und andere wollen wir gar nicht.

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