"Die Presse" Glosse: "Quo vadis, Latein?" (von Michael Prüller)

Wien (OTS) - Gehen wir sofort in medias res: Der Lateingebrauch droht - horribile dictu - in Österreich auszusterben. In den Schulen wird das Fach bald nicht mehr unterrichtet werden. Nicht weil das Schülerinteresse etwa erlahmt, nein: es gehen die Lateinprofessoren aus - und die sind bekanntlich eine conditio sine qua non. Im vergangenen Jahr, einem wahren annus horibilis, gab es nur zwei (!) Studienabsolventen im Fach Latein in ganz Österreich. Alea iacta esto, kann man da nur sagen: Wenn da kein deus ex machina auftaucht, wird es bald keinen Unterricht mehr geben, oder die höheren Schulen müssen nolens volens auf nichtgraduierte Pädagogen zurückgreifen (aber auch die werden weniger).
Mutatis mutandis ist dies die Neuauflage eines Lateinlehrer-Schwundes, wie es ihn schon vor 35 Jahren gegeben hat. Offenbar gibt es nicht nur einen Schweinezyklus, sondern notabene auch einen der Altphilologie-Absolventen. Drum ist nicht auszuschließen, dass das Interesse, Latein zu lehren, nicht ganz verebbt, sondern auch wieder einen Aufschwung erlebt. Nehmen wir also die Hiobsbotschaft cum grano salis. Sollte gerade jetzt, wo übers Englische soviel neue lateinische Ausdrücke in unsere Sprache gekommen sind - von Computer und digitalem Video über den Manager und das Design bis hin zum Kondom -, und wo humanistische Bildung als Luxusgut fast schon wieder so etwas wie cool ist, der Spruch docendo discimus wirklich niemanden mehr in die Lateininstitute unserer Universitäten locken?
Ist es also verfrüht, ein memento mori anzustimmen? Oder wird die bald einsetzende Knappheit an Lehrkräften all jenen Bildungspolitikern ein Handlungssignal sein, die der toten Sprache schon längst den Todesstoß versetzen wollen (Sie wissen schon: Et tu, Brute usw.)? Wir sagen: in dubio pro reo. Und schließen damit diese Glosse, bevor wir uns ad infinitum in Latinismen verlieren.

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