• 21.02.2005, 17:50:51
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"Die Presse" Leitartikel: "Rasch handeln - nachdenken kann man später auch noch!" (von Michael Prüller

Ausgabe vom 22.2.2005

Wien (OTS) - Das Vorgehen der Bundesregierung in Sachen
Bildungspolitik nach Pisa erinnert den Cineasten an eine berühmte
Szene der Schwarz-Weiß-Hollywood-Komödie "Six of a Kind" (1934). Dort
fällt am Rande eines Frühstücks am Canyon ein junger Mann in den
Abgrund, bleibt aber gerade noch an dem unvermeidlich, aus dem
Steilhang ragenden dürren Ast hängen. Oben auf der Wiese verwandelt
sich die Idylle schlagartig in Tumult. "Tut doch was, werft mir etwas
herunter!", ruft der Abgestürzte. Worauf seine Freundin in ihrer
Panik den prallen Picknick-Koffer ergreift und in kühnem Schwung über
die Kante schleudert. Im Film geht das dann doch noch gut aus.
Weniger gut stehen die Chancen beim Bildungsreform-Slapstick, den die
Regierung der Öffentlichkeit bietet. Eben nach dem Motto: Schnell
irgendetwas getan, nachdenken kann man ja nachher immer noch! ("Und
der Kanzler blicket stumm um den ganzen Tisch herum", möchte man noch
aus einem anderen Klassiker, dem "Struwelpeter", hinzuentlehnen.)
Ein Hoffnungsfunken glimmt allerdings: Bildungsministerin Elisabeth
Gehrer hat jetzt (ach, schon?) eine Reformkommission angekündigt, die
sich über Schulstrukturen den Kopf zerbrechen soll. Das klingt
endlich nach Professionalisierung. Vielleicht sogar danach, dass vor
der Bildungspolitik auch einmal die Bildungswissenschaft zu Wort
kommen könnte.
Irgendwie hätte man doch gedacht, dass eine genaue Analyse der
Pisa-Ergebnisse der Debatte vorangehen hätte müssen. Wir wissen ja
noch gar nicht, woran das immer noch gute, aber eben nicht
ausgezeichnete Abschneiden der österreichischen Schüler liegt. An den
Lehrplänen? An der Motivation, und da eher an jener der Schüler oder
der Lehrer? An der Lehrerbildung? Am Schulsystem? An der Länge der
Schultage oder der Ferien? Oder gar an der Art und der
Zusammensetzung des Pisa-Tests? An dem Mischungsverhältnis der
Schultypen bei der Testgruppe (international sind ja keine zwei Typen
wirklich vergleichbar)? Pisa-generierte Reformvorschläge ohne diese
vorauseilende Analyse sind etwa so sinnvoll wie Rettungsversuche mit
Picknick-Körben.
Das renommierte deutsche Ifo-Institut hat übrigens auf der Basis der
Pisa-Ergebnisse des Jahres 2000 nach statistisch relevanten Faktoren
für gute oder schlechte Pisa-Noten geforscht. Das Ergebnis ist recht
unspektakulär - und weit entfernt von den Lieblingsinhalten der
österreichischen Bildungsdiskussion: Externe Abschlussprüfungen - wie
es sie etwa in Finnland, Frankreich oder Bayern gibt - verbessern
signifikant das Niveau. Am besten im Verein mit Schulautonomie, was
die Wahl der Lehrbücher, die innerschulische Budgeterstellung oder
die Lehrereinstellung betrifft. Kleinere Klassenschülerzahlen sind
laut dieser Studie nicht signifikant. Sehr wohl aber der
Bildungshintergrund der Eltern. Der habe sogar den größten Einfluss
auf die Leistung der Schüler (und ist in Österreich auch genauso
mittelmäßig wie die Pisa-Ergebnisse). Insgesamt beruhten bis zu 85
Prozent der Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Ländern auf
diesen Faktoren. Nur beim Rest spielten auch Unterschiede des
Schulsystems mit. Soviel zur realen Bedeutung der Gesamtschul-Frage
aus Pisa-Sicht.

Man kann nur hoffen, dass die Kommissionen, die nun für das
Bildungsministerium arbeiten, ihren Vorschlägen etwas mehr
wissenschaftliches Fundament angedeihen lassen, als man bisher in der
Debatte erkennen konnte (wozu auch die Opposition beiträgt, die uns
auch noch nicht nachgewiesen hat, ob Pisa-Liebkind Finnland wegen
oder trotz seines Gesamtschulsystems so gut abschneidet). In diesem
Zusammenhang erscheint das von der ÖVP angekündigte Ende der
Zwei-Drittel-Hürde für Schulgesetze besonders widersinnig:
Nachweislich vernünftige Reformvorschläge müssten doch immer eine
breite Mehrheit finden. Und andere wollen wir gar nicht.

OTS0179    2005-02-21/17:50

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