• 15.09.2004, 15:11:48
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Ölpreis über 100 Dollar oder unter 30 Dollar ... Was ist dran an den verschiedenen Prognosen?

Wien (OTS) - "Seit einiger Zeit ist Öl wieder zu einem viel
beachteten Thema geworden", betonte Dr. Werner Zittel, Energieexperte
des Ludwig Bölkow-Systemtechnik-Institutes aus Ottobrunn,
Deutschland, bei einer Pressekonferenz des Österreichischen
Biomasse-Verbandes am 15. September 2004 in Wien.

- Die Ölreserven der Welt: Im Jahr 2002 wurden rückläufige
Reserven dadurch ausgeglichen, dass man eine Umbuchung der
kanadischen Ölsande aus der Kategorie "Ressource" in die Kategorie
"nachgewiesene Reserve" vorgenommen hat. Begründet wurde dieser
Schritt einmal damit, dass ab einem Ölpreis von $ 30,--/Barrel sich
die Erschließung dieser Ölsande rechnet. Ein andermal wurde dann
argumentiert, dass die neuen Fördertechnologien jetzt die
Erschließung zu einem Preis von $ 10,- bis 15,-/Barrel gestatten
würden. Mit dieser Aktion wurden weltweit die Reserven um über 15%
angehoben, soviel wie nie zuvor, ohne dass auch nur ein Tropfen neues
Öl gefunden war. Im Jahr 2003 wurden die Iranischen Ölreserven um
über 40% höher bewertet, ohne dass dem neue Funde entsprechen würden.

- Im Frühjahr 2004 wurde die Öffentlichkeit aufgeschreckt durch
die Nachricht, dass SHELL gegenüber früheren Mitteilungen mehrmals
seine Reserven abwerten musste. Dieses Thema beschäftigt immer noch
die Beobachter. Viele beunruhigende Internas aus der Führungs-Etage
von SHELL sind bekannt geworden und es verstärkt sich der Eindruck,
dass die Öffentlichkeit jahrelang bewusst hinters Licht geführt
worden ist. Die Glaubwürdigkeit gegenüber Aktionären und
Öffentlichkeit ist stark erschüttert worden.

- Viele Analysten haben vorausgesagt, dass nach dem Irakkrieg der
Ölpreis auf unter $ 20,--/Barrel fallen würde. Tatsächlich ist er
jedoch bisher auf über $ 40,-- angestiegen, so hoch wie zuletzt vor
13 Jahren.

Diese Muster lassen sich nicht mehr mit den gängigen Theorien
erklären. Bei diesen anhaltend hohen Ölpreisen sollten die Firmen
explorieren wie nie zuvor und ihre Förderung ausweiten. Die neuen
billigen Ölfelder blieben aus, der Markt ist angespannt. Tatsächlich
sind auch die Produktionsausgaben der Firmen gestiegen, nicht aber
deren Förderung. Wie kann man das erklären?

Ölreserven und Ölfunde

Die Reichweite der gesicherten Ölvorräte beträgt etwa 40 Jahre bei
konstantem Verbrauch. Eine Zahl, die seit vielen Jahren gerne zitiert
wird. Die Unternehmen, so wird uns Glauben gemacht, erschließen jedes
Jahr mehr Öl als wir verbrauchen. Doch das ist ein
"Taschenspielertrick". Tatsächlich wird seit 40 Jahren tendenziell
immer weniger Öl gefunden. Seit 1980 sogar jedes Jahr weniger als
verbraucht wird. Der Trick besteht darin, alte und längst bekannte
Ölfelder anfangs viel zu gering zu bewerten, um dann jedes Jahr den
Inhalt dieser Felder etwas höher anzusetzen und diese Zahl mit den
Neufunden zu vermischen. Damit kann man erfolglose Jahre verstecken.
Richtig wäre es, Neufunde und Höherbewertungen alter Felder getrennt
zu verbuchen. Dieses höher bewerten von Reserven führt auch nicht zu
einer Ausweitung der Förderung, diese kann nur durch den Anschluss
neuer Felder erfolgen.
Die eingangs erwähnte Reserveabwertung von SHELL deutet jetzt
erstmals darauf hin, dass diese "stillen Reserven" aufgebraucht sind.

