- 03.12.2004, 18:00:40
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"Die Presse" Leitartikel: "Zwischen Freistadt und Abu Ghraib" (von Michael Fleischhacker)
Ausgabe vom 4.12.2004
Wien (OTS) - Die Bilder gleichen einander: Männer mit
übergestülpten Plastikkapuzen werden erniedrigt. Das eine Mal sind es
irakische Kriegsgefangene, die von amerikanischen Soldaten gequält
werden. Das andere Mal sind es österreichische Rekruten, die von
ihren Vorgesetzten und Ausbildnern "trainiert" werden.
Die Bilder gleichen einander, aber sie sagen nicht dasselbe aus.
Zwischen Freistadt und Abu Ghraib liegen nicht nur einige tausend
Kilometer, sondern Welten. Die moralischen Empörungskünstler unserer
friedlichen Breiten ficht das freilich nicht an: Schnell ist man mit
dem Begriff "Folter" zur Hand. Aber sind die im Zuge der Ausbildung
begangenen Übergriffe oberösterreichischer Berufssoldaten - so
schlimm und verurteilenswert sie sind - mit den Folterungen im
irakischen Abu Ghraib-Gefängnis wirklich vergleichbar?
Sie sind es nicht. Aber das wird gern ignoriert, weil sich anhand
solcher Bilder eine beeindruckende Argumentationskette vom
Kriegsverbrechen über die prinzipielle Unmenschlichkeit des
Kriegshandwerks und der dazugehörigen Ausbildung schmieden lässt. Am
besten verknüpft man sie gleich mit der Forderung nach Abschaffung
aller Heere zwecks Verbreitung des ewigen Friedens.
Die Macht der Bilder hat dunkle Seiten. Eine davon ist, dass wir dazu
neigen, sie zu schnell zu verstehen.
Es gibt auch die radikal gegensätzliche Interpretation des
Freistädter "Foltervideos": "Etwas weniger Wehleidigkeit wäre
angebracht", heißt es etwa in einer Leserzuschrift, die nach
Bekanntwerden der Affäre in dieser Zeitung eintraf. Man müsse sich
fragen, "ob es wirklich so furchtbar ist, wenn sich die Ausbildung
mit einem Sachverhalt beschäftigt, die jederzeit bei
Auslandseinsätzen stattfinden kann, nämlich die Geiselnahme durch
Terroristen".
Nein, es ist nicht schlimm, wenn man sich mit diesem Sachverhalt
beschäftigt. Aber es kann nicht sein, dass Berufssoldaten unter dem
Vorwand eines notwendigen Ausbildungsschrittes Übergriffe begehen.
Das sehen auch der Verteidigungsminister und die zuständigen
Heeresstellen so. Man hat Schritte zur Aufklärung der Vorkommnisse
gesetzt und die Beteiligten ihrer Funktionen enthoben. Mehr kann man
zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht tun. Mehr ist an dem Fall auch
nicht dran.
Dass das Thema für überproportionale Diskussionen sorgt, hat in
erster Linie mit drei Faktoren zu tun:
Erstens befindet sich das österreichische Bundesheer in einer
Umbruchphase - Stichwort "Heeresreform" -, in der seine Mitglieder
nicht wirklich Klarheit über ihre Zukunft haben. Die neue
Verteidigungsdoktrin, die Verkleinerung des stehenden Heeres, der
notwendige Abbau von etlichen tausend Beamten: All das sorgt für
Nervosität und Verunsicherung und mag mit ein Grund dafür sein, dass
das Nervengerüst etlicher Berufssoldaten fragiler ist als zu anderen
Zeiten.
Zweitens dürften einige Beobachter enttäuscht darüber sein, dass
nicht nur die bösen Amerikaner zu Übergriffen fähig sind, sondern
auch die gemütlichen Österreicher.
Drittens müssen sich österreichische Bundesheersoldaten, die
jahrzehntelang in dem Bewusstsein ausgebildet wurden, dass es zum
"Ernstfall" ohnehin nie kommen werde, nun plötzlich darauf
einstellen, das erlernte Handwerk irgendwann auch auszuüben.
Möglicherweise in Krisensituationen, in denen die in Freistadt so
exzessiv geübte "Geiselnahme" ein realistisches Szenario ist.
Dass in solchen Szenarien physische und psychische Belastbarkeit auf
eine härtere Probe gestellt werden als in der guten, alten
österreichischen Raumverteidigung, ist wahr. Dass nicht die
Auszubildenden, sondern die Ausbilder an der Aufgabe gescheitert
sind, ist wenig ermutigend. Man kann nur hoffen, dass der Schock über
die Vorfälle von Freistadt Energien für die weitere
Professionalisierung des österreichischen Militärs freisetzt.
OTS0302 2004-12-03/18:00
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