- 08.10.2026, 10:17:02
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„dokFilm“-Premiere „Babylon Prag“ am 11. Oktober in ORF 2 und auf ORF ON
Die „Goldene Stadt“ im historischen Spannungsfeld der 1920er und 1930er
Die Geschichte der Prager Tschechen, Deutschen, Österreicher und Juden, beleuchtet aus neuer, europäischer Perspektive: Der Dokumentarfilm „Babylon Prag“ – zu sehen im „dokFilm“ am Sonntag, dem 11. Oktober 2026, um 23.05 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON – taucht ein in die Zeit der 1920er und 1930er Jahre, in der die Stadt an der Moldau ein Zentrum europäischer Kunst und Kultur war. Im imaginären Dreieck Prag–Wien–Berlin entstand eine mehrsprachige Kulturszene, die Größen wie Kafka, Brod, Kisch oder Lotar hervorbrachte. Trotz kreativer Vielfalt und intensiver kultureller Experimente gab es große Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen, die durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verstärkt wurden.
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Prag, die vielzitierte „Goldene Stadt“, brodelnder Nährboden für Avantgarde und Underground, für klassischen Tanz, Theater und Werke der Weltliteratur. In den beiden Jahrzehnten von 1918 bis 1938 – von der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik bis zur Einverleibung durch Nazi-Deutschland – gediehen in den Cafés, Varietés und Bordellen die Lust an Subversion und Satire, an Debatte und Décadence. Prag war nicht weniger Babylon als Berlin – und mit der Stippvisite von Josephine Baker 1928 wurde es sogar ein wenig zu Paris. Der Soundtrack jener Jahre war der Jazz. Doch zu einem babylonischen Sprachengewirr kam es zwischen deutschsprachiger Minderheit und tschechischer Mehrheitsbevölkerung nicht – im Gegenteil: Von einer „unsichtbaren Wand“ sprach einst der Schauspieler Peter Lotar. Und Journalisten-Ikone Egon Erwin Kisch merkte an: „Mit der halben Million Tschechen der Stadt pflegte der Deutsche keinen außergeschäftlichen Verkehr.“ Geeint waren die beiden Bevölkerungsgruppen in erster Linie in ihrem Judenhass, wie auch Schriftsteller Franz Kafka feststellen musste. Das Filmemacherteam Matthias Schmidt, Vít Poláček und Petr Slavik zeichnet ein faszinierendes Sittenbild mit all seinen Verwerfungen, seiner kulturellen Blüte sowie radikalen politischen Umbrüchen und holt mit Originalzitaten Kulturschaffende wie Zeitzeuginnen vor den Vorhang: Journalistin und Kafka-Übersetzerin Milena Jesenská, Anny Ondra, die Filmdiva und spätere Ehefrau von Schwergewichtsboxer Max Schmeling, Franz Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod, Schauspieler Peter Lotar und Schriftsteller Karel Čapek.
Aus der Kuratel der Habsburg-Monarchie entlassen, wurde die junge Tschechoslowakische Republik zu einem zutiefst gespaltenen Staat. Der erste Präsident Tomáš Garrigue Masaryk war gleichwohl darum bemüht, Gräben zuzuschütten: Gleich nach seinem Amtsantritt 1918 besuchte er symbolträchtig das tschechische Nationaltheater und das deutsche Ständetheater, an dem Beethovens Freiheits-Oper „Fidelio“ gegeben wurde. Die nach beiden Seiten ausgestreckte Hand wurde ausgeschlagen und auch der Appell des Schriftstellers und Journalisten Karel Čapek – „Mit jeder nationalistischen Beleidigung versündigt ihr euch“ – verhallte ungehört. Zu schwer wogen die Demütigungen, die Tschechen in der k.u.k.-Monarchie erdulden mussten, zu nachhaltig waren die Ressentiments gegen die Habsburger.
1919 schwappte eine anti-deutsche Pogromstimmung aus den kleineren Städten auf Prag über. Das deutschsprachige „Prager Tagblatt“ wurde angegriffen, das als Wohnzimmer deutscher Intellektueller etablierte Café Arco zerstört. Das Wiener Café Central in der verarmten ehemaligen Kaiserresidenz wurde für viele Exilanten zum Ausweichquartier. Und doch: Das Bild ist differenzierter. Als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen und die so genannten Nürnberger Rassengesetze beschlossen wurden, flohen viele Juden und Antifaschisten nach Prag. Heinrich Mann, der Sprache nicht mächtig, dankte in brüchigem Tschechisch dafür, Aufnahme gefunden zu haben. Peter Lotar kehrte aus Deutschland in seine Geburtsstadt zurück und erhielt– als einziger deutschsprachiger Schauspieler – ein Engagement am tschechischen Nationaltheater.
1938 wurde Österreich von Nazi-Deutschland okkupiert, es erfolgte der so genannte „Anschluss“. Hitlers Propaganda husste, wie schlecht es der deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei ginge. Und dann ein weiterer Sündenfall der Zeitgeschichte: Mit dem so genannten Münchner Abkommen beschlossen das Deutsche Reich, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien, dass überwiegend deutsche Grenzgebiete an Nazi-Deutschland abzutreten seien. Die Tschechoslowakei war bei dieser Konferenz nicht vertreten. „Babylon Prag“ erzählt von Kulturkämpfen und davon, wie letztlich nur die Auflösung kultureller Grenzziehungen und hegemonialer Ansprüche Austausch ermöglichen konnten.
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