Ölförderung

Die Erschließung jedes Ölfeldes folgt einem charakteristischem
Förderverlauf, den man annähernd mit einer Glockenkurve beschreiben
kann: Die Förderung in jedem Feld beginnt langsam und erreicht ein
Maximum, wenn etwa die Hälfte des Öls entnommen ist. Danach geht die
Förderung stetig zurück, weil der Förderdruck nachlässt. Irgendwann
lohnt es sich nicht mehr, das Feld noch weiter auszubeuten.
Förderbare Reserven geben an, wie viel man insgesamt über die
Lebensdauer herausholen kann und sie können auch ein Maß für die
kurzfristig maximal erreichbare Förderrate sein. Jedoch sobald das
Fördermaximum überschritten ist, haben sie keinen Einfluss auf das
künftige Förderprofil. (siehe Bild Alaska) Diese Reserven stehen für
eine Ausweitung der Produktion nicht mehr zur Verfügung. Auch für
jede Förderregion, die die Summe der Einzelfelder bildet, lässt sich
ein solches Muster ableiten.

Weltweite Fördersituation

Das Besondere an der Situation, in der wir uns jetzt befinden ist
aber gerade, dass die Mehrzahl der ölproduzierenden Länder ihr
Fördermaximum bereits überschritten hat und deswegen die Zahlen über
die noch verbliebenen Reserven keinen wirklichen Anhaltspunkt über
die künftige Verfügbarkeit von Öl geben können. In den USA zum
Beispiel werden fast jedes Jahr die Reserven höher bewertet - die
tatsächliche Förderrate geht jedoch seit 1971 zurück.

Diese Entwicklung ist eine Einbahnstraße: Der "Club" der Länder,
die das Fördermaximum hinter sich haben, wird immer größer, die Zahl
der Länder, die ihre Förderung noch ausweiten können, immer kleiner.
Damit müssen immer weniger Länder immer mehr Öl fördern, um den
Rückgang der anderen Länder auszugleichen. Wir beobachten eine
kontinuierliche Verschlechterung der weltweiten
Ölfördermöglichkeiten. Neues Öl zu finden und zu fördern wird immer
schwieriger, der Zuwachs wird langsamer, bis die neuen Funde nicht
mehr den Rückgang bereits produzierender Felder ausgleichen können.
Ab diesem Zeitpunkt wird die weltweite Ölförderung zurückgehen.
Regional hat dieser Wendepunkt in den USA 1971 stattgefunden.
Aktuelle Beispiele sind England und Norwegen. Im Jahr 2003 kam
vermutlich China hinzu. Im Jahr 2004 dürfte die Förderung in Mexiko
stagnieren und in 1-2 Jahren zurückgehen.

Parallel dazu wird aber der Durst nach Öl immer größer. In den USA
hat sich der Anteil von importiertem Öl innerhalb von 20 Jahren
verdoppelt. China muss seit 1994 Öl importieren. Auch Indonesien wird
in diesem Jahr erstmals mehr Öl importieren als es exportiert. In
England belasten die sinkenden Ölexporte inzwischen den
Staatshaushalt, weil die Steuereinnahmen ausbleiben.

Was man bei den Öl-Firmen beobachten kann

Diese tendenzielle Verschlechterung der Produktionsbedingungen
spiegelt sich auch in den Firmenberichten wieder. So haben sich bei
den drei größten westlichen Firmen EXXON MOBIL, BP und SHELL die
Ausgaben für die Ölsuche und Ölförderung innerhalb von 5 Jahren
verdoppelt. Inzwischen ist es leichter, die Förderung durch den Kauf
anderer Firmen auszuweiten, anstatt selbst nach Öl zu suchen: AMOCO
und ARCO wurden von BP aufgekauft (die Firmennamen sind inzwischen
verschwunden), EXXON und MOBIL vereinten sich, TOTAL, FINA und ELF
schlossen sich ebenfalls zusammen, wie auch CHEVRON und TEXACO und
wie CONOCO und PHILIPS, um die wichtigsten zu nennen. Damit konnten
diese neu entstandenen Firmen ihre individuelle Produktion ausweiten.
In Summe über die ursprünglichen Firmen konnte die Förderung über die
vergangenen 6 Jahre aber gerade mal konstant gehalten werden. Einzig
SHELL hat sich nicht an diesem Monopolyspiel beteiligt. Wen
verwundert es da, dass SHELL als erste Firma seine Reserven abwerten
musste.

