- 09.10.2026, 08:50:33
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Fehlgeburten: „Neben Zeit zum Trauern brauchen betroffene Frauen auch medizinische Antworten“
Kinderwunschexperte: Fehlgeburten sind häufig und für Betroffene enorm belastend – bei wiederholten Schwangerschaftsverlusten kann eine gezielte medizinische Abklärung helfen
Die aktuelle Diskussion über einen besseren Schutz von Frauen nach einer Fehlgeburt rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das trotz seiner Häufigkeit noch immer mit einem gesellschaftlichen Tabu verbunden ist. Für Priv.-Doz. DDr. Michael Feichtinger, Leiter des Wunschbaby Instituts Feichtinger, ist die Debatte deshalb wichtig. Neben der Frage, wie viel Zeit Frauen nach einem Schwangerschaftsverlust benötigen, müsse aber auch die medizinische Seite stärker in den Fokus rücken.
„Eine Fehlgeburt ist leider keine medizinische Ausnahmeerscheinung. Schwangerschaftsverluste kommen häufig vor, insbesondere sehr frühe Fehlgeburten bleiben oftmals sogar unbemerkt. Für eine Frau oder ein Paar, das sich auf ein Kind gefreut hat, kann der Verlust dennoch eine enorme psychische Belastung darstellen. Das gilt unabhängig davon, in welcher Schwangerschaftswoche er passiert“, erklärt Feichtinger.
Fehlgeburten sind häufig – aber noch immer ein Tabuthema
Gerade weil kaum über Fehlgeburten gesprochen wird, erleben viele Frauen den Verlust als etwas Außergewöhnliches und suchen die Ursache zunächst bei sich selbst. Dabei gehören frühe Schwangerschaftsverluste zur menschlichen Fortpflanzung und können unterschiedliche Ursachen haben.
„Viele Patientinnen fragen uns nach einer Fehlgeburt als Erstes: Was habe ich falsch gemacht? Diese Frage zeigt, wie groß die psychische Belastung sein kann. Wichtig ist mir deshalb die Botschaft: Eine Fehlgeburt bedeutet nicht automatisch, dass eine Frau keine gesunde Schwangerschaft mehr haben kann“, so Feichtinger.
Die psychische Belastung kann besonders groß sein, wenn der Kinderwunsch bereits länger besteht oder einer Schwangerschaft medizinische Behandlungen vorausgegangen sind.
Wiederholte Fehlgeburten sollten medizinisch abgeklärt werden
Während einzelne frühe Fehlgeburten häufig vorkommen können, empfiehlt Feichtinger insbesondere bei wiederholten Schwangerschaftsverlusten eine gezielte medizinische Abklärung.
Dabei können je nach individueller Situation unterschiedliche Faktoren untersucht werden. Dazu zählen unter anderem genetische Ursachen, hormonelle Faktoren sowie anatomische Veränderungen. Auch beide Partner sollten in die Ursachenforschung einbezogen werden.
Ein besonderer Schwerpunkt des Wunschbaby Instituts Feichtinger liegt seit vielen Jahren auf der Reproduktionsgenetik. In früheren wissenschaftlichen Arbeiten des Instituts wurden genetische Auffälligkeiten bei einem hohen Anteil der untersuchten Fehlgeburten festgestellt.
„Gerade nach mehreren Fehlgeburten sollten Paare nicht das Gefühl haben, sie müssten es einfach immer wieder versuchen und auf mehr Glück beim nächsten Mal hoffen. Wir können heute eine Reihe möglicher Ursachen untersuchen. Finden wir einen Grund, können wir in bestimmten Fällen die weitere Behandlung gezielt darauf abstimmen“, erklärt Feichtinger.
Kinderwunschmedizin kann helfen, Risiken zu erkennen
Welche Untersuchungen sinnvoll sind, muss immer individuell entschieden werden. In bestimmten Konstellationen können genetische Untersuchungen der Eltern, der Eizellen oder – im Rahmen der gesetzlichen Voraussetzungen – der Embryonen Teil einer weiterführenden Diagnostik sein. Das Wunschbaby Institut Feichtinger beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit genetischen Ursachen von Fehlgeburten.
Feichtinger warnt allerdings davor, betroffenen Frauen zu vermitteln, jede Fehlgeburt ließe sich verhindern.
„Wir können leider nicht jede Fehlgeburt verhindern und sollten Frauen auch keine falschen Versprechen machen. Aber insbesondere bei wiederholten Fehlgeburten gibt es heute diagnostische Möglichkeiten, mit denen wir nach möglichen Ursachen suchen und daraus gegebenenfalls eine individuelle Behandlungsstrategie ableiten können.“
„Die psychische und die medizinische Seite gehören zusammen“
Die derzeitige öffentliche Diskussion über Freistellung und Mutterschutz nach Fehlgeburten hält Feichtinger auch deshalb für relevant, weil sie das Thema aus der Tabuzone holt.
„Es ist selbstverständlich wichtig, Frauen nach einer Fehlgeburt Raum für körperliche und psychische Erholung zu geben. Gleichzeitig dürfen wir die Frauen mit der Frage nach dem Warum nicht alleine lassen. Psychische Unterstützung und medizinische Abklärung sind kein Widerspruch. Beides gehört zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Schwangerschaftsverlusten“, betont Feichtinger.
Die aktuelle gesellschaftliche Debatte könne deshalb eine Chance sein, Fehlgeburten insgesamt stärker ins Bewusstsein zu rücken.
„Wir sollten erreichen, dass Frauen über eine Fehlgeburt sprechen können, ohne Scham und ohne Schuldgefühle. Und sie sollten wissen: Wenn Fehlgeburten wiederholt auftreten, gibt es spezialisierte Kinderwunschmedizinerinnen und -mediziner, an die sie sich wenden können. Nicht immer finden wir eine Ursache und nicht jede Fehlgeburt lässt sich verhindern. Aber wir können heute wesentlich genauer hinschauen als noch vor einigen Jahren.“
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