- 02.01.2005, 17:42:29
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10 Jahre EU 50 Jahre Marmelade
"Presse"-Leitartikel vom 3.1.2005, von Wolfgang Böhm
Wien (OTS) - "Konfitüre" nannten die gehobenen Kreise in
Österreich Mitte des vergangenen Jahrhunderts das fein gelierte
Fruchtmus. Die Deutschen nannten sie damals etwas abfällig nicht
"Piefkes" sondern "Marmeladinger", weil dort im Norden der etwas
gröbere Fruchtaufstrich zu jener Zeit "Marmelade" hieß.
50 Jahre später ist alles anders. Die Österreicher verteidigen die
"Marmelade" als ihr eigenes Kulturgut und machen die EU dafür
verantwortlich, dass sie nun gewaltsam zur Übernahme der
bundesdeutschen Bezeichnung "Konfitüre" gezwungen würden. Es ist ein
Hilfeschrei: So als ob es beim Bäcker bald nur noch Quarktaschen
statt Topfengolatschen gäbe. So als ob gemeine Beamte in Brüssel die
totale sprachliche Vereinheitlichung betrieben.
Die letztlich mit einer einfachen EU-Verordnung ins Lot gebrachte
Debatte über den Begriff "Marmelade" hatte alle Ingredienzien, die
das gestörte Verhältnis der Österreicher zur Europäischen Union
widerspiegeln. Sie zeigte, wie eine Bevölkerung eine so dermaßen
negative Grundeinstellung hat, dass sie für jede noch so absurde und
ungerechte Verunglimpfung der EU ein offenes Ohr hat. Sie ist aber
auch ein Hinweis darauf, dass die Österreicher nach wie vor ein
Identitätsproblem mit diesem Europa haben. Und weil sie es haben,
ihre emotionale Verankerung verstärkt in der eigenen Nation suchen.
Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt ist die europäische Integration nicht
verstanden worden. Vielleicht auch, weil ihre Bedeutung nie erklärt
wurde. Wenn sich mit diesem Jahreswechsel die Aufnahme zu einem
runden Jubiläum jährt, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, für den
allerdings nicht allein die Bevölkerung verantwortlich gemacht werden
kann.
Da waren die "Sanktionen" oder die zurückgewiesenen Wünsche nach
einer Verlängerung des Transitvertrags, die beide als Angriffe gegen
Österreich verstanden werden mussten. Tatsächlich haben in beiden
Fällen die EU-Partner unsensibel ein Land und seine Menschen (bzw.
Wähler) überfahren.
Da waren viele Entscheidungen, die von österreichischen Politikern in
der EU mitgetragen, aber aus Ahnung vor möglichen negativen
Schlagzeilen nicht transparent gemacht wurden - wie etwa die bereits
mit dem Beitritt feststehende Aufhebung der Anonymität von
Sparguthaben oder die schon 1999 beim Gipfel in Helsinki eingeleitete
Aufnahme der Türkei. Und da war letztlich die Tatsache, dass die EU
auch in Österreich ein Elitenprojekt geblieben ist.
Um die Vorteile der EU-Mitgliedschaft den Menschen näher zu bringen,
reicht es eben nicht aus, wirtschaftliche Statistiken zu
präsentieren. Denn dem einzelnen ist es ziemlich gleichgültig, ob
sich das Wachstum durch den Beitritt um nullkommairgendwas erhöht
hat. Wer erkennen muss, dass sein Realeinkommen gesunken ist, hat für
derlei gesamtwirtschaftliche Rechnungen kein Verständnis. Dass
freilich für derlei negative Erfahrungen einzelner nicht die EU,
sondern eher die bisher höchste Steuerbelastung oder das
Auseinanderklaffen der Einkommensverteilung verantwortlich ist, wird
gerne übertüncht.
Der EU wird das alles freilich nicht gerecht. Sie hat sich zehn Jahre
nach dem Beitritt in unserem Land weit unter ihren Wert geschlagen.
Sie ist mit ihrem System der Rücksichtnahme auf individuelle
Freiheiten, mit ihrer Förderung einer sozialpolitischen und
rechtsstaatlichen Tradition der vielleicht einzige Hoffnungsträger,
um unser hohes Niveau an Wohlstand und Humanität im härter werdenden
globalen Wettbewerb zu bewahren.
Die Krux daran ist, dass diese Chance nur wahrgenommen werden kann,
wenn die EU-Gremien weiterhin Gemeinschaftsinteressen über
individuelle nationale Interessen stellen. Dabei kann zwar auf
sprachliche Eigenheiten Rücksicht genommen werden, nicht aber auf
eine latente, großteils hausgemachte Stimmung gegenüber allem, was in
Brüssel entschieden wird.
OTS0044 2005-01-02/17:42
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