Diese schwieriger werdende Situation beschränkt sich natürlich
nicht nur auf die großen westlichen Ölfirmen. Diese kennen wir nur am
Besten. Aber auch in Brasilien zum Beispiel, das als eines der
wenigen Länder gilt, die ihre Förderung noch deutlich ausweiten
können, haben sich die Förderkosten über die letzten 5 Jahre mehr als
verdoppelt. In China beginnt die Ausweitung der Ölförderung im Meer
zu stagnieren: "explodierende Kosten" und "größere technische
Schwierigkeiten als erwartet" werden als Gründe genannt.

Wer sichert die künftige Versorgung mit Öl?

Die Hoffnung der Optimisten unter uns beruht auf zwei Säulen: Die
OPEC-Staaten besäßen noch große Reserven und außerdem ließen sich in
Kanada Unmengen Öl aus Ölsanden gewinnen. Wo also sollte das Problem
sein? Auf den ersten Blick scheint damit die Zukunft gesichert zu
sein. Wer aber nicht nur allgemein und qualitativ argumentiert,
sondern sich die Hoffnungsträger im Detail anschaut, dem eröffnet
ergibt sich ein weniger beruhigendes Bild. Wenigen ist aufgefallen,
dass die OPEC-Staaten seit 1998 tendenziell weniger Öl fördern. Die
OPEC tut zwar so, als könne sie die Förderung nahezu beliebig
ausweiten, kündigt gleichzeitig aber Förderkürzungen an, weil
angeblich zu viel Öl auf dem Markt sei. Doch der Verdacht besteht,
dass die OPEC ebenfalls ihre Kapazitätsgrenzen erreicht hat und diese
Tatsache durch OPEC-Konferenzen und viel Rhetorik vernebelt werden
soll. Anzumerken ist, dass jede Äußerung eines OPEC-Generalsekretärs
oder eines saudischen Ölministers die Preise spürbar beeinflusst
(allein davon müssen einige Leute nicht schlecht leben können).
Außerdem gibt zu denken, dass die saudi-arabische Ölförderung zur
Hälfte von einem einzigen Ölfeld abhängt, das seit 1951 Öl liefert.
Heute muss inzwischen mehr Wasser in dieses Feld gepumpt werden als
Öl entnommen wird, um den Förderdruck aufrecht zu erhalten. Die
spannende Frage ist, wie lange kann man die Förderrate auf dem
heutigen Niveau halten? Der Anschluss neuer deutlich kleinerer Felder
erfolgt seit langem ohne dass die Gesamtförderung ausgeweitet wird.
Auch dort sind die Produktionsbedingungen eben zunehmend schwieriger
und es gehört zu den Märchen der Vergangenheit, dass arabisches Öl
billiges Öl sei.

Aber da gibt es doch noch die kanadischen Ölsande. Wenn das
konventionelle Öl zurückgeht, werde man sich auf die riesigen
Ölsandvorkommen in Kanada konzentrieren, die dann für kommende
Jahrzehnte die Rolle von Saudi-Arabien übernehmen sollen, heißt es
aus manchen Firmenzentralen. Doch der Abbau von Ölsanden gleicht eher
dem Abbau von Braunkohle - nur deutlich aufwändiger - als der
Förderung von konventionellem Öl. Die Erschließung von
Ölsandvorkommen ist sehr flächenintensiv, energieaufwändig, braucht
viel Wasser und ist teuer. Die Vorlaufzeiten für die Erschließung
sind so lange, dass man bereits heute zuverlässig sagen kann, dass
die Förderung von Öl aus Ölsanden sich bis zum Jahr 2012 höchstens
verdoppeln wird und dann auch nur wenige Prozent zur weltweiten
Ölversorgung beitragen kann. Eine erst vor wenigen Tagen
veröffentlichte Studie der kanadischen Regierungsbehörde NEB
(National Energy Board) prognostiziert eine Förderausweitung auf 2.2
Mb/Tag sogar erst für das Jahr 2020.

Gegenwärtig ist auch häufig zu hören, der Ölpreis sei deswegen so
hoch, weil die USA wegen zu geringer eigener Raffinerie-Kapazitäten
Kraftstoffe aus Europa importieren würden. Abgesehen davon, dass
unklar ist, warum knappe Raffinerie-Kapazitäten den Ölpreis hoch
treiben sollen, erscheint es doch einsichtig, dass die Firmen keine
weiteren Raffinerien bauen, wenn die weltweite Ölförderung ohnehin
nicht weiter steigen wird.

