• 21.12.2004, 17:50:55
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Frohbotschaft aus Pisa" von Lisa Nimmervoll

Ein leistungsstarkes und sozial gerechtes Bildungssystem ist möglich, wenn man will - Ausgabe vom 22.12.2004

Wien (OTS) -
Pisa - der Name der italienischen Stadt ist seit drei Jahren
nachgerade ein Synonym für einen Verschubbahnhof, von dem alle Züge
nach Finnland fahren. Auf dass dort das erfolgreichste Schulsystem
der Welt besucht und übernommen werden möge in jene Länder, deren
Schülerinnen und Schüler beim "Programme for International Student
Assessment" der OECD nur unter "ferner liefen" abschnitten.
Knapp zwei Wochen nach der Präsentation von Pisa 2 scheint der
Pisa-Bahnhof aber schon wieder verwaist. Die erste Hektik ist vorbei,
von Bewegung keine Spur. Die Bildungsministerin kündigte einen
"Reformdialog" an, der, wenn er so wird wie die bisherigen
Inszenierungsevents in der Hofburg, inhaltlich nicht weiter von
Belang sein wird.
Sie könnte sich Dänemark zum Vorbild nehmen. Dort hat die Regierung
nach Pisa 1 die OECD beauftragt, die Studie zu vertiefen und wollte
wissen: Was können wir tun? Die politischen Handlungsempfehlungen der
internationalen Expertenkommission wurden dann öffentlich diskutiert.
Auch in Österreich müsste jetzt ein völlig neuer Fahrplan für das
Schulsystem geplant und neue bildungspolitische Reiserouten
festgelegt werden. In Pisa 2 finden sich dafür hilfreiche
Richtungspfeile - man muss sie nur lesen. Das empfiehlt sich übrigens
auch für das Papier der Zukunftskommission, die vieles von dem, was
Pisa jetzt kritisiert, schon vorweggenommen hat. Nur wurde sie vom
Ministerium geflissentlich ignoriert, weil viele der Vorschläge vor
allem der schulpolitisch verknöcherten ÖVP nicht genehm waren.
Kurzfristiger Aktionismus - Marke Qualtinger: Ich weiß zwar nicht, wo
ich hin will, aber dafür bin ich schneller dort - wäre
verhängnisvoll. Zuerst muss endlich diskutiert werden: Welche Bildung
wollen wir? Und wie verhindern wir strukturelle Bildungsarmut, indem
wir möglichst viel Bildung für alle Kinder ermöglichen? Faktum ist,
Österreich gibt sehr viel Geld für sehr mittelmäßige Schulleistungen
aus - noch dazu sozial extrem ungleich verteilt.
Die gute Pisa-Nachricht dazu lautet: Länder wie Sieger Finnland
stecken weniger Geld in ihre Schulen und schaffen trotzdem beste
Leistungen. Vor allem aber, und das ist gesellschaftspolitisch
wichtig, ist es möglich, Bildungschancen gerecht zu verteilen, wenn
man es denn will.
Pisa lehrt, dass Bildungspolitik mehr sein muss als ideologisch
bornierte Verwaltung von Schule. Pisa lehrt, dass Bildungspolitik
sich auch als emanzipatorische, umfassende Sozialpolitik verstehen
muss, wenn sie nicht wissentlich und fahrlässig viel Know- how von
Kindern verlieren will - und damit nicht nur individuelle
Lebenschancen beschneidet oder verunmöglicht, sondern das
gesellschaftliche Zukunftspotenzial einschränkt. Und das kann sich
ein Land wie Österreich wirtschaftspolitisch nicht leisten, vor allem
aber darf sich ein aufgeklärter demokratischer Staat das nicht
leisten. Das ist die, ja fast revolutionäre Botschaft von Pisa. Wer
es nicht schafft, auch Kinder aus sozial schwächeren oder
Migrantenfamilien an Bildung partizipieren zu lassen, wird auch als
Land verlieren.
Es ist ein Armutszeugnis (und von der OECD zum zweiten Mal
kritisiert), dass in Österreich die Bildungschancen noch immer quasi
ständestaatlich zugeteilt werden. Akademikerfamilien ziehen
Akademiker groß, Arbeiterfamilien landen auch in der nächsten
Generation mit hoher Wahrscheinlichkeit auf sozial weniger
privilegierten Plätzen.
Pisa 1 und 2 belegen klar, dass es zu früh ist, Kindern mit zehn
Jahren eine weit reichende Schulwahlentscheidung abzuverlangen. Und
je mehr Zwischenstopps es in einem Bildungssystem gibt, umso höher
ist die Zahl derer, die in einen anderen Wagon verfrachtet werden.
Diese Struktur produziert systemimmanent negative Aussortierung und
forciert die Durchlässigkeit zur darunter liegenden Schulebene,
anstatt die Kinder durch individualisierten Unterricht zu fördern.
Nur, auf diesen alten Schulgleisen verpasst man den Anschlusszug in
die Zukunft garantiert.

OTS0203    2004-12-21/17:50

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