• 27.07.2006, 10:00:00
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Radfahren in beengten Straßenräumen

Wie verhalten sich Radfahrer und Kfz-Lenker auf Straßen mit Mehrzweckstreifen? Eine vom KfV betreute Diplomarbeit untersucht unter anderem den Umgang mit dieser Einrichtung.

Wien (OTS) - Das Zusammenleben von Radfahrern und Kfz-Lenkern ist
oft eine Geschichte von Missverständnissen. "So glaubten bei der im
Rahmen der Diplomarbeit durchgeführten Befragung unter Wiener
Pedalrittern rund 64 Prozent, dass ein Mehrzweckstreifen nur von
ihnen benutzt werden darf", berichtet Dr. Othmar Thann, Direktor des
KfV. "Und auch 55 Prozent der befragten Kfz-Lenker waren der Meinung,
dass Radfahrer ein Exklusivrecht auf diesen Teil des Radwegenetzes
haben. Einige glaubten sogar, dass der Mehrzweckstreifen für
Motorräder und Mopeds gedacht ist." Beide Gruppen lagen damit falsch.
Mehrzweckstreifen sollen in engen Straßenabschnitten den Kfz- und
Radverkehr zwar entflechten, einen Alleinanspruch haben Radfahrer
aber nicht darauf. Wie die Befragung weiter zeigte, beeinflussen
Mehrzweckstreifen zwar das Verhalten der Kfz-Lenker positiv,
Radfahrer stehen dem Nutzen aber skeptisch gegenüber und orten einige
Verbesserungsmöglichkeiten.

Wie enttarnt man einen Mehrzweckstreifen?

Radfahrstreifen und Mehrzweckstreifen sind häufig Opfer von
Verwechslungen. Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) unterscheiden sich
die beiden durch die Art der Bodenmarkierung, durch die Breite der
direkt daneben liegenden Kernfahrbahn - also den für Kfz vorgesehenen
Teil der Straße - und die Benutzungsvorschriften für einzelne
Verkehrsteilnehmer. Während ein Radfahrstreifen mit einer
durchgängigen Sperrlinie von der Kernfahrbahn abgegrenzt ist, wird
der Mehrzweckstreifen durch unterbrochene Warnlinien gekennzeichnet.
Wichtigstes Kriterium: Im Gegensatz zu einem Radfahrstreifen darf der
Mehrzweckstreifen von ein- und zweispurigen Kfz befahren werden, wenn
der Platz auf der daneben liegenden Fahrbahn im Falle einer Begegnung
mit anderen Fahrzeugen nicht ausreicht - dadurch ist der
Mehrzweckstreifen vor allem für engere Straßenabschnitte geeignet.
Allerdings dürfen sie nur in jener Fahrtrichtung befahren werden, die
auch für die direkt an den Mehrzweckstreifen angrenzende Fahrbahn
gilt. Halten und Parken ist am Mehrzweckstreifen aber verboten, auch
für Ladetätigkeiten darf auf diesem Teil der Straße nicht angehalten
werden und auf keinen Fall handelt es sich dabei um eine Spur für
schnelleres Vorankommen von Mopeds und Motorrädern!
Radfahrer müssen den Mehrzweckstreifen verwenden, wenn einer
vorhanden ist. Verlässt der Radfahrer den Mehrzweckstreifen, hat er
Nachrang gegenüber dem Kfz-Verkehr. Gemeinsam ist dem Rad- und
Mehrzweckstreifen die Kennzeichnung mit Fahrradsymbolen und dem
Schriftzug "Ende" am Schluss.

Was wissen die Wiener Fahrzeuglenker über den Mehrzweckstreifen?