In den vergangenen 5 Jahren gab es keine einzige positive
Überraschung, was die künftige Ölversorgung betrifft. Die Situation
erwies sich bisher immer schwieriger als von den "Ölexperten"
vorhergesagt.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen:

- Das Öl aus dem Kaspischen Raum ist wesentlich schwieriger zu
erschließen als im Jahr 2000 erhofft. Nicht umsonst haben sich z.B.
BP oder Statoil von der Erschießung des "Jahr 2000-Fundes" Kashagan
im Kaspischen Meer zurück-gezogen.

- Die Ausweitung der Ölförderung im Tiefen Meer vor Brasilien und
im Golf von Mexiko stagniert bereits heute. Auch wenn dies eine
künftige Ausweitung nicht unmöglich macht, so verzögert sich diese
und wird nicht in diesem Maße erfolgen wie vor ein paar Jahren
angekündigt.

- Die Ölsandprojekte in Kanada verzögern sich wegen "wesentlich
höherer Kosten" als projektiert. Hierzu trägt auch die Gasknappheit
und der damit einhergehende Preisanstieg in Kanada und USA bei.

- Die Ausweitung der offshore Förderung vor China stößt auf
größere Schwierigkeiten als erwartet.

- Die Vorgänge im Hause Shell haben das Vertrauen der
Öffentlichkeit tief erschüttert

- Oman ging für fast alle Experten unerwartet im Jahr 2001 in
einen starken Produktionsrückgang

- Die Möglichkeiten von Saudi-Arabien, die Ölförderung
auszuweiten, werden zunehmend von westlichen Experten bezweifelt, die
beruhigenden Äußerungen hierzu aus dem Hause Aramco (der arabischen
staatlichen Ölgesellschaft) haben keineswegs zu einer Beruhigung
beigetragen, sondern bestätigen, dass eine von manchen Experten
erhoffte Förderausweitung auf 20 Mio Barrel/Tag bis zum Jahr 2020
äußerst unwahrscheinlich ist. Aramco selbst spricht von 10 - 15 Mio
Barrel/Tag

- Die politischen Verhältnisse im Mittleren Osten tragen nicht zu
einer Entspannung bei

- Entgegen aller beruhigenden Vorhersagen ist der Ölpreis seit dem
Jahr 2000 nicht ein einziges Mal unter 20 $/Barrel gefallen, im
Gegenteil, heute befindet er sich auf dem höchsten Wert seit 1991.

Vor diesem Hintergrund sind zwei Szenarien vorstellbar:

Wird Öl teurer, was wahrscheinlich ist, so leiden die
Ölverbraucher spürbar darunter und werden den Verbrauch einschränken
müssen. Wird Öl billiger, so wird das die Finanzkraft der Ölfirmen
empfindlich schwächen, da dann bei stagnierender oder rückläufiger
Förderung und erhöhten Förder- und Explorationskosten die Einnahmen
deutlich zurückgehen würden. Damit würde die ohnehin schwieriger
werdende Suche nach neuen Ölfeldern noch stärker eingeschränkt.

Das ist eben das unausweichliche Dilemma am Fördermaximum!

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die jüngsten Preisanstiege
abgesehen von kurzen Unterbrechungen von Dauer sein werden und den
Eintritt in eine neue Phase markieren, in der die steigende Nachfrage
nicht mehr durch ein ebenso steigendes Angebot gedeckt werden kann.
Die zunehmende Konkurrenz neuer (z.B. China, Indien) und alter
Ölverbraucher (z.B. steigende Importe in den USA und in der EU) bei
gleichzeitig rückläufiger Anzahl von Ölexportländern - z.B.
Indonesien wird 2004 zum Nettoimporteur, UK wird in ein oder zwei
Jahren dauerhaft zum Ölimporteur werden, Kolumbien wird spätestens ab
2007 kein Öl mehr exportieren - sorgt für einen zunehmenden
Preisdruck.

Niedrige Preise könnten nur noch erwartet werden, wenn die
Nachfrage stärker zurückginge als die Ergiebigkeit der Ölquellen. Das
erscheint in den kommenden Jahren jedoch eher unwahrscheinlich.

OTS0213    2004-09-15/15:11

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | BMV

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