• 04.11.2026, 10:30:34
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IV-Konjunkturbarometer: Erholung auf Abruf

IV-GS Neumayer & IV-Chefökonom Helmenstein: Leichte Aufhellung macht noch keinen Aufschwung – Standortkosten und Investitionsschwäche bremsen Industrie

Wien (OTS) - 

Die Weltwirtschaft präsentiert sich im Herbst 2026 robuster, als es die Verwerfungen auf den Energiemärkten hätten erwarten lassen. Der Internationale Währungsfonds rechnet in seinem jüngsten World Economic Outlook für 2026 mit einem globalen Wachstum von real 3,1% und damit geringfügig mehr als noch im Juli, bei einer unverändert hohen Inflation von 4,7%. Getragen wird diese Widerstandskraft allerdings von wenigen Volkswirtschaften: Die USA expandierten im dritten Quartal annualisiert um 3,4%, nicht zuletzt dank hoher Investitionen in Informationstechnologie, China, gestützt auf kräftige Exporte, um 4,5% gegenüber dem Vorjahr. Obwohl das globale Wirtschaftswachstum damit leicht unter dem langjährigen Durchschnitt liegt, kann von einer Stagflation keine Rede sein – die Weltwirtschaft stagniert nicht, sondern sie expandiert.

Im Euroraum fiel das Wachstum im dritten Quartal mit 0,4% gegenüber dem Vorquartal zwar doppelt so hoch aus wie erwartet, doch ist dies zum Teil dem statistisch volatilen Wachstum Irlands zuzuschreiben, während Frankreich leicht schrumpfte und Italien stagnierte.

Eine doppelt schwierige Erholungsperspektive weisen jene Volkswirtschaften auf, die einerseits von Energieimporten abhängig sind und andererseits unterdurchschnittlich in die Wertschöpfungsketten der Daten- und Energieinfrastrukturinvestitionen eingebunden sind. Während die USA als Nettoexporteur fossiler Energieträger und als Zentrum der KI-Investitionen derzeit strukturell bedingt doppelt profitieren, hat Europa einen beträchtlichen Energiepreisschock zu bewältigen. Mit einem Brent-Preis von über 100 US-Dollar je Fass und niedrigen Gasspeicherständen zu Beginn der Heizperiode bleibt die Straße von Hormus ein zentraler Risikofaktor.

Hinzu tritt erneuter angebotsseitiger Inflationsdruck, während die Gesamtinflation innerhalb des Euroraums erheblich streut, von 2,8% in Deutschland bis zu 5,6% in Italien. Für die Europäische Zentralbank, die den Einlagenzins auf ihrer jüngsten Sitzung unverändert bei 2,50% beließ, ergibt sich daraus ein schwer aufzulösender Zielkonflikt, denn geldpolitisch restriktivere Maßnahmen beseitigen keine Energieengpässe, wohl aber verteuern sie die Finanzierung von Investitionen und der Staatsschulden. Umgekehrt könnte das Unterlassen solcher Maßnahmen eine dauerhafte Verfestigung höherer Inflationserwartungen begünstigen. Im Ergebnis steht die EZB vor dem Dilemma, kurzfristige Wachstumsverluste gegen längerfristige Inflationsrisiken abwägen zu müssen.

Hausgemachte Standortnachteile bremsen Investitionen

„Die Industrie stabilisiert sich langsam, aber der Weg zu einem echten Aufschwung ist noch weit. Entwarnung ist nicht angebracht: Beschäftigung und Erträge bleiben unter Druck, während hohe Kosten und Bürokratie Investitionen am Standort bremsen. Wachstum lässt sich nicht herbeiregulieren: Wir brauchen weniger bürokratische Belastungen, wettbewerbsfähige Kosten und konkrete Investitionsanreize. Gerade jetzt dürfen wir die zarte Stabilisierung nicht durch hausgemachte Standortnachteile wieder abwürgen“, betont IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.

