"DER STANDARD"-Kommentar: "Pädagogisch verwurstet" von Samo Kobenter

Ausgabe vom 20.1.2005

Wien (OTS) - Im Grund ist es eine Wurstsemmelforderung, die Silvia Fuhrmann von der Jungen ÖVP da erhebt: Sie will "nur die besten Lehrer für unsere Schüler". No na: Schinken- oder Extrawurst, gnädige Frau?
Bloß: Wo und wie man die besten Lehrer für unsere Kinder bekommt, darüber sagt uns Frau Fuhrmann nichts. Da hat ihr Kollege Werner Amon ein bisschen mitgedacht: Man könnte doch vorselektieren beim Studium, um herauszubekommen, wer überhaupt geeignet ist. Tolle Idee, die man zwingend auf andere Berufe anwenden sollte: Wer eignet sich zum Arzt, wer wird ein guter Anwalt, Journalist oder Politiker. Ist ja ganz einfach, steht doch klein gedruckt auf jedem Prüfbogen: Wenn Sie bei diesem Test weniger als 90 von 100 Punkten erreicht haben, werden Sie kein guter Lehrer (Arzt, Anwalt, Journalist oder Politiker). Vielleicht kann man sich vom grassierenden Evaluierungswahn einen Moment lang freimachen, gerade so lange, wie es braucht, über eine Verbesserung der Lehrerausbildung und nicht die Implementierung einer superelitären Elite-Uni nachzudenken. Vielleicht lohnt es sich zu überlegen, dass es eine lohnendere Investition wäre, Ausbildungs- und Schulsystem als kohärentes Ganzes zu reformieren, und zwar nicht nur so, dass sie den gewandelten Bedürfnissen der Gesellschaft entsprechen, sondern so, dass sie sich wieder zu einer Kraft entwickeln, die diese Bedürfnisse (mit-)generiert. Dazu wäre es allerdings notwendig, sich über die Bildungsziele klar zu werden, also über Werte zu reden und nicht darüber, ob die Halbtags- oder die Ganztagsschule ein Wert per se ist. In diesem Zusammenhang hat der Einwand Karl Schweitzers, man könnte für über den Lehrplan hinausgehendes pädagogisches Engagement finanzielle Anreize setzen, geradezu revolutionäre Qualität.

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