• 27.12.2004, 17:57:29
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Wir finden keine Moral in der Katastrophe

Wien (OTS) - Sie könne ja helfen, sagte die Touristin am Flughafen
kleinlaut, aber bestimmt auf die insistierende Frage des
TV-Reporters, ob sie nicht jetzt, angesichts der Bilder des
katastrophalen Elends, ihren Urlaub in Sri Lanka stornieren würde.
Wieso denn auch wirklich, sie hat sich den Urlaub verdient, im
wörtlichen und übertragenen Sinn, sie wird im besten Fall etwas mehr
- vor allem tragische - Wirklichkeit in ihrer Videokamera nach Hause
mitnehmen als sonst. Das "Touristenparadies", das dieser Tage mit
anklagendem Unterton apostrophiert wird, wird sich ihr deutlich
irdischer zeigen als sonst.
Der Spott und die moralische Entrüstung sind mindestens so billig wie
die Pauschalreise. "A cheap holiday in other people's misery" höhnte
die britische Punk-Band "Sex Pistols" 1978 in "Holidays In The Sun".
"Holiday in Kambodia" schlugen gar ihre US-Kollegen "The Dead
Kennedys" vor, einen Urlaub dort, "where the slums got so much soul",
wo die Elendsviertel so viel Gemüt haben. Houellebecqs Roman
"Plattform" bezog einen Gutteil seines Erregungspotenzials aus der
Verweigerung der Entrüstung: Urlaub in anderer Menschen Elend, na
und? Wir bringen wenigstens Devisen, und Unglück ist kein Grund, eine
Region aus dem Angebot zu nehmen (außer wenn es zu sehr ins Auge
sticht). "Einkaufsbummel im Erdnussland, was übrig bleibt, wird
Entwicklungshilfe genannt", sang die deutsche Band "Fehlfarben". Und,
wenn man das Wort "Elend" einmal ein bisschen weiter fasst, machen
wir nicht oft Urlaub im Elend anderer Leute? Vielleicht sogar im
Elend, das Börsenbewegungen ausgelöst haben, an denen wir unsere -
selbstverständlich vernachlässigbaren -Anteile halten?
An diesem Punkt können (und sollen) Prediger ansetzen. Nicht bei
Katastrophen wie der, die jetzt Südostasien und Indien erschüttert
hat. Bei Dürre und Überschwemmungen kann man vielleicht noch die von
Menschen verursachte Klimaveränderung verantwortlich machen. Für ein
Erdbeben gibt es keine Schuldigen. Die Kontinentalplatten bewegen
sich stur und zäh, ohne auf die Menschen Rücksicht zu nehmen, die
seit (erdgeschichtlich betrachtet) kurzer Zeit auf ihnen Platz
nehmen.
Diese Gleichgültigkeit der Natur ließ schon viele an ihrem Glauben
irre werden: Das Erdbeben in Lissabon 1755 erschütterte Philosophie
und Theologie, Leibniz' Idee der "besten aller möglichen Welten"
schien plötzlich indiskutabel. "Man wird Mühe haben, zu erraten, wie
die Gesetze der Bewegung so entsetzliche Verwüstungen in der besten
aller möglichen Welten anrichten", schrieb Voltaire. Dass viele
Menschen in Trümmern von Kirchen starben, verstärkte die Frage der
Theodizee: Wie kann Gott das zulassen? Und natürlich suchte man
Schuldige für Gottes Zorn, Sünder: Voltaires Candide entkam dem Beben
und dann dem Autodafé, das weitere Beben verhindern sollte.
Am "vernünftigsten" reagierte damals Kant: Gott sei nicht
verantwortlich zu machen, sondern die Unvernunft der Menschen, die
ihre Großstadt in einer Erdbebenzone anlegen. Diese Ausflucht
funktioniert erstens oft nicht - etwa beim aktuellen Beben, das ja
nicht nur Großstädte getroffen hat -, zweitens richten sich die
Menschen nicht nach dieser Lehre: In den nächsten 30 Jahren wird die
Region um San Francisco mit 67-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein
verheerendes Beben erleben, sagen manche Erdbebenforscher voraus,
andere sprechen von 80 Prozent, und doch zeigen sich die
Immobilienpreise kaum erschüttert...

Niemand rechnet mit Katastrophen. Unsere Vernunft ist nicht auf sie
angelegt. Auch das Mitleid mit den Opfern und ihren Angehörigen ist
unkalkulierbar, unvernünftig, ungerecht; wir fühlen uns umso
betroffener, je näher sie sind; der Wiener will wissen, wie viele
Wiener es getroffen hat, auch wenn er überzeugt ist, dass alle
Menschenleben gleich wert sind.
Und bald machen wir wieder Urlaub im Elend. Man kann ja helfen.

OTS0111    2004-12-27/17:57

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