• 03.11.2026, 09:57:03
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Fachtagung zu Otto Mühl-Kommune: Umfassende Aufarbeitung notwendig

Kunst und Künstlerstatus haben Missbrauch legitimiert – Tagung der Bundesstelle für Sektenfragen beleuchtet Manipulation und Machtmissbrauch sowie gesellschaftliche Verantwortung

Wien (OTS) - 

Die in den 1970er- und 1980er-Jahren aktive Kommune des österreichischen Aktionskünstlers Otto Mühl (1925–2013) wird häufig als „Sekte“ bezeichnet, weil sie zahlreiche Merkmale einer hochkontrollierenden Gemeinschaft aufwies. Eine Fachtagung der Bundesstelle für Sektenfragen beleuchtet - nicht zuletzt ausgelöst durch aktuelle Kunstausstellungen - Mechanismen von Manipulation und Machtmissbrauch ebenso wie die gesellschaftlichen Strukturen, die diese ermöglicht und begünstigt haben. Die anhaltende Debatte verdeutlicht die gesellschaftliche Verantwortung, erlittenes Unrecht anzuerkennen und den Perspektiven der Betroffenen angemessen Rechnung zu tragen.

Was als gesellschaftliches Experiment zur Befreiung von traditionellen Normen und Zwängen begann, entwickelte sich zunehmend zu einem autoritären System mit einer streng hierarchischen Struktur und einem ausgeprägten Führerkult um Otto Mühl. Das Leben der Mitglieder war umfassend reglementiert, individuelle Freiheiten und persönliche Grenzen wurden systematisch eingeschränkt. Gruppendruck, psychische Manipulation, Demütigungen und Abhängigkeitsverhältnisse prägten den Alltag. Besonders schwerwiegend waren die Isolation sowie die sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen. 1991 wurde Otto Mühl unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Kinder, die in hochkontrollierenden Gemeinschaften aufwachsen, können langfristige psychische, emotionale und soziale Schäden davontragen. Insbesondere die Erfahrung von Angst, Gewalt, Demütigung, strenger Kontrolle und fehlender Selbstbestimmung kann ihre gesunde Entwicklung nachhaltig beeinträchtigen. Mögliche Folgen sind Traumatisierungen, Ängste, Depressionen, ein geringes Selbstwertgefühl sowie Schwierigkeiten, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, persönliche Grenzen wahrzunehmen und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Auch die Entwicklung einer eigenständigen Identität und die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen einzugehen, können beeinträchtigt werden. Besonders schwerwiegend ist es, wenn Kinder keine verlässlichen Bezugspersonen haben, die ihnen Schutz und emotionale Sicherheit bieten, wie es auch in der Kommune Otto Mühls der Fall war.

Autoritäres Kontrollsystem durch Kunst legitimiert

In der aktuellen Debatte über den Umgang mit den Werken Otto Mühls wird häufig zu wenig berücksichtigt, dass seine Kunst und sein Status als anerkannter Künstler wesentlich zur Legitimation und Aufrechterhaltung eines autoritären und missbräuchlichen Kontrollsystems beigetragen haben. In der Kommune waren sämtliche Mitglieder, auch Kinder und Jugendliche, in die künstlerischen Prozesse eingebunden. Kunst und gemeinschaftliches Leben waren dabei eng miteinander verflochten, sodass künstlerische Praktiken auch Teil der bestehenden Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse waren. Unter dem Deckmantel künstlerischer Freiheit konnten Machtmissbrauch, Gewalt und schwerwiegende Grenzverletzungen, insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen, verschleiert und gerechtfertigt werden.

In einzelnen Beiträgen im Rahmen des gegenwärtigen öffentlichen Diskurses über Otto Mühl werden das Leid der Betroffenen und die Schwere der erlittenen Gewalt ausgeblendet oder sogar relativiert. Für die Betroffenen kann dies eine schmerzhafte Wiederholung früherer Erfahrungen bedeuten: dass ihr Leid nicht anerkannt, ihre Wahrnehmungen infrage gestellt und ihre Stimmen nicht gehört werden. Die aktuelle Diskussion ist daher keineswegs folgenlos. Sie kann alte Verletzungen wieder aufbrechen lassen und wird von manchen Betroffenen als retraumatisierend erlebt. So kann es auch Menschen, die in anderen hochkontrollierenden Gemeinschaften ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ergehen.

Die öffentliche Auseinandersetzung bietet zugleich die Gelegenheit, die Mechanismen von Macht und Abhängigkeit in hochkontrollierenden Strukturen sowie die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung kritisch zu hinterfragen. Eine umfassende Aufarbeitung erfordert dabei nicht nur die Auseinandersetzung mit vergangenem Unrecht, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung im gegenwärtigen Umgang damit. Dazu gehört, den Betroffenen zuzuhören, ihre Erfahrungen anzuerkennen und ihre Perspektiven angemessen zu berücksichtigen. Wie eine Gesellschaft über erlittenes Unrecht spricht und mit den Erfahrungen der Betroffenen umgeht, ist selbst Ausdruck ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Diesen Themen widmet sich die Fachtagung der Bundesstelle für Sektenfragen:
Das System Otto Mühl
Missbrauch und Kontrolle im Namen der Befreiung
13.11.2026, 09:00-17:30 Uhr
Ort: Europahaus, Linzer Straße 429, 1140 Wien

Links:
Programm und Anmeldung zur Tagung (Teilnahme kostenlos):
https://bundesstelle-sektenfragen.at/veranstaltungen/das-system-otto-muehl/

Fachartikel Die „Mühl-Sekte“: Macht, Gewalt und Missbrauch im Tätigkeitsbericht 2025 ab Seite 68:
https://bundesstelle-sektenfragen.at/wp-content/uploads/Taetigkeitsbericht_2025.pdf


„Machtmissbrauch darf nicht einfach in Vergessenheit geraten. Wir müssen den Betroffenen zuhören und alles tun, damit sich solche Erfahrungen nicht wiederholen.“

Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen

Rückfragen & Kontakt

Mag.a Ulrike Schiesser

Bundesstelle für Sektenfragen

Wollzeile 12/2/19, 1010 Wien

+4315130460

[email protected]

www.bundesstelle-sektenfragen.at

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