- 24.09.2026, 08:05:02
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Feministische Standortbestimmung: Richtung ändern statt Verstummen
Die Einreichungen zu den MedienLÖWINNEN 2026 adressieren neben Dauerbrennern wie Gender Health Gap, Gender Pay Gap und Gläserner Decke vor allem drei virulente Themen im Leben von Frauen: Misogynie, Machtmissbrauch und patriarchale Strukturen als Grundlage von Benachteiligung. Die Antworten von Frauen auf gesellschaftliche Schieflagen sind deutlich, zum Teil sogar radikal. Für die Jury und Juryvorsitzende Elisabeth Pechmann bietet sich damit Jahr für Jahr ein „dichtes Stimmungsbild zum Status quo des Feminismus“.
Für die MedienLÖWIN Silber, powered by Agrana, sind Luise Hermann (ARD), Nele Sophie Karsten (Süddeutsche Zeitung) und Eva Sager (Wiener Zeitung) nominiert. Die MedienLÖWIN wird für einen Einzelbeitrag vergeben.
Die ARD-Doku „Heimlich gefilmt – online gedemütigt“ von Luise Hermann und ihrem Team deckt auf, wie Frauen heimlich mit Smartglasses gefilmt und die Videos auf Social Media hundertfach geteilt werden. Eine neue Form digitaler Gewalt, die vor allem Frauen trifft. Das Team sprach mit Betroffenen, konnte einen Täter persönlich konfrontieren und legte strafrechtliche Lücken in der Verfolgung offen. Die Recherche erzielte reale politische Wirkung: Deutsche Städte wie Potsdam und Köln verboten Smart Glasses in Bädern und Saunen. Sogar auf EU-Ebene regt sich inzwischen Widerstand gegen die Technologie. Die Jurorinnen würdigten die Doku als „wahnsinnig eindringlich und gut“ und hoffen, dass die Nominierung noch mehr Journalistinnen und auch Journalisten in Österreich anregt, zum Thema Big Tech und Frauenfeindlichkeit zu publizieren.
„Dann besser keinen“, betitelt die Journalistin Nele Sophie Karsten ihren Text im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Die 30-Jährige beleuchtet den Social-Media-Trend #boysober. Er ist die Antwort ernüchterter Frauen auf Femizide, Sexismus und männlichen Machtmissbrauch. Radikal und konzentriert konstatiert sie, dass es angesichts struktureller Schieflagen besser wäre, ohne Mann an der Seite durchs Leben zu gehen. Die Autorin untermauert mit statistischen Daten, liefert wissenschaftliche Analysen sowie mit „Heterofatalismus“ auch den bereits etablierten Fachbegriff zum Trend, ihr internationaler Rundblick auf das Phänomen reicht bis nach Südkorea. Eine Jurorin sagt: „Die Kombination aus fundierter Recherche und der resignierten Selbstoffenbarung einer noch so jungen Frau hat mich wirklich bewegt.“ Die Radikalität, mit der hier mit tradierten Mustern aufgeräumt werde, sei beeindruckend und klarer Ausdruck davon, dass zu lange zu wenig gegen die evidenten Missstände getan wurde.
Ausgehend von der Causa ORF/Weißmann thematisiert Eva Sagers Beitrag „Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich draufhauen“ für die Wiener Zeitung sexuelle Belästigung in der Medienszene und macht strukturelle Ungleichheiten sowie Machtmissbrauch im journalistischen Arbeitsumfeld sichtbar. Persönliche Berichte Betroffener, fundierte Recherche und klare gesellschaftliche Einordnung verbinden sich zu einer differenzierten Aufbereitung eines oft tabuisierten Themas. Die Jurorinnen würdigten die Dramaturgie von brutalen persönlichen Erlebnissen hin zur fundierten Problemanalyse und begrüßen, dass Wege zur Lösung aufgezeigt werden. Eine Jurorin: „Journalismus als Säule der Demokratie muss auch die Machtstrukturen hinter dem Missbrauch ansprechen, der vorliegende Beitrag tut das.“ Es gelingt dem ehemaligen YoungStar, einen wichtigen Beitrag zur Förderung eines zeitgemäßen Frauenbildes zu leisten. Gleichzeitig stärkt die junge Journalistin die öffentliche Sensibilisierung für Gleichstellungsfragen.
