• 02.12.2004, 18:01:42
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Der Standard-Kommentar:Dumm und dümmer

Österreich gibt genug Geld für die Bildung aus - Die Schwächen liegen im System - von Michael Völker

Wien (OTS) -

Finnland und Kanada sind weit weg. Wir sind in Österreich. Und da
wird erst einmal der Nachbar zum Vergleich herangezogen. Österreich
ist in der Pisa-Studie abgestürzt, so heißt es noch vor Erscheinen
der gesammelten Ergebnisse, im Lesen von Platz zehn auf 19, in
Mathematik von elf auf 15, in den Naturwissenschaften von acht auf
20.

Was noch schlimmer zu sein scheint - und das wird

im Brustton der Empörung vorgetragen: Wir sind hinter Deutschland
zurückgefallen! Soll heißen: Österreichs Schüler sind nicht nur dumm,
sie sind auch dümmer als die in Deutschland. - Als ob dort die
letzten Doofnüsse in Europa zu Hause wären.

Die Schuldigen für das schlechte Abschneiden der österreichischen
Schüler, das möglicherweise gar nicht so schlecht ist, weil sich
gegenüber der letzten Untersuchung 2000 die Zahl der teilnehmenden
Länder von 31 auf 40 bei der aktuellen Studie erhöht hat, sind
jedenfalls rasch gefunden. An ihr kann es nicht liegen, das ist für
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer erst einmal klar.

Am Schulsystem kann es auch nicht liegen, da wollen und müssen wir
gar nicht darüber reden. Die Schuldigen, die hat Gehrer anderswo
ausgemacht: An erster Stelle wäre da einmal die SPÖ zu nennen. Und
die "beharrenden Kräfte". Sind ja auch irgendwie eins, aus Sicht der
Volkspartei.

Weiters schuld: die ausländischen Kinder. Sind zu viele und sprechen
nicht gut genug Deutsch. (Dieses "Problem" haben andere Länder
allerdings auch.) Dazu ist zu sagen, dass die Klassenschülerzahlen
gestiegen sind, dass die Lehrerzahl gekürzt wurde, dass in den
Volksschulen praktisch keinerlei Mittel für zusätzliche Angebote zur
Verfügung stehen, dass es kaum noch Förderkurse gibt. Für
Integrationskinder und interkulturelles Lernen stehen deutlich
weniger Stunden zur Verfügung, Begleitlehrer für nicht
deutschsprachige Kinder wurden reduziert. Das Problem wäre also
hausgemacht.

Verantwortlich seien schließlich auch die Eltern. Die haben zu wenig
Zeit für die Kinder. Sagt Gehrer. (Müssen wahrscheinlich Geld
verdienen.) In den nächsten Tagen kommen als weitere Schuldige
wahrscheinlich die Lehrer und schließlich die Schüler selbst hinzu.
Aber Hauptsache, das Schulsystem ist bei Gehrer "in guten Händen",
wie ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon erklärt.

Die ÖVP verweigert sich einer Bildungsdiskussion, die notwendig ist
- mit oder ohne Pisa. Und die beharrende Kraft, an der mögliche
Änderungen und Reformen abprallen, ist die Bildungsministerin selbst.
Elisabeth Gehrer, früher übrigens selbst Volksschullehrerin, ist seit
1995 in dieser Funktion in der Regierung, sollte sich mit
Schuldzuweisungen in alle Richtungen - außer der eigenen - daher
schwer tun. Dass sie sich aber offensichtlich gar nicht schwer damit
tut, liegt vielleicht auch an ihrer Ignoranz.

Die Angst der ÖVP vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung liegt
wohl daran, dass unweigerlich das Thema Gesamtschule aufs Tapet
kommen würde. Und da haben beide Seiten ideologische Scheuklappen
auf. Die SPÖ will von diesem Thema nicht runter, die ÖVP kann nicht
rauf. Es gibt aber einige, auch konservative Experten, die dem Modell
der Gesamtschule, das ja anders heißen könnte, viel abgewinnen
können. Chancengleichheit für alle und spezifische Förderung für
alle, die es brauchen. Das muss nicht der Weisheit letzter Schluss
sein, aber es sollte möglich sein, sich auch unter einer
rechtskonservativen Regierung diesem Thema zu nähern.

Was prinzipiell noch anzumerken ist: Österreich gibt gar nicht so
wenig Geld für sein Bildungssystem aus. Pro Schüler etwa mehr als der
OECD-Durchschnitt und mehr als die tollen Finnen, die ja die
Musterschüler sind. Bleibt man bei der einfachen Argumentation
Gehrers, könnte man einen Schluss daraus ableiten: Schuld an den
schlechten Leistungen der österreichischen Schüler ist also unser
System, und dieses System heißt Gehrer. Das kann man ändern.

OTS0288    2004-12-02/18:01

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