• 03.12.2004, 18:09:06
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Der Standard-Kommentar: Full Metal Jacket in Freistadt

Der Lebensnerv des Bundesheeres sind nicht Waffen, sondern demokratische Werte - von Otto Ranftl

Wien (OTS) - "Die meisten weinten, weil ihnen die Füße vom Gehen
wehtaten und nicht wegen der angeblichen ,Misshandlungen‘. Ich selbst
sah, wie viele von diesem Abschlussmarsch zurückkamen, und die
meisten hatten ihren Spaß dabei, mit ,Masken‘ herumzulaufen, und
waren nur froh, vom anstrengenden Marsch zurück zu sein. Heutzutage
sind die Menschen einfach zu große Weicheier." - So sieht ein
Leserbriefschreiber an den Standard die Vorkommnisse in Freistadt,
die nun unter dem Titel "Folterskandal" Österreich erschüttern. So
ähnlich müssen viele Rekruten empfunden haben, sonst hätten
Beschwerden über die Überraschungseinlage der Ausbildner schon früher
auftauchen müssen, sonst hätten die Betroffenen diesen Härtetest
nicht einfach hingenommen. Das ist falsch verstandener Korpsgeist.

Worum es wirklich geht: Ein paar Vorgesetzte haben die
Wehrmännerausbildung mit wilder Kriegsspielerei verwechselt, die
Menschenrechte der ihnen Anbefohlenen mit Füßen getreten, die höheren
Grade haben nicht genug hin- oder, schlimmer noch, intensiv
weggeschaut. Nebenbei: Chargen, Unteroffiziere und Offiziere sind
auch für den Schutz der Untergebenen verantwortlich.

Die Lizenz zum Schinden - wie der Ausbildner im Film "Full Metal
Jacket" - hätten manche gerne, es gibt sie aber nicht. Das hat etwas
mit den Menschenrechten zu tun. Es hat sich offenkundig noch nicht
ganz durchgesprochen, dass die auch innerhalb der Kasernenmauern
gelten.

Und die Männer in den Spezialeinheiten, wie kommen die zu ihren
Fähigkeiten? Bei deren Ausbildung geht es tatsächlich brutal zu, aber
es sind Freiwillige, ihre Ausbildner keine Möchtegernrambos. Das
Spezialtraining wird streng überwacht, die Soldaten werden
medizinisch besonders betreut.

Den Kerlen einmal zeigen, wie’s beim Jagdkommando zugeht: Das mag ein
Beweggrund für die ungustiöse Übung in Freistadt gewesen sein - und:
Man stellt sich durch die gegenüber anderen geübte Härte selbst ein
wenig höher.

In Spezialeinheiten müssen die Soldaten mit hohem Stress fertig
werden. Und das eben sollen sie lernen, zu ihrem Schutz und zur
Sicherheit ihrer Kameraden. Im Umgang mit Grundwehrdienern haben
diese Überlegungen nichts zu suchen. Die Geiselnahmeübung war kein
zielgerichtetes Programm, das war eine klare Grenzüberschreitung.

Da wird geübt, wie man Menschen bricht, um sie danach richtig
herrichten zu können. So ganz aus der Luft gegriffen sind solche
Vorstellungen jedoch nicht, was nichts darüber aussagt, wie falsch
sie sind. Die Kaserne Freistadt ist nicht Abu Ghraib. Von der
Menschenverachtung, die wir in den Videos aus dem ehemaligen
Saddam-Gefängnis gesehen haben, wird in den Aufnahmen aus
Oberösterreich aber durchaus etwas spürbar.

Menschen nicht als achtenswerte Individuen zu sehen, sondern als eine
zu beherrschende Masse, ist nicht auf ein paar durchknallte Militärs
im Irak beschränkt. Uniformierte mit brutalen Allüren gibt es nicht
nur in ein paar deutschen Kasernen. Die nächsten Tage werden wohl
auch in Österreich noch ausreichend tatsächliche oder vermeintliche
Belege für Übergriffe in der Soldatenausbildung bringen.

Abhärtung der jungen Burschen, das Heer ist kein Mädchenpensionat:
Die Floskeln sind bekannt, gerne am Stammtisch gebraucht, und doch
steht hinter diesen hilflosen Entschuldigungsversuchen nichts anderes
als ziemlich überkommenes Gedankengut.

Menschen heruntermachen oder Individuen aufbauen: Darauf läuft es
hinaus, aber in vielen Kommissschädeln hat sich die falsche Antwort
festgesetzt.

Die Armeen der westlichen Welt sind zur Verteidigung der Demokratie
aufgestellt. Zur Bewältigung dieser Aufgabe reichen Waffen nicht: Das
Heer kann demokratische Werte nur dann glaubwürdig vertreten, wenn
diese auch in den eigenen Reihen gelebt werden.

OTS0303    2004-12-03/18:09

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST

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