- 17.09.2026, 08:15:32
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SOS Mitmensch-Bericht: So können patriarchale und gewaltfördernde Tendenzen bei Burschen verhindert werden
Expert:innen präsentieren Lösungswege zum Durchbrechen patriarchaler Rollenverständnisse
SOS Mitmensch hat rund ein Dutzend Expert:innen aus Schulen und der Burschenarbeit befragt, wie patriarchale Rollenverständnisse und gewaltfördernde Tendenzen bei Burschen zurückgedrängt werden können. In einem 52-seitigen Bericht nennen die Expert:innen mehr als zwanzig effektive Maßnahmen und fordern von der Politik eine verstärkte Unterstützung für antipatriarchale Burschenarbeit ein.
„Burschen, die patriarchal auftreten und sich über Besitzdenken, Ehre und Gewalt definieren, sind ein erhebliches gesellschaftliches Problem, aber keineswegs ein Naturgesetz. Unser Bericht zeigt, dass es klare Lösungswege gibt, um die soziale Kompetenz, Fürsorglichkeit und Kooperationsbereitschaft von Burschen zu stärken und sie von gewaltfördernden patriarchalen Rollenbildern zu lösen. Viele Burschen leiden auch selbst unter den toxischen patriarchalen Rollenerwartungen, mit denen sie konfrontiert werden“, erklärt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch.
Drei Schuldirektor:innen, drei auf Genderthemen spezialisierte Lehrer sowie fünf Expertinnen und Experten aus der sozialarbeiterischen Burschen- und Männerarbeit geben im Burschen-Bericht von SOS Mitmensch Auskunft darüber, wie in Bildungseinrichtungen die soziale und emotionale Kompetenz von Burschen gefördert und patriarchalen Rollenverständnissen entgegengewirkt werden kann. So solle etwa das Sprechen über Gefühle und Konflikte fixer Teil des Schulalltags sein, ebenso eine demokratische Vereinbarungskultur. Darüber hinaus betonen die Expert:innen die große Bedeutung der Aufarbeitung von Gewaltvorfällen. Wichtig sei auch das breite Ausrollen von Workshops, die sich mit Konfliktvermeidung und Sexualpädagogik beschäftigen. Insgesamt plädieren die Expertinnen und Experten für mehr Ressourcen für Beziehungsarbeit und soziales Lernen an Schulen, mehr Gewaltpräventionsarbeit sowie die Einführung eines gemeinsamen Ethikunterrichts. Wichtig sei darüber hinaus die Stärkung außerschulischer Burschenarbeit und der Kampf gegen frauenfeindliche Influencer in sozialen Netzwerken.
Thomas Angerer, Direktor der HTL Wien West, betont, dass Burschen ernst genommen werden wollen. „Wenn man ihnen respektvoll und auf Augenhöhe gegenübertritt, hat man schon viel gewonnen. Zugleich braucht es eine klare Grundsatzhaltung gegen Fehlverhalten. Dazu genügt es nicht, auf Vorfälle zu reagieren, wir müssen auch präventiv arbeiten. Wir holen uns flächendeckend Gewalt- und Suchtpräventions-Workshops sowie Safer-Internet- und Demokratie-Workshops an die Schule.“
AHS-Lehrer Patrick Osterkorn streicht die wichtige Rolle von sozialem Lernen hervor: „Soziales Lernen ist das Um und Auf und muss von Anfang an trainiert und geübt werden. Das sollte in Form von Fächern wie ‚Kommunikation-Kooperation-Konfliktlösung‘ geschehen, aber auch integriert in allen Unterrichtsfächern.“
Alexander Blaschek, Mittelschul-Beratungslehrer in Wien, erklärt, dass „Burschen Räume brauchen, in denen sie Gefühle wie Angst, Trauer und Unsicherheit ausdrücken können und diese als legitim anerkannt werden“. Darüber hinaus solle Burschen „durch reflexionsorientierte Burschenarbeit“ ermöglicht werden, Geschlechterrollen zu hinterfragen.
Der Geschäftsführer des Vereins „Neuer Start“, Shokat Walizadeh, betont: „Es braucht Räume, in denen Männlichkeit nicht auf Härte, Dominanz und Abwertung beruht, sondern sie Verlässlichkeit, Fürsorge und auch Gleichberechtigung erfahren.“
Erika Tiefenbacher, Direktorin der Mitteschule Währing, sieht in Klassendemokratie ein wichtiges Tool, um Gleichberechtigung zu vermitteln. „Man macht sich gemeinsam Regeln aus und jede Stimme ist dabei gleich viel wert. Es ist auch ein Rahmen, um Burschen und Mädchen zu motivieren, problematische Verhaltensmuster toxischer Männlichkeit aktiv anzusprechen.“
Simon Březina, Projektleiter beim Verein White Ribbon Österreich, betont die entscheidende Rolle der Umfeldbedingungen: „Wenn Schulen oder auch Arbeitgeber:innen eine Umgebung schaffen, wo Werte wie Rücksichtnahme, Verständnis, Wertschätzung wichtig sind, kann aggressives und gewaltvolles Verhalten nachhaltig reduziert werden.“ Darüber hinaus sei eine gute Aufarbeitung von Gewaltvorfällen die wirksamste Form der Prävention, so Březina.
Tara Pire, Obfrau beim Verein „Poika“, weist darauf hin, dass die bestehenden Workshop-Angebote aus der gendersensiblen Burschenarbeit den Bedarf bei weitem nicht abdecken können. „Wir können der Nachfrage nicht nachkommen und das ist nicht nur bei uns so“, fordert Pire den strukturellen Ausbau entsprechender Angebote.
SOS Mitmensch-Sprecher Pollak betont, dass die im Burschen-Bericht festgehaltene „geballte Expertise“ der Expertinnen und Experten „ein echter Game-Changer sein kann, um Gleichberechtigung an Schulen zu stärken und gewaltfördernde Faktoren zurückzudrängen“. Dazu müsse die Politik die am Tisch liegenden Forderungen und Best-Practice-Vorschläge ernst nehmen und umsetzen, regt Pollak einen runden Tisch von Politik und Burschen-Expert:innen an.
Den gesamten Bericht finden Sie hier: https://www.sosmitmensch.at/expert-innenbericht-burschen-befreien
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