- 03.09.2026, 02:01:04
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Eines von 5 Kindern in 21 Ländern war von sexueller Ausbeutung und Missbrauch mittels digitaler Technologien betroffen
Mehr als die Hälfte der Übergriffe ereignete sich auf gängigen Social -Media-Plattformen; weniger als 1 Prozent aller Fälle wurde den Behörden gemeldet, zeigt ein neuer Bericht.
New York/Wien, 3. September 2026 – Schätzungsweise 20 Millionen Kinder im Alter von 12 bis 17 Jahren – also nahezu jedes fünfte Kind – waren innerhalb eines einzigen Jahres in 21 Ländern mindestens einer Form technologiegestützter sexueller Ausbeutung oder sexuellen Missbrauchs ausgesetzt. Dies geht aus einem heute von UNICEF veröffentlichten neuen Bericht hervor.
Der Bericht „Through Children's Eyes: How Digital Technologies Enable Child Sexual Abuse“ („Aus Kindersicht: Wie digitale Technologien sexuellen Missbrauch von Kindern ermöglichen“) verbindet die Aussagen von Kindern mit einem der größten verfügbaren Datensätze aus Befragungen und warnt vor einem weit verbreiteten Trend sexuellen Missbrauchs und sexueller Ausbeutung von Kindern – sowohl online als auch offline –, der durch Technologie ermöglicht wird.
Dem Bericht zufolge waren mehr als 15 Millionen Kinder unerwünschten sexuellen Inhalten ausgesetzt, 9 Millionen wurden dazu aufgefordert, gegen ihren Willen sexuelle Gespräche zu führen oder sexuelle Bilder zu teilen, und bei 4 Millionen Kindern wurden sexuelle Aufnahmen ohne ihre Zustimmung weiterverbreitet. Aufgrund mangelnder Meldungen durch Kinder dürfte das tatsächliche Ausmaß des Problems jedoch deutlich höher liegen.
„Der Bericht offenbart eine schmerzhafte Realität. Mehr als 20 Millionen Kinder in den untersuchten Ländern waren online mit unerwünschten expliziten sexuellen Inhalten oder Ausbeutung konfrontiert, oft in den digitalen Räumen, in denen sie lernen, spielen und mit Freundinnen und Freunden kommunizieren“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Diese Erfahrungen verursachen tiefgreifende emotionale und psychische Belastungen. Viele Kinder leiden schweigend, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Wir dürfen nicht wegsehen.“
Den Ergebnissen zufolge ereigneten sich nahezu 60 Prozent der Fälle auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok und WhatsApp. Weitere 14 Prozent der Fälle fanden in Online-Spielen statt. Dabei wurden laut Bericht die Funktionen, Mechanismen und das Design der Plattformen genutzt, um Vertrauen auszunutzen. In Montenegro betrafen mehr als 80 Prozent der gemeldeten Fälle soziale Medien, während in Kolumbien mehr als die Hälfte der Fälle damit in Verbindung stand.
In den untersuchten Ländern waren in 57 Prozent der Fälle Personen beteiligt, die das Kind bereits kannte, darunter Gleichaltrige, romantische Partnerinnen oder Partner, Freundinnen und Freunde sowie Familienmitglieder. Dies stellt die weit verbreitete Annahme infrage, dass Online-Missbrauch hauptsächlich von Fremden ausgeht. Gleichzeitig begegneten 38 Prozent der Kinder der übergriffigen Person erstmals online. Hinweise zeigen beispielsweise, wie Missbrauch durch gefälschte Konten und private Nachrichtenfunktionen erleichtert wird.
Technologiegestützte sexuelle Ausbeutung und sexueller Missbrauch können das emotionale Wohlbefinden von Kindern, ihr Sicherheitsgefühl und ihr Vertrauen in andere Menschen erheblich beeinträchtigen. Die Erfahrungen, die Kinder in Forschungsinterviews schilderten, waren häufig von Angst, Scham, Verwirrung und Isolation geprägt. Viele hatten Schwierigkeiten zu verstehen, was geschehen war oder wo sie Hilfe finden konnten.
„Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte ... Ich war irgendwie geschockt“, sagte eine junge Frau aus der Dominikanischen Republik, nachdem private Bilder von ihr im Alter von 14 Jahren ohne ihre Zustimmung verbreitet worden waren. Eine weitere Teilnehmerin der Studie, die über eine ähnliche Erfahrung sprach, sagte, sie habe sich „wie die am meisten benutzte, die schmutzigste, die schlimmste Person“ gefühlt.
Kinder, die technologiegestützter Ausbeutung ausgesetzt waren, berichteten laut Analyse viermal häufiger von Suizidgedanken oder suizidalem Verhalten sowie von Selbstverletzungen. Zudem wiesen sie deutlich höhere Angstwerte auf. In Mexiko und Nordmazedonien beispielsweise war das Risiko für Suizidgedanken oder suizidales Verhalten bei betroffenen Kindern mehr als achtmal höher. In Pakistan lag das Risiko für Selbstverletzungen sogar mehr als siebenmal höher.
