- 25.06.2026, 11:39:02
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Vertrauen, Zugang, freie Arztwahl: Was Kassenpatient:innen von der Gesundheitsreform erwarten

Im Rahmen der politischen Debatte über eine Gesundheitsreform erlebt Österreich gerade entscheidende Tage. Der Berufsverband Fachärzt:innen Österreich hat im Juni 2026 das IFES mit einer bislang einzigartigen Studie unter Einschluss von 3.226 Patient:innen von Fachärzt:innen-Kassenordinationen (Augenheilkunde, Dermatologie, Gynäkologie, HNO, Innere Medizin, Neurologie, Orthopädie, Pulmologie, Urologie) in allen neun Bundesländern beauftragt. Die Ergebnisse wurden heute, Donnerstag, von Dr. Florian Mittermayer, MSc, Orthopäde und Präsident des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich, Univ.-Doz.in Dr.in Verena Niederberger-Leppin, Fachärztin für HNO-Heilkunde, Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Bonni Syeda, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie und Generalsekretärin des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich, sowie IFES-Geschäftsführerin Dr.in Eva Zeglovits präsentiert. "Alle betonen ihre Sorge um die Versorgung – jeweils aus Sicht von Bund, Ländern und Sozialversicherung. Zahlreiche Expert:innenpapiere werden geteilt und geleaked. Die 'normunterworfenen' Kassen-Patient:innen selbst fragt man aber vorsichtshalber nicht nach ihrer Haltung", erklärte Dr. Florian Mittermayer, MSc, Präsident des Berufsverbands Fachärzt:innen Österreich.
Hohes Vertrauen, angemessene Zeit, gemeinsame Entscheidungen: Patient:innen bewerten die Kassenfachärzt:innen positiv
"Die Studie ist hinsichtlich Größe, