- 23.10.2026, 10:50:03
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Neue „kreuz & quer“-Doku über „Die Entschlüsselung des Tassilo-Codes“ am 27. Oktober um 22.35 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON
Der Tassilokelch ist nicht nur einer der größten Kunstschätze Österreichs, sondern auch eines der rätselhaftesten Objekte des Frühmittelalters. Er birgt zahlreiche Geheimnisse, Anagramme, versteckte Abbildungen von Tieren und ikonenhafte Darstellungen. Lange glaubte man, dass der bayerische Herzog Tassilo III. den Kelch dem Stift Kremsmünster anlässlich seiner Gründung im Jahr 777 gestiftet hatte. Pater Altman Pötsch, Kustos des Klosters, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Tassilokelch und hat erstaunliche Details entdeckt, die eine ganz neue Deutung zulassen. Für die „kreuz & quer“-Neuproduktion „Die Entschlüsselung des Tassilo-Codes“ hat Martin Betz mit Pater Altman Pötsch gesprochen. Wie der Kelch von Salzburg nach Kremsmünster kam, warum er nur für Papstbesuche das Stift verlässt und wie er zur Zeit des Nationalsozialismus versteckt wurde, zeigt „kreuz & quer“ am Dienstag, dem 27. Oktober 2026, um 22.35 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON im Gespräch mit Expertinnen und Experten.
Die Inschrift des Kelchs – TASSILO DUX FORTIS und LIUTPIRC VIRGA REGALIS – beinhaltet nämlich ein Anagramm, dessen lateinischer Text darauf hindeutet, dass der Kelch ursprünglich nicht für Kremsmünster, sondern für Salzburg bestimmt war. Als CALIX SALUTARIS FIT VIRGILIUS S. RODPERGTO – so lautet der Text des Anagramms – dürfte er dem später heiliggesprochenen Salzburger Bischof Virgil gewidmet gewesen sein, der zu dieser Zeit in Salzburg einen Dom zu Ehren des heiligen Rupert errichten ließ. Das kostbare Objekt könnte als Messkelch für die neue Kathedrale gedacht gewesen sein. Auch ein Zahlenrätsel, ein Chronogramm, hat Pater Altman entdeckt. Ihm zufolge wurde der Kelch nicht 777, sondern erst im Jahr 781 gefertigt. Doch der „Gral von Kremsmünster“ birgt noch viele weitere Geheimnisse. Eines davon ist die Frage, warum sich auf seinem Kupferkern und in den Silber- und Goldeinlagen Motive finden, die von Byzanz bis Irland reichen. Wie weitreichend waren die Beziehungen von Tassilos Hof? „Der Tassilokelch symbolisiert und fasst in sich eine ganze Epoche“, sagt dazu der Kirchenhistoriker Thomas Prügl. Die Byzantinistin Claudia Rapp erkennt byzantinische Einflüsse vor allem in der Darstellung des Pantokrator-Christus. Auch die Marienfigur erinnert an byzantinische Vorbilder; ihre Darstellung gilt als die älteste nördlich der Alpen. Mariens geheimnisvoller Fingerzeig auf das „V“ der Kelchinschrift gab Pater Altman Pötsch übrigens den entscheidenden Anstoß, das rätselhafte Anagramm zu entschlüsseln.
Noch weitgehend ungeklärt ist die Frage, welche Bedeutung die Darstellung der 42 Fabeltiere auf dem Kelch hat. Ihre Ornamentik verweist auf den anglo-irischen Raum. Deshalb vermutet der Historiker John Blair von der Universität Oxford, dass sogar Handwerker von den Britischen Inseln an der Herstellung des Tassilokelchs beteiligt gewesen sein könnten. Eine weitere Spur führt nach Oberitalien, zur Gattin Tassilos, der Langobardenprinzessin Liutpirc. Das Flechtwerk auf dem Tassilokelch entspricht exakt jenem in der langobardischen Hofkapelle von Cividale del Friuli. Damit spiegelt der Kelch auch die Politik des bayerischen Herzogs Tassilo wider, der gute Beziehungen zu seinen südlichen Nachbarn pflegte und um Stabilität in Mitteleuropa bemüht war.
Doch das Zeitfenster von Tassilos Herrschaft war kurz. Im Jahr 788 wird er von Karl dem Großen abgesetzt. Die Franken nehmen nicht nur Tassilos Gebiete, sondern auch die meisten seiner Schätze an sich. Mit Ausnahme des Tassilokelchs! Dieser könnte, so vermutet Pater Altman, von Salzburg nach Kremsmünster in Sicherheit gebracht worden sein ... um dann das Kloster nicht mehr zu verlassen. Lediglich im 20. Jahrhundert gerät der Tassilokelch in größte Gefahr. Als das NS-Regime das Stift Kremsmünster als Lagerstätte für wertvolle Kunstwerke des geplanten „Führermuseums“ nutzt, muss gegen Kriegsende mit ihnen auch der Tassilokelch evakuiert werden. Zunächst gelangt er ins Salzbergwerk von Altaussee, später in den Kaiser-Franz-Josef-Erbstollen in Lauffen bei Bad Ischl. In einer riskanten, privaten Geheimaktion wird der wertvolle Kelch schließlich im April 1945 nach Kremsmünster zurückgebracht – versteckt in einem Rucksack zwischen Kartoffeln.
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