Als konkretes Beispiel für drohende Bürokratie und Gold Plating nennt Neumayer das geplante Klimagesetz: „Schreibt Österreich die Klimaneutralität zehn Jahre vor dem europäischen Ziel rechtsverbindlich fest, ist das mit erheblichen Teuerungen und weiteren Belastungen verbunden – und das auch noch ohne, dass es dem Klima nützt, weil andere dafür mehr ausstoßen dürfen. Ebenso braucht es Rechtssicherheit bei den Sicherheitsexporten, um Investitionspotentiale zu nutzen: Können Unternehmen und Banken strafrechtliche Risiken nach § 320 StGB nicht verlässlich beurteilen, werden Investitionen im Zweifel nicht getätigt. Das gefährdet eine Branche, die in Österreich rund 41.000 Arbeitsplätze sichert.“

Österreich: Frühindikatoren hellen sich leicht auf

In Österreich nahm die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal real um 0,2% gegenüber dem Vorquartal zu, doch kamen die Impulse überwiegend aus Dienstleistungsbereichen, während die Bauwirtschaft erneut schrumpfte. Umso bemerkenswerter ist die weitere, wenngleich geringfügige Aufhellung der Frühindikatoren.

„Für das Gesamtjahr 2026 ist weiterhin mit einem realen Wirtschaftswachstum von etwas unter einem Prozent zu rechnen. Die Gefahr eines neuerlichen Abgleitens in die Rezession ist etwas geringer geworden. An ihre Stelle tritt das Risiko einer Erholung, die durch den anhaltenden Kosten- und Preisauftrieb ausgebremst wird und schließlich in eine Stagnation mündet“, fasst IV-Chefökonom Christian Helmenstein zusammen.

Vor diesem Hintergrund verbessert sich das IV-Konjunkturbarometer als Durchschnitt der Einschätzungen der aktuellen Geschäftslage und jener in sechs Monaten von +4,9 Punkten auf +8,3 Punkte und macht damit rund die Hälfte des im Vorquartal erlittenen Rückgangs wett.

Bei der Komponente der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage in der Industrie erhöht sich der Saldo von +5 Punkten auf +12 Punkte und erreicht trotz der weiter gewachsenen geoökonomischen Unsicherheiten nahezu wieder den Stand des Jahresendes 2025. Dennoch beschreibt fast jedes fünfte Unternehmen seine Geschäftslage nach wie vor als „schlecht“ (18% nach 22%).

Weitaus verhaltener entwickeln sich die Geschäftserwartungen, deren Saldo sich lediglich von +4 Punkten auf +5 Punkte verbessert, wobei der Anteil der Optimisten unverändert bei 17% verharrt. Die Unternehmen nehmen die Verbesserung ihrer Lage mithin durchaus wahr, erwarten für das Winterhalbjahr aber nur eine geringfügige weitere Aufhellung.

Die Ergebnisse im Detail

Bei den Gesamtauftragsbeständen in der Industrie gibt der Saldo leicht von +15 Punkten auf +13 Punkte nach. Aufschlussreicher als die geringfügige Veränderung des Saldos ist die Verteilung der Antworten. Der Anteil der Unternehmen mit gutem Auftragsbestand sinkt von 33% auf 27%, jener mit zu niedrigem Auftragsbestand von 18% auf 14% und damit auf den tiefsten Wert seit vier Jahren. Hingegen beurteilen 59% der Unternehmen ihren Auftragsbestand als saisonüblich, mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der COVID-Pandemie. Die Einschätzungen der Auftragslage verschieben sich somit von beiden Rändern zur Mitte. Zwar fließen verstärkt neue Aufträge zu, doch fahren die Unternehmen ihre Produktion angesichts der zum Teil erheblich unterausgelasteten Produktionskapazitäten ebenso rasch hoch, sodass sich die Auftragsreichweiten nicht weiter erhöhen.

Hinter dem nahezu stabilen Saldo der Gesamtauftragsbestände verbirgt sich eine ausgeprägte Branchenspreizung. An der Spitze stehen die Nichteisen-Metallindustrie und die Elektro- und Elektronikindustrie. Am anderen Ende rangieren die Papierindustrie, die Nahrungs- und Genussmittelindustrie und die Chemische Industrie. Damit zeichnet sich, wenn auch nicht ohne Ausnahmen, eine Bruchlinie zwischen den vom Netzausbau und von der Digitalisierung profitierenden Branchen einerseits und den energieintensiven Branchen andererseits ab, die den Kostenanstieg kaum an ihre Abnehmer weitergeben können.

Bei der Subkomponente der Auslandsaufträge gibt der Saldo von +13 Punkten auf +12 Punkte nach. Nicht zuletzt von der Abschwächung des Euro gegenüber dem US-Dollar um 3% binnen Jahresfrist begünstigt, findet die solide Exportentwicklung der vergangenen Monate hierin ihre Bestätigung, eine weitere Beschleunigung lässt sich aus diesem Indikator jedoch nicht ablesen.