Raus aus dem patriarchalen Schatten
Der MedienLÖWE ist die Statue, die einen Teamerfolg auszeichnet. Nominiert sind Radio Bremen für WDR COSMO, das Magazin profil und die Medienplattform Welt der Frau. Die Statuette wird von Österreichische Lotterien gestiftet.
In über 50 Episoden erzählt die Sendereihe „Lost Sheroes – Frauen, die in den Geschichtsbüchern fehlen“ (eine Produktion von Radio Bremen für WDR COSMO) die Geschichten von Frauen, die aus dem historischen Gedächtnis verdrängt wurden, angefangen von der ersten namentlich bekannten Autorin der Menschheitsgeschichte bis zu vergessenen politischen Kämpferinnen. Die Reihe hinterfragt, warum außergewöhnliche Leistungen von Frauen aus der kollektiven Erinnerung verschwunden sind. Damit macht sie weibliche Vorbilder sichtbar, zeigt Frauen als handelnde Akteurinnen der Geschichte – und thematisiert auch immer wieder, wie männlich dominierte Machtstrukturen Frauen aus der Geschichtsschreibung drängen. Die Jurorinnen lobten die inhaltlichen „Aha-Erlebnisse“ sowie die lebendige, zeitgemäße und unterhaltsame Sendungsgestaltung.
Die Medienplattform „Welt der Frauen“ produziert mit ihrem gleichnamigen Print-Magazin seit 80 Jahren konsequent frauenbewussten Content. Das Medium ist eng mit der Katholischen Frauenbewegung verbunden und wird von einem kirchlichen Beirat begleitet. Die Redaktion schreibt mutig und entschlossen zu fast allen kontroversen Frauen-Themen, oft tut sie das hart an der Grenze dessen, was ihre organisatorische Einbindung erlaubt. Die Jurorinnen betonten: „Das Medium erreicht seit acht Jahrzehnten Leserinnen, die sich dem urban-liberalen Gleichstellungsdiskurs verschließen. Damit schafft es eine höchst wertvolle Anschlussfähigkeit zu Gruppen, die bei der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung von Geschlechtergleichstellung nicht ausgespart bleiben dürfen.“
Zum Internationalen Frauentag 2026 widmete das Nachrichtenmagazin „profil“ eine Spezialausgabe mit 50 Seiten ausschließlich dem Feminismus. Am Beispiel von Politikerinnen, Pionierinnen, Chefinnen, Punk-Musikerinnen oder Fastnachtsvereinspräsidentinnen vermisst das Special den Stand der Gleichberechtigung in Job, Bildung und Alltag. Schon das Cover mit der Headline „Jössas, a Weib!“ macht klar, dass das ohne Samthandschuhe geschah. Die Jurorinnen lobten die Vielfalt der Perspektiven und die hohe schreiberische Qualität mit Aussagen wie: „Da sind ein paar echte Edelfedern versammelt“. Eine Jurorin zog zugleich ein persönliches Fazit: „Sonderausgaben zum Frauentag sind leider nach wie vor nötig.“ Die Leitung des Projekts oblag profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer und Sebastian Hofer.
Fazit der Juryvorsitzenden Elisabeth Pechmann zu den heurigen Einreichungen: „Die vielen Einreichungen zu MedienLÖWINNEN geben Jahr für Jahr ein dichtes Stimmungsbild. Sie sind ein guter Indikator für die aktuelle Standortbestimmung zu Feminismus und Gleichstellung. Leider wird auch heuer wieder deutlich, dass die Richtung definitiv nicht stimmt.“
Mit der Auszeichnung zur MedienLÖWIN heben wir Jahr für Jahr die Arbeit herausragender Journalistinnen hervor. Sie werden zu Role-Models für den Nachwuchs, machen Mut und geben Orientierung. Denn klar ist: Eines Tages wird die Richtung stimmen. Wir geben sicher nicht auf und küren am 3. November 2026 bei der Gala der MedienLÖWINNEN im Haus der Industrie die Siegerinnen.
Rückfragen & Kontakt
Österreichischer Journalistinnenkongress
Dr.in Ulrike Schöflinger
e: [email protected]
i: journalistinnenkongress.at
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