Mehr als 40 Prozent der Fälle technologiegestützten Missbrauchs wurden niemals mit irgendjemandem geteilt, während weniger als 1 Prozent den zuständigen Stellen wie Polizei, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern oder Notrufnummern gemeldet wurden. Weltweit war der häufigste Grund für das Schweigen der Kinder, dass sie nicht wussten, wohin sie sich wenden oder wem sie davon erzählen sollten. In einigen der untersuchten Länder lagen die Nichtoffenlegungsraten sogar noch höher, darunter Armenien, wo mehr als die Hälfte der Fälle niemandem mitgeteilt wurde.
Die Ergebnisse zeigen, dass Regierungen, Technologieunternehmen und andere Akteure dringend handeln müssen, um Kinder im digitalen Zeitalter besser zu schützen. Der Bericht fordert daher umgehende Maßnahmen:
· Digitale Plattformen von Grund auf sicherer gestalten, mit stärkeren Datenschutzmaßnahmen für Kinder, Einschränkungen bei unerwünschten Kontaktaufnahmen durch Erwachsene, sichereren Empfehlungssystemen sowie einer besseren Erkennung und Meldung von Missbrauch.
· Gesetze, Regulierung und Rechenschaftspflicht stärken, damit Regierungen über die notwendigen Instrumente und Durchsetzungsmaßnahmen verfügen, um auf sich weiterentwickelnde Formen des Missbrauchs zu reagieren, einschließlich sexueller Erpressung und KI-generierter Darstellungen sexuellen Missbrauchs.
· Melde- und Unterstützungssysteme schaffen, denen Kinder vertrauen können, einschließlich Investitionen in Kinderschutz-, Gesundheits-, Justiz- und Sozialdienste.
· Die Verantwortung für den Schutz nicht allein den Kindern aufbürden, sondern sicherstellen, dass Familien, Schulen und Gemeinschaften Offenlegungen von Missbrauchsfällen mit Unterstützung begegnen und Kindern helfen, sicher Unterstützung zu suchen.
· Die wirtschaftlichen Vulnerabilität verringern, die Täterinnen und Täter ausnutzen, durch eine stärkere Unterstützung von Familien sowie den Ausbau von Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder und junge Menschen.
· Soziale und geschlechtsspezifische Normen bekämpfen, die die Sexualisierung von Mädchen normalisieren und Überlebende sexueller Gewalt stigmatisieren.
„Wir alle, einschließlich Regierungen und Technologieunternehmen, müssen mehr tun, um Kinder online zu schützen“, sagte Russell.
UNICEF Österreich setzt sich im Rahmen der Kampagne „Online sicher – für jedes Kind“ für die Einhaltung der Kinderrechte im digitalen Raum ein. Dabei spielt auch der Schutz von Kindern vor digitaler Gewalt eine wichtige Rolle. Digitale Bildung, technische Schutzmaßnahmen sowie Kinder- und Jugendpartizipation bei der Erarbeitung der Lösungen sind dabei dringliche Forderungen: https://unicef.at/petition
Hinweise für Redaktionen
Der Begriff technologiegestützte sexuelle Ausbeutung und sexueller Missbrauch von Kindern bezeichnet die Art und Weise, wie digitale Technologien und Plattformen genutzt werden, um die sexuelle Ausbeutung und den sexuellen Missbrauch von Kindern sowohl in Online- als auch in persönlichen Lebensbereichen zu ermöglichen oder zu verstärken.
Der Bericht „Through Children's Eyes: How Digital Technologies Enable Child Sexual Abuse“ stützt sich auf repräsentative nationale Befragungen von rund 21.000 internetnutzenden Kindern im Alter von 12 bis 17 Jahren in 21 Ländern sowie auf eingehende Interviews mit 100 jungen Menschen, die in ihrer Kindheit Missbrauch erfahren haben. Da die Stichprobe ausschließlich internetnutzende Kinder umfasst, sind die Ergebnisse für internetnutzende Kinder repräsentativ und nicht für alle Kinder, insbesondere in Ländern mit geringerer Internetverbreitung. Die Forschung wurde von UNICEF als Teil des Projekts Disrupting Harm durchgeführt, das gemeinsam von UNICEF, ECPAT International und INTERPOL umgesetzt wird.
Der Bericht vereint Erkenntnisse aus zwei Forschungsrunden des Projekts Disrupting Harm, die in 21 Ländern durchgeführt wurden. Die erste Runde, deren Daten überwiegend in den Jahren 2020 bis 2021 erhoben wurden, umfasste Kambodscha, Äthiopien, Indonesien, Kenia, Malaysia, Mosambik, Namibia, die Philippinen, Tansania, Thailand, Uganda und Vietnam. Die zweite Runde in den Jahren 2024 bis 2025 erweiterte die Forschung auf Armenien, Brasilien, Kolumbien, die Dominikanische Republik, Mexiko, Montenegro, Nordmazedonien, Pakistan und Serbien.
Link zum Report: https://www.unicef.org/innocenti/reports/through-childrens-eyes
Foto- und Videomaterial zur redaktionellen Nutzung: https://weshare.unicef.org/folder/2AMZIFWBJY51
Rückfragen & Kontakt
UNICEF Österreich
Michael Blauensteiner
Telefon: +43 660 38 48 821
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