Kräftig ziehen die kurzfristigen Produktionserwartungen in der Industrie an. Der saisonbereinigte Saldo verbessert sich von +3 Punkten auf +18 Punkte, (deutlich) höher lag er zuletzt Ende 2021. Nach zwei Quartalen nahe der Stagnation ist in den kommenden Monaten somit eine Produktionsausweitung zu erwarten, die über das saisonübliche Maß hinausgeht. Wie nachhaltig sie ausfällt, wird davon abhängen, ob die Nachfrage auch über eine bloße Wiederauffüllung der Lager hinaus trägt.

Der Saldo der Beschäftigungsaussichten verbessert sich zwar von -20 Punkten auf -11 Punkte, verharrt aber weiterhin in rotem Terrain. Der Anteil der Unternehmen, die Beschäftigte abbauen müssen, sinkt von 28% auf 22%. Derzeit plant jedes neunte Unternehmen eine Aufstockung seines Beschäftigtenstandes, nach nur jedem zwölften im Vorquartal. Die Beschäftigungserwartungen deuten somit auf einen spürbar verlangsamten, aber weiterhin anhaltenden Stellenabbau in der Industrie hin.

Der Kostenauftrieb schlägt sich nunmehr verstärkt in den Absatzpreisen nieder. Der Saldo der Verkaufspreise steigt von +7 Punkten auf +13 Punkte, den höchsten Stand seit dem ersten Quartal 2023. Dennoch erwarten knapp vier von fünf Unternehmen keine Anhebung ihrer Verkaufspreise. Wie eng die Spielräume sind, zeigt ein Vergleich: Die Einkaufspreise steigen wesentlich stärker als die Verkaufspreise.

Vor diesem Hintergrund ist keine durchgreifende Erholung der aktuellen Ertragslage zu erkennen. Ihr Saldo legt zwar von -11 Punkten auf -2 Punkte zu, bleibt aber unterhalb der Nulllinie. Der Anteil der Unternehmen in einer schwierigen Ertragssituation (24%) übersteigt jenen mit günstiger Ertragslage (22%) weiterhin.

In dieses Bild fügen sich die Ertragserwartungen auf Sicht von sechs Monaten, deren Saldo bei +3 Punkten verharrt. Auch die Verteilung der Antworten ist mit 16% Optimisten und 13% Pessimisten exakt dieselbe wie im Vorquartal. Die Unternehmen rechnen für das kommende Halbjahr mithin kaum mit einer weiteren Verbesserung ihrer Ertragslage, obwohl bei einer anziehenden Produktion eine ertragspositive Fixkostendegression zu erwarten wäre. Tragfähig bleibt die geringfügige Verbesserung also nur, wenn sich der Ausstoß auf einem höheren Niveau stabilisieren lässt.

Damit aus einer leichten Belebung mehr wird als ein Lagerzyklus, muss die Investitionstätigkeit der Unternehmen deutlich anziehen, und das bei zuletzt verschärften Kreditkonditionen. Gefragt sind daher Investitionsanreize, etwa in Form einer Superabschreibung, die ohne zusätzliche Förderbürokratie auskommt. Die mit dem Doppelbudget 2027/28 beschlossene Anhebung der Körperschaftsteuer auf 24% für Gewinnanteile über einer Million Euro ab 2028 setzt hingegen ein gegenläufiges Signal. Um budgetäre Spielräume für eine Entlastung der Unternehmen zu schaffen, führt zudem kein Weg an tiefgreifenden Reformen bei Entbürokratisierung und Deregulierung, im Pensions- und Gesundheitswesen sowie im Föderalismus vorbei. Angesichts des Energiepreisschocks kommt schließlich der Senkung standortbedingter Energiekosten wie Netzentgelten und Abgaben besondere Bedeutung zu. Erst wenn auf die Erholung auf Abruf eine Erholung auf Investitionsbasis folgt, wird aus der leichten Aufhellung ein tragfähiger Aufschwung.

Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 373 Unternehmen mit rund 272.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung: Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ als Differenz zwischen den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten gebildet.

Rückfragen & Kontakt

Industriellenvereinigung
Marlena Mayer, BA
Telefon: +43 (1) 711 35-2315
E-Mail: [email protected]
Website: https://www.iv.at

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