"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Frohbotschaft aus Pisa" von Lisa Nimmervoll

Ein leistungsstarkes und sozial gerechtes Bildungssystem ist möglich, wenn man will - Ausgabe vom 22.12.2004

Wien (OTS) - Pisa - der Name der italienischen Stadt ist seit drei Jahren nachgerade ein Synonym für einen Verschubbahnhof, von dem alle Züge nach Finnland fahren. Auf dass dort das erfolgreichste Schulsystem der Welt besucht und übernommen werden möge in jene Länder, deren Schülerinnen und Schüler beim "Programme for International Student Assessment" der OECD nur unter "ferner liefen" abschnitten.
Knapp zwei Wochen nach der Präsentation von Pisa 2 scheint der Pisa-Bahnhof aber schon wieder verwaist. Die erste Hektik ist vorbei, von Bewegung keine Spur. Die Bildungsministerin kündigte einen "Reformdialog" an, der, wenn er so wird wie die bisherigen Inszenierungsevents in der Hofburg, inhaltlich nicht weiter von Belang sein wird.
Sie könnte sich Dänemark zum Vorbild nehmen. Dort hat die Regierung nach Pisa 1 die OECD beauftragt, die Studie zu vertiefen und wollte wissen: Was können wir tun? Die politischen Handlungsempfehlungen der internationalen Expertenkommission wurden dann öffentlich diskutiert. Auch in Österreich müsste jetzt ein völlig neuer Fahrplan für das Schulsystem geplant und neue bildungspolitische Reiserouten festgelegt werden. In Pisa 2 finden sich dafür hilfreiche Richtungspfeile - man muss sie nur lesen. Das empfiehlt sich übrigens auch für das Papier der Zukunftskommission, die vieles von dem, was Pisa jetzt kritisiert, schon vorweggenommen hat. Nur wurde sie vom Ministerium geflissentlich ignoriert, weil viele der Vorschläge vor allem der schulpolitisch verknöcherten ÖVP nicht genehm waren. Kurzfristiger Aktionismus - Marke Qualtinger: Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will, aber dafür bin ich schneller dort - wäre verhängnisvoll. Zuerst muss endlich diskutiert werden: Welche Bildung wollen wir? Und wie verhindern wir strukturelle Bildungsarmut, indem wir möglichst viel Bildung für alle Kinder ermöglichen? Faktum ist, Österreich gibt sehr viel Geld für sehr mittelmäßige Schulleistungen aus - noch dazu sozial extrem ungleich verteilt.
Die gute Pisa-Nachricht dazu lautet: Länder wie Sieger Finnland stecken weniger Geld in ihre Schulen und schaffen trotzdem beste Leistungen. Vor allem aber, und das ist gesellschaftspolitisch wichtig, ist es möglich, Bildungschancen gerecht zu verteilen, wenn man es denn will.
Pisa lehrt, dass Bildungspolitik mehr sein muss als ideologisch bornierte Verwaltung von Schule. Pisa lehrt, dass Bildungspolitik sich auch als emanzipatorische, umfassende Sozialpolitik verstehen muss, wenn sie nicht wissentlich und fahrlässig viel Know- how von Kindern verlieren will - und damit nicht nur individuelle Lebenschancen beschneidet oder verunmöglicht, sondern das gesellschaftliche Zukunftspotenzial einschränkt. Und das kann sich ein Land wie Österreich wirtschaftspolitisch nicht leisten, vor allem aber darf sich ein aufgeklärter demokratischer Staat das nicht leisten. Das ist die, ja fast revolutionäre Botschaft von Pisa. Wer es nicht schafft, auch Kinder aus sozial schwächeren oder Migrantenfamilien an Bildung partizipieren zu lassen, wird auch als Land verlieren.
Es ist ein Armutszeugnis (und von der OECD zum zweiten Mal kritisiert), dass in Österreich die Bildungschancen noch immer quasi ständestaatlich zugeteilt werden. Akademikerfamilien ziehen Akademiker groß, Arbeiterfamilien landen auch in der nächsten Generation mit hoher Wahrscheinlichkeit auf sozial weniger privilegierten Plätzen.
Pisa 1 und 2 belegen klar, dass es zu früh ist, Kindern mit zehn Jahren eine weit reichende Schulwahlentscheidung abzuverlangen. Und je mehr Zwischenstopps es in einem Bildungssystem gibt, umso höher ist die Zahl derer, die in einen anderen Wagon verfrachtet werden. Diese Struktur produziert systemimmanent negative Aussortierung und forciert die Durchlässigkeit zur darunter liegenden Schulebene, anstatt die Kinder durch individualisierten Unterricht zu fördern. Nur, auf diesen alten Schulgleisen verpasst man den Anschlusszug in die Zukunft garantiert.

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