DER STANDARD-Kommentar "Auf dem industriellen Holzweg" von Michael Bachner

"Ein genereller Überstundenabbau schadet Österreich mehr, als er Betrieben nützt" vom 17.2.2005

Wien (OTS) - Die Debatte um die Arbeitszeit, ob nun länger oder bloß flexibel länger wurde im Vorjahr in deutschen Großkonzernen losgetreten und mitten im Sommerloch vom damals neuen Industriepräsidenten Veit Sorger nach Österreich importiert. Heuer im Jänner hat Sorger endlich Farbe bekannt, für all jene, die seinen Hintergedanken noch nicht verstanden hatten: Die Löhne müssen sinken, sonst würden zahlreiche Betriebe zusperren. Die teuren Überstunden sind offenbar an allem schuld.

Die Überschrift "Arbeitszeitflexibilisierung" ist dabei bewusst verharmlosend gewählt. Flexibel will oder muss heutzutage fast jeder sein. Man denke nur an allein erziehende Mütter, die Arbeits- und Kindergartenöffnungszeiten flexibel unter einen Hut bringen müssen. Dass die Wirtschaft nicht an eine Flexibilisierung denkt, mit der sich betriebliches und privates Leben besser vereinbaren lässt, liegt auf der Hand. Andernfalls gebe es wohl längst jene Ladenöffnungszeiten bis hin zum offenen Sonntag, gegen die sich die selbe Wirtschaftskammer seit jeher sperrt.

Auch der sozialistischer Umtriebe unverdächtige Wirtschaftsfreund und -minister Martin Bartenstein sagte, Lohndumping und Lohnkürzungen kämen nicht in Frage. Klar ist, flexible Schichtmodelle in der Sachgüterproduktion verbessern die Maschinenauslastung und reduzieren die Fixkosten.

Genau deshalb gibt es diese Arbeitszeitmodelle ja längst, etwa im BMW-Motorenwerk in Steyr. Als dort Mitte Jänner eine Erweiterungsinvestition von 300 Millionen Euro beschlossen wurde, hieß es: Sorry, bei uns gibt es leider keine zusätzlichen Jobs.

Trotz solcher Beispiele kommen Wirtschaftsvertreter unverdrossen mit Argumenten aus der Globalisierungs-Mottenkiste: Der Standort Österreich sei in Gefahr, das Lohnniveau viel zu hoch. Positive Lohnstückkosten-Vergleiche mit den Haupthandelspartnern werden ignoriert. Als Maßstab gilt nur noch der günstigere EU-Osten. Steuerentlastung, Lohnnebenkostensenkung, alles scheint ihnen zu wenig. Ein Überstundenabbau bringe nochmals 300 Millionen Euro und 5000 neue Jobs, so die Arbeitgeber-Botschaft.

Dabei ist die Frage müßig, ob nun in der Wirtschaftskammer oder bei BMW Steyr die Grundrechnungsarten außer Kraft gesetzt wurden. Der zentrale Widerspruch besteht zwischen betriebswirtschaftlich sinnvollem und volkswirtschaftlich gefährlichem Denken.

Einzelbetrieblich müssen unnötige Kostenfaktoren selbstverständlich aufgedeckt und wenn möglich beseitigt werden. Das ist die Logik des Systems. Aber volkswirtschaftlich gesehen, kann die geforderte "Minimierung" eines für 400.000 Arbeitnehmer - und Konsumenten -wichtigen Einkommensbestandteiles die Kaufkraft und -lust erheblich belasten.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Eine Debatte über eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten, im Sinne von neuen, innovativen, warum nicht einmal menschenfreundlichen Modellen kann durchaus brauchbare Ideen hervor bringen. Dazu muss diese Debatte aber richtig aufgezogen sein und darf nicht in eine Lohnsenkungsdiskussion hineinlaufen. Umso mehr als seit vier Jahren ständig bedauert wird, dass die Konjunktur aufgrund der schwachen Inlandsnachfrage nicht vom Fleck kommt.

Der Spitzenökonom und frühere Wifo- Chef Helmut Kramer hat das Grundproblem folgendermaßen dargestellt: "Es geht nicht darum, mehr zu arbeiten und Gleiches zu produzieren, die eigentliche Herausforderung sei, Neues zu produzieren. Österreich müsse innovativer werden." Zentral ist dabei die Weiterbildung, sagt sein Nachfolger Karl Aiginger und fordert Kombinationsmodelle aus flexiblen Arbeitszeiten und zusätzlicher Qualifikation.

Wer jedenfalls glaubt, dass Österreich durch das Streichen von Überstunden und dem Zurückfahren der Löhne den Kostenwettbewerb mit Osteuropa oder gar Asien aufnehmen sollte, ist definitiv auf dem Holzweg.

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