- 07.10.2026, 11:12:02
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Arbeiten in der Pension braucht Arbeiten vor der Pension
Die Langzeitbeschäftigungslosigkeit der 60- bis 64-jährigen Frauen stieg im September um 48 Prozent. arbeit plus fordert ein Bonus-Malus-System und Schutz vor Altersarmut.

Der Nationalrat hat am 23. September das Gesetzespaket „Arbeiten im Alter“ beschlossen. Kern ist ein Steuerfreibetrag für alle, die das gesetzliche Pensionsalter bereits erreicht haben und dennoch weiterarbeiten.
Die Jahre davor sehen anders aus. Im September waren 306.624 Menschen arbeitslos, um 2,5 Prozent mehr als ein Jahr davor. Die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen arbeitslosen Personen stieg mit 11 Prozent deutlich stärker, auf 104.101 Menschen. Damit ist bereits ein Drittel aller arbeitslosen Menschen langzeitbeschäftigungslos. Mit dem Alter verfestigt sich Arbeitslosigkeit zusätzlich: Bei den über 50-Jährigen sind 46,6 Prozent langzeitbeschäftigungslos, bei den 60- bis 64-Jährigen 55,3 Prozent. In dieser Altersgruppe stieg die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen binnen eines Jahres um 23 Prozent. Am deutlichsten zeigt sich die Entwicklung bei Frauen. Ihre Arbeitslosigkeit stieg im September um 6 Prozent, jene der Männer ging um 0,6 Prozent zurück. Bei den 60- bis 64-jährigen Frauen beträgt das Plus 35,7 Prozent oder 2.236 Personen, bei der Langzeitbeschäftigungslosigkeit in dieser Gruppe 48 Prozent oder 1.418 Personen.
Der hohe relative Anstieg erklärt sich auch daraus, dass diese Altersgruppe bis vor Kurzem großteils bereits in Pension war. Das AMS nennt als Ursachen die schrittweise Anhebung des Pensionsantrittsalters für Frauen, die seit 2024 läuft, und den überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Branchen in denen viele Frauen arbeiten, wie Gesundheit und Handel.
„Die Anhebung des Frauenpensionsalters ist beschlossen und sie läuft. Damit ist auch entschieden, dass Frauen fünf Jahre länger Erwerbsarbeit brauchen. Diese Arbeitsplätze entstehen gerade nicht“, sagt Sabine Rehbichler, Geschäftsführerin von arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich.
„Es fehlt nicht an Frauen, die arbeiten wollen. Es fehlt an Unternehmen, die sie einstellen“, so Rehbichler. „Laut Arbeiterkammer beschäftigt mehr als die Hälfte der größeren und mittleren Betriebe keine einzige Frau über 60.“
Was das Paket für die Zeit vor der Pension vorsieht
Positiv wertet arbeit plus, dass das Paket auch Mittel für die Zeit vor der Pension vorsieht: bis zu 100 Millionen Euro jährlich ab 2027 für Beihilfen, Maßnahmen und Beschäftigungsprojekte, insbesondere zur Schaffung und Förderung von Arbeitsplätzen für ältere Personen. Dazu kommt der Arbeitsmarkt-Transformationsfonds beim Arbeitsmarktservice mit 26,7 Millionen Euro für 2028 und 54,6 Millionen Euro für 2029. Er soll Qualifizierung und Beschäftigungsbeihilfen fördern, um Umbrüche in der Arbeitswelt, insbesondere Digitalisierung und Dekarbonisierung, besser zu bewältigen. Die inhaltliche Ausgestaltung steht noch bevor.
„Erfahrungswerte dazu, welche Angebote Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt weiterbringen, liegen vor: Das Bildungszentrum Salzkammergut in Ebensee erreicht in einer strukturschwachen Region rund 40 Prozent Vermittlung, in der Zusammenarbeit von Caritas, AMS und SPAR entstehen Fachkräfte für den Lebensmitteleinzelhandel“, so Rehbichler. „Diese Erfahrungen sollten in die Ausgestaltung einfließen.“
Ob daraus nachhaltige Beschäftigung wird, entscheidet sich beim Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Dafür ist auch die Kostenseite der Unternehmen relevant: Mit dem Budgetbegleitgesetz wird die Arbeitskraft Älterer ab 2028 teurer, während Menschen in Pension steuerlich begünstigt werden. Ergänzend braucht es ein Instrument, das die Unternehmen selbst adressiert.
„Für Unternehmen wird ausgerechnet die Beschäftigung jener Gruppe teurer, deren Weg zurück in Beschäftigung ohnehin am längsten dauert, während die Weiterarbeit in der Pension steuerlich entlastet wird. Dabei kommt Beschäftigung ab 50 mehrfach zurück, für die Menschen, für die Wirtschaft und für den Sozialstaat“, sagt Manuela Vollmann, Vorstandsvorsitzende von arbeit plus Österreich.
Was es jetzt braucht
„Das Gesetz heißt Arbeiten im Alter, beinhaltet aber bislang vor allem das Arbeiten in der Pension“, sagt Rehbichler. Daher brauche es so Vollmann und Rehbichler folgende Ergänzungen:
1. Bonus-Malus: Wer Ältere einstellt, wird entlastet
Es braucht ein Bonus-Malus-System für die Anstellung von Menschen ab 50 und ab 60. Das Pensionsantrittsalter verschiebt sich nach hinten, und wer in Programmen Sozialer Unternehmen unterstützt wird, soll danach auch eine langfristige Perspektive haben.
arbeit plus fordert ein System, das die Lohnnebenkosten an die tatsächliche Beschäftigung Älterer koppelt: Unternehmen, die Verantwortung übernehmen, werden entlastet, Unternehmen, die sie abgeben, zahlen dafür. Drei von vier Betrieben in Österreich beschäftigen niemanden über 60, arbeitslose Menschen zwischen 60 und 64 sind im Schnitt bereits 431 Tage beim AMS gemeldet.
„In unseren Sozialen Unternehmen arbeiten Frauen, die am regulären Arbeitsmarkt aktuell niemand einstellt“, sagt Vollmann. „Sie sind kollektivvertraglich angestellt und zahlen Beiträge. Das ist besser als jedes Jahr in Arbeitslosigkeit, für die Frauen und für das Budget.“
2. Altersarmut verhindern: Jedes Jahr ohne Erwerbsarbeit verkleinert die Pension
Eigenständige Alterssicherung entsteht über Erwerbsarbeit, und jedes Jahr ohne sie verkleinert die spätere Pension. Frauen erhalten laut Sozialministerium und Arbeiterkammer im Schnitt um 39,4 Prozent weniger Pension als Männer, nach EU-SILC 2025 sind 18,7 Prozent der Frauen ab 65 armutsgefährdet.
Auf dem Pensionskonto werden 1,78 Prozent der Beitragsgrundlage gutgeschrieben, bei Arbeitslosengeld jedoch nur von 70 Prozent der Bemessungsgrundlage, bei Notstandshilfe von 64,4 Prozent. Nach mehr als einem Jahr Notstandshilfebezug sind es seit dem heurigen Budget nun nur noch 48,3 Prozent. Einer Studie des WIFO im Auftrag der Arbeiterkammer zufolge traten 72 Prozent der Frauen 2022 direkt aus einer Beschäftigung in die Pension über, bei den übrigen 28 Prozent lagen davor Erwerbslücken von durchschnittlich 8,4 Jahren, bei Männern in derselben Situation 5,6 Jahre.
„Damit 2028 Wirkung entsteht, braucht es diese Angebote auch 2027. Eine aktive Arbeitsmarktpolitik sichert bestehende Beschäftigung ab und baut darauf auf. Beschäftigung ab 50 ist kein Sozialprogramm, sie ist Arbeitskräftesicherung und demokratischer Kitt. Solange die Beschäftigungschancen ab 50 nicht mitsteigen, verlängert ein höheres Antrittsalter nicht das Erwerbsleben, sondern die Zeit davor ohne Arbeit“, so Vollmann.
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Eva Winterer
Presse
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