"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Es geht um Bildung" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 12. Februar 2005

Innsbruck (OTS) - Es geht los. Am Montag trifft man sich in Wien
zum Reformdialog über das Thema Bildung, konkret über das heimische Schulwesen. Die politischen Positionen sind bezogen, die Argumentationen vorbereitet. Ob der Dialog hält, was er verspricht, wird sich erweisen. Vorauseilende Zweifel sind erlaubt und angebracht. Im Vorfeld war zu wenig vom eigentlichen Anlass die Rede, wurden zu häufig alte politische Rechnungen beglichen, wofür die Bildungspolitik immer wieder herhalten muss. Fast scheint vergessen worden zu sein, dass die Ursache für die gegenwärtige Aufgeregtheit in der PISA-Studie liegt und was darin steht.
Dieser internationale Vergleich von Schülerleistungen ergab für Österreich einen alarmierenden Befund. Dieser lautet: Ein Fünftel der 15-/16-jährigen Schüler ist in der Lesekompetenz bei einer fünfstufigen Skala auf Stufe eins oder darunter. Diese Jugendlichen sind "nicht unbedingt als Analphabeten einzustufen", sagen die Autoren der Studie, aber: "Schüler auf und unter Level 1 sind gefährdet, im Lauf ihres Lebens in ihrer aktiven Teilnahme am beruflichen und privaten Leben auf Grund mangelnder Lese-Kompetenz eingeschränkt zu sein".
Das Gewirr an Stimmen und Vorschlägen im Vorfeld des Bildungsgipfel lässt vermuten, dass diese Passage der Studie zu wenig gelesen wurde. Die Betonung der Sprachkenntnisse steht zwar auf der Agenda, aber am heftigsten debattiert wurden die Ganztags- und die Gesamtschule. Da geht es nicht mehr um die Schüler und deren Fertigkeiten, sondern um Gesellschaftspolitik.
Kinder zu erziehen, ist und bleibt Recht und Pflicht der Eltern. Daher sollen ganztägige Schulformen zur Wahl angeboten werden. Dies könnte Schülern wie Eltern helfen, zudem Frauen Chancen geben. Aber es gibt auch ein Leben außerhalb der Schule. Und dieses sollte möglich bleiben. Zudem: schwache Schüler brauchen Förderung, begabte Forderung. Daher haben heute auch Gesamtschulen ein in sich verschiedenartiges Angebot. Es wäre ein falsche Schlussfolgerung aus dem Leistungsvergleich der Schüler, alle erstens ganztägig und zweitens in die selbe Schule zu stecken.
Eine, vielleicht gar nicht beabsichtigte Nebenwirkung, hat uns diese PISA-Studie schon eingebracht: Über Bedeutung und Wert von Leistung wird nicht mehr gesprochen, sie gelten als unstrittig. Ebenfalls verstummt ist die prinzipielle Debatte über die Benotung. Auch sie gilt plötzlich als unstrittig. Das gibt Hoffnung auf weitere Einsichten.

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