Richtigerweise war mehr als 83 Prozent der befragten Wiener
Kfz-Lenker bewusst, dass Parken und Halten auf dem Mehrzweckstreifen
nicht erlaubt ist. Schwerer taten sich die Interviewten mit der
Frage, ob Ladetätigkeiten auf diesen Straßenabschnitten erlaubt sind:
Jeder zehnte konnte darauf keine Antwort geben, mehr als ein Viertel
war der - falschen - Ansicht, dass es erlaubt sei. Im Vergleich zu
einer Umfrage im Jahr 1996 zeigte sich, dass sich Mehrzweckstreifen
mittlerweile klar auf das Fahrverhalten auswirken. Beinahe drei
Viertel der Kfz-Lenker - gegenüber 1996 eine Verdopplung - gaben an,
dass sie bei einer Begegnung mit Radlern auf einer Fahrbahn mit
Mehrzweckstreifen die Geschwindigkeit reduzieren, aufmerksamer und
langsamer fahren. Auch Geschwindigkeitsmessungen bestätigten, dass 85
Prozent der Kfz auf solchen Abschnitten die höchst zugelassenen
Tempolimits nicht erreichten. Über 60 Prozent der Kfz-Lenker
empfanden den Mehrzweckstreifen als eine sinnvolle Einrichtung, 22
Prozent plädierten hingegen für andere Radfahranlagen.

Kennen sich die Wiener Radfahrer besser aus?

Große Deutungs-Unsicherheiten bei Bodenmarkierungen herrschen bei den
Radfahrern. Zwei Drittel interpretierten den Mehrzweckstreifen als
Radfahrstreifen oder Radweg. Nur jeder Zehnte wusste genau, auf
welcher Art von Straßenanlage er sich befand und dass er somit keine
Exklusivrechte für die Benutzung hat. Die Auswirkungen auf die eigene
Sicherheit und das eigene Verhalten sahen die befragten Radfahrer
weit kritischer als die Kfz-Lenker. Am öftesten wurde angegeben, dass
man viel intensiver auf den Verkehr und vor allem auf sich öffnende
Wagentüren achten müsse. Trotzdem haben 60 Prozent der Befragten ihr
Verhalten und Risikobewusstsein nicht geändert, wodurch sich die
Unfallgefahr auf Mehrzweckstreifen natürlich nicht verringern lässt.
Besonders nachdenklich sollte es stimmen, dass sich mehr als 56
Prozent der Radfahrer auf Mehrzweckstreifen nicht sicher fühlen. Das
liegt vor allem an zu schmalen Dimensionierungen und weil das
Mitfahren mit dem fließenden Verkehr als unangenehm empfunden wird.
Zwar seien Mehrzweckstreifen besser als gar keine Lösung, gewünscht
werden aber hauptsächlich richtige Radwege.

Empfehlungen für mehr Sicherheit

In Wien wird der Mehrzweckstreifen vor allem eingesetzt, um einfache,
schnelle und direkte Radverbindungen - auf bisher autogerecht
geplanten Straßen - zu schaffen. Heute machen Mehrzweckstreifen etwa
zwei Prozent des rund 1.000 Kilometer langen Radwegenetzes aus.
"Mehrzweckstreifen sind sicher geeignet, um den Radverkehrsanteil in
Wien zu steigern. Sie sind aber kein Allheilmittel und sollten so wie
alle anderen Verkehrsanlagen nach klar definierten Gesichtspunkten
eingesetzt werden", betont Thann. "Denn die Gestaltung wirkt sich
massiv auf das Sicherheitsempfinden und damit auf die Akzeptanz
dieser Radfahranlagen aus." Verbesserungsbedarf bestehe vor allem in
der Dimensionierung - also besser breite als schmale
Mehrzweckstreifen, aber nur wenn es die restliche Fahrbahnbreite auch
erlaubt. Sonst überholen Kfz-Lenker die Radfahrer mit einem zu
geringen Sicherheitsabstand.

Auch Mittellinien werden als psychologische Barriere empfunden und
verleiten zu geringem Abstand. Die Akzeptanz durch Radfahrer leidet
vor allem, wenn Schräg- und Längsparkplätze falsch angelegt sind,
Autos in den Mehrzweckstreifen hinein ragen oder sich unvermittelt
Türen öffnen und wilde Bremsmanöver hingelegt werden müssen. Gerade
auf Straßen mit vielen parkenden Fahrzeugen - wie zum Beispiel
Einkaufsmeilen - sollten Mehrzweckstreifen erst nach einer
eingehenden Situationsanalyse errichtet werden, da Parkplatzsucher
den Radfahrern das Leben schwer machen und Motorradfahrer auf solchen
Straßen die Streifen oft benutzen, um schneller voran zu kommen.

Rückfragehinweis:
Kuratorium für Verkehrssicherheit
Mag. Dolores Omann
Marketing & Kommunikation
Tel.: 0577077-1904
E-Mail: [email protected]

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