- 23.10.2026, 10:00:32
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Weil Mäuse keine Menschen sind: Fokus auf tierversuchsfreie Forschung
Jahresforum der Tierschutzombudsstelle Wien setzt auf Innovation statt Tierversuche.
Beim Jahresforum der Tierschutzombudsstelle Wien waren sich Vortragende aus Forschung, Wirtschaft und Politik einig: Für viele Tierversuche gibt es bereits zuverlässigere, tierfreie Alternativen. Dass der Umstieg sich dennoch zieht, hat verschiedene Gründe: strukturelle, finanzielle - aber auch Schranken „im Kopf“, die es zu überwinden gilt.
- 500.000 Tiere sterben in Österreich jährlich im Zusammenhang mit Tierversuchen: Etwa 300.000 davon sind “Überschusstiere”, die getötet werden, ohne je in einem Versuch verwendet worden zu sein.
- Seit 60 Jahren gleichbleibend unzuverlässig: 92 Prozent aller Wirkstoffe, die Tierversuche bestanden haben, scheitern danach am Menschen.
- Mut zum Umstieg: New Approach Methodologies (NAMs), also auf neuen Ansätzen basierende Methoden, sind längst im Einsatz – und in vielen Fällen deutlich zuverlässiger als Tierversuche.
- Wien ist mit dabei: Die Life Sciences wachsen stärker als jede andere Branche der Stadt. Zahlreiche Wiener Forschende und Unternehmen betreiben bereits tierversuchsfreie Forschung. Die Stadt fördert gezielt die Entwicklung entsprechender Methoden.
- Reformbedarf: Das Wissenschaftsministerium nennt den Ersatz von Tierversuchen als oberste Priorität bei Reformen des Tierversuchswesens. Das Regierungsprogramm sieht außerdem eine Modernisierung im Bereich des Tierversuchsgesetzes vor.
Unter dem Motto "Im Zweifel für das Tier" hat die Tierschutzombudsstelle Wien am 7. Oktober ihr Jahresforum 2026 ausgerichtet. Im Dachsaal der Urania begrüßte die Wiener Tierschutzombudsfrau, Eva Persy, zahlreiche Interessierte und Vortragende aus Forschung, Unternehmen, Verwaltung und Politik. Bei diesen herrschte Einigkeit: Tierversuche sind in vielen Bereichen überholt.
Die leitende Frage des Forums war daher nicht, ob der Umstieg kommt, sondern wie er beschleunigt werden kann. Persy betonte, ein Umstieg “macht so viel Sinn und ist besser für Mensch und Tier”. Oft lägen aber “die Grenzen, die es zu überwinden gelte, noch in den Köpfen”.
Der Mensch ist keine 70-Kilo-Maus
Denn Tierversuche sagen nicht verlässlich voraus, was ein Wirkstoff im Menschen anrichtet, betonte Tamara Zietek vom Verein Ärzte gegen Tierversuche. Die Biochemikerin hat 60 Jahre Medikamentenentwicklung ausgewertet: 92 Prozent der Wirkstoffe, die die präklinische Prüfung durch Tierversuche bestanden haben, scheiterten danach beim Menschen. Nicht einmal im vergangenen Jahrzehnt hat sich dieser Wert verbessert.
Anja Hellwig von der TissUse GmbH, ein Biotech-Unternehmen aus Berlin, das Organ-Chips herstellt, nannte als Beispiel Aspirin: Das Medikament würde die heutigen präklinischen Tierversuche vermutlich nicht überstehen, da es für Ratten tödlich ist.
Menschen seien eben “keine 70-Kilo-Mäuse” zitierte Hellwig einen Forscher aus dem Film “Future Science – Das Ende der Tierversuche?”, der am Vorabend des Forums präsentiert wurde. Zuverlässiger sind die Methoden, die mit Zellen von denjenigen arbeiten, für die die Forschung auch gedacht ist: uns Menschen.
NAMs: Was heute schon möglich ist
New Approach Methodologies, kurz NAMs, bilden u.a. menschliche Organe im Labor nach; etwa eine Mini-Leber auf einem Chip. Der Einschätzung, diese Methoden seien noch nicht ausreichend praxistauglich, stellte das Forum ein anschauliches Beispiel gegenüber: Doris Wilflingseder, Professorin für Infektionskrankheiten am Ignaz-Semmelweis-Institut und an der Vetmeduni Wien, erzielte zu Beginn der Corona-Pandemie mit menschlichen Atemwegsgeweben wichtige Erkenntnisse – ohne Tierversuche. Für ihre Arbeit wurde sie 2021 mit dem Staatspreis zur Förderung von Ersatzmethoden zum Tierversuch ausgezeichnet.
Wenn geeignete Methoden bereits verfügbar sind, stellt sich dennoch die Frage, warum ihr breiter Einsatz so viel Zeit benötigt. Hellwig verwies dabei auf die Strukturen des akademischen Alltags, in dem häufig auf etablierte Verfahren zurückgegriffen werde. Wilflingseder benannte einen Ausbaubedarf bei entsprechenden Förderschienen. Auch in der Ausbildung seien Anpassungen sinnvoll: Während Tierversuchskurse an medizinischen und veterinärmedizinischen Universitäten vielfach zum Standard gehören, werden Lehrangebote zu alternativen Methoden bislang nicht überall in vergleichbarer Weise angeboten.
Reform und geplante Gesetzesnovelle
Dass das österreichische Tierversuchsgesetz überarbeitet werden sollte, ist auch das Ziel der Bundesregierung: im Regierungsprogramm ist eine Novelle verankert. Christian Berger aus dem Kabinett der Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner, die er beim Forum vertrat, nannte die Reduktion der „Überschusstiere“ eines der wesentlichsten Ziele.
Vor allem aber stellte er klar, dass die drei Rs – Replacement, Reduction und Refinement – des Tierschutzes keine gleichrangigen Optionen seien: “Die oberste Priorität ist Replacement.” Für die Forschungsförderung formulierte er das Ziel, dass NAMs in Projekten gerade als innovative und effiziente Methoden überall da, wo dies regulatorisch möglich ist, auch als erste Wahl gelten sollten, nicht nur als bloße Alternative zu Tierversuchen.
Darüber hinaus fördert das Wissenschaftsministerium die Weiterentwicklung und Verbreitung von NAMs auch auf europäischer Ebene. Über die Agenda für den Europäischen Forschungsraum 2025–2027 hat die Europäische Kommission eine europäische NAMs-Initiative angestoßen, an der sich Österreich aktiv beteiligt.
In Wien bewegt sich schon viel
Die Wirtschaftsagentur Wien investiert in Laborflächen und fördert Innovations- und Investitionsprojekte von Wiener Unternehmen. Eva Czernohorszky, Abteilungsleiterin für Life Sciences der Wirtschaftsagentur, zeigte die wirtschaftliche Relevanz von NAMs. Wiener Start-ups entwickeln Organoide in der Petrischale, an denen sie selber Wirkstoffe zur Behandlung von Epilepsie oder Alzheimer testen. Diese Organoide werden auch von anderen Unternehmen und Forschungseinrichtungen als Alternative zu Tierversuchen genutzt. So bringen NAMS in Wien neue Umsätze und Arbeitsplätze. Zwischen 2021 und 2024 sind die Beschäftigten in der Wiener Life Sciences Branche um acht Prozent gewachsen. “Das gab es in keiner anderen Branche”, so Czernohorszky.
Die Vortragenden waren sich durchweg einig: Vorteile und Potentiale der NAMs sind riesig, da Patient*innensicherheit und Tierschutz ebenso profitieren würden wie der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Wien. Nun geht es an die forcierte Umsetzung.
Die Tierschutzombudsstelle Wien (TOW) ist eine unabhängige und weisungsfreie Einrichtung der Stadt Wien. Nach dem Bundestierschutzgesetz hat sie die Aufgabe, die Interessen des Tierschutzes zu vertreten. Die Tierschutzombudsstelle setzt sich bei Verfahren nach dem Tierschutzgesetz in Wien als Anwältin der Tiere für ihre Rechte ein und fördert mit ihren bewusstseinsbildenden Projekten und Initiativen das respektvolle und harmonische Miteinander von Mensch und Tier in der Stadt.
Rückfragen & Kontakt
Eva Persy
Tierschutzombudsstelle Wien
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