- 02.09.2026, 09:00:37
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10 Mythen zum Thema Migräne: Warum gut gemeinte Ratschläge oft zur Belastung werden
Weltkopfschmerztag: 5. September, Europäischer Migränetag: 12. September
Migräne ist weit mehr als nur „ein bisschen Kopfweh“. Sie ist eine ernstzunehmende neurologische Erkrankung, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen und das berufliche wie soziale Leben erheblich einschränken kann. Dennoch erleben Betroffene häufig, dass ihre Erkrankung verharmlost oder nicht ernst genommen wird. Gut gemeinte Ratschläge und hartnäckige Mythen sind dabei oft ebenso belastend wie die Krankheit selbst.
Anlässlich des Weltkopfschmerztages am 5. September und des Europäischen Migränetages am 12. September räumt der Wiener Neurologe und Migränespezialist Dr. Mohammed Baghaei mit den häufigsten Irrtümern rund um Migräne auf und erklärt, warum Aussagen wie „Geh einfach an die frische Luft!“ oder „Das ist doch nur psychisch!“ medizinisch falsch und für Betroffene verletzend sein können.
Migräne ist eine neurologische Erkrankung – kein Lebensstilproblem
Weltweit leiden rund 13 % der Bevölkerung an Migräne (1), in Österreich etwa eine Million Menschen. Neben den oft extremen Schmerzen kämpfen viele Betroffene mit Vorurteilen und gesellschaftlicher Stigmatisierung. Vereinfachende Erklärungen und ungeeignete „Therapietipps“ erschweren den Umgang mit der Erkrankung zusätzlich.
„Gut gemeinte Ratschläge aus dem Umfeld wirken oft eher wie ‚Schläge ins Gesicht‘. Sie verkennen die Komplexität der Erkrankung und sind deshalb kontraproduktiv. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie Betroffene damit abwerten, weil sie meinen, besser über Migräne und wirksame Gegenmaßnahmen Bescheid zu wissen als die Patient:innen selbst.“
Die häufigsten Migräne-Mythen – und was medizinisch wirklich gilt
Die Mythen reichen von harmlosen Fehleinschätzungen bis hin zu kränkenden Schuldzuweisungen. Besonders häufig wird behauptet, Migräne entstehe durch Stress, könne durch genügend Wassertrinken in den Griff bekommen werden und sei nur ein stärkerer Kopfschmerz. Auch zahlreiche vermeintliche Hausmittel – von Entschlackungskuren über Zitronenkaffee bis hin zu heißen Fußbädern oder kuriosen Social-Media-Tipps – werden als wirksame Behandlung angepriesen.
„Im ‚besten Fall‘ helfen diese Tipps nicht, im schlimmsten Fall schaden sie“, so Baghaei. Besonders verletzend seien Aussagen, Migräne sei nur eine Ausrede oder ein „eingebildetes Frauenleiden“.
Die gängigsten Mythen und die medizinische Realität dahinter
1. Mythos: „Du hast einfach nur zu viel Stress.“
Fakt: Stress kann eine Migräne-Attacke auslösen, ist aber niemals die Ursache.
Migräne ist eine genetisch bedingte neurologische Reizverarbeitungsstörung.
2. Mythos: „Migräne ist nur ein stärkerer Kopfschmerz.“
Fakt: Migräne zählt zu den schwersten Schmerzformen überhaupt und geht häufig mit Übelkeit, Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit sowie neurologischen Symptomen einher. Ein Migräneanfall dauert von wenigen Stunden bis zu drei Tagen.
3. Mythos: „Migräne ist eine reine Frauenkrankheit.“
Fakt: Frauen sind häufiger betroffen, aber auch rund 18 % der Männer leiden an Migräne. Hormonelle Einflüsse spielen bei Migräne eine wichtige, aber nicht ausschließliche Rolle.
4. Mythos: „Frische Luft und Bewegung helfen bei einer Attacke.“
Fakt: Körperliche Aktivität verstärkt den Migräneschmerz. Während einer Attacke benötigen Betroffene häufig absolute Ruhe, z.B. einen abgedunkelten, reizarmen Raum. Dieser Zustand kann von einigen Stunden bis zu drei Tagen andauern.
5. Mythos: „Schokolade löst Migräne aus.“
Fakt: Dafür gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege. Vielmehr ist es so, dass Heißhunger auf Schokolade häufig bereits ein Frühsymptom (Prodromalsymptom) einer bevorstehenden Attacke ist, und nicht die Ursache.
6. Mythos: „Wetterwechsel sind schuld. Da kann man nichts dagegen tun.“
Fakt: Luftdruckveränderungen und Wetterwechsel können Attacken begünstigen, sind jedoch nicht die – alleinige – Ursache. Vor allem ist man dem nicht „wehrlos ausgeliefert“, da moderne Therapien heute vor allem auf dem Gebiet der Vorbeugung (z.B. moderne Migräne-Prophylaxe mit CGRP-Antikörpern mittels Kurzinfusion oder Spritze) hoch wirksam sind.
7. Mythos: „Migräne ist psychisch bedingt, du musst dich nur ablenken.“
Fakt: Stress und psychische Belastung können Trigger, also Auslöser, für eine Migräne-Attacke sein, sind jedoch nicht die zugrunde liegende Ursache. Migräne ist keine psychische, sondern eine neurologische Erkrankung, die durch bestimmte Funktionsstörungen im Gehirn verursacht wird.
8. Mythos: „Migräne ist nur eine Ausrede.“
Fakt: Untersuchungen (2) zeigen, dass gerade Menschen, die an Migräne leiden, in vielen Fällen besonders zuverlässig, leistungsorientiert und perfektionistisch sind. Also genau das Gegenteil von „Drückebergern“ oder „Faulenzern“.
9. Mythos: „Gegen Migräne kann man nichts tun.“
Fakt: Heute stehen wirksame Akuttherapien und moderne prophylaktische Behandlungen – etwa CGRP-Antikörper – zur Verfügung, die Anzahl, Dauer und Stärke der Attacken deutlich reduzieren können.
Nach fachärztlich gesicherter Diagnose können Patient:innen, die mindestens vier Migränetage pro Monat haben, eine moderne Prophylaxe mit z.B. CGRP-Antikörpern erhalten – entweder in Form einer Kurzinfusion, die nur viermal pro Jahr verabreicht werden muss, oder mittels Fertigpen zur Selbstinjektion, der je nach Präparat einmal monatlich oder in einer Dreifachdosis alle drei Monate angewendet wird.
10. Mythos: „Migräne ist gleich Migräne“
Fakt: Migräne verläuft individuell. Symptome, Trigger und Häufigkeit unterscheiden sich von Person zu Person und können sich im Laufe des Lebens verändern, da auch hormonelle Einflüsse eine Rolle spielen (z.B. Periode, Menopause).
Fazit: Empathie statt Ratschläge
Der wichtigste Beitrag des Umfelds ist, die Erkrankung ernst zu nehmen. Vorwürfe und ungefragte Ratschläge helfen nicht – Verständnis dagegen schon. Betroffenen hilft es am meisten, wenn ihre Einschränkungen ernst genommen werden und sie zu einer neurologischen Abklärung ermutigt werden.
Dr. Baghaei appelliert: „Wer wiederkehrende Migränesymptome hat, sollte möglichst früh eine Neurologin oder einen Neurologen, idealerweise mit Spezialisierung auf Migräne, aufsuchen. Mit einer gesicherten Diagnose und einer modernen Therapie lässt sich die Erkrankung heute in vielen Fällen sehr gut kontrollieren.“
Weitere Informationen: 10 Mythen zum Thema Migräne (Detailinfo).pdf
1) Brössner G. et al., DFP-Literaturstudium: Migräne. Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2021
2) Casas-Limon J et al. Unravelling Migraine Stigma: A Comprehensive Review of Its Impact and Strategies for Change. J Clin Med. 2024 Sep 3;13(17):5222. https://www.mdpi.com/2077-0383/13/17/5222 zuletzt abgerufen am 10.03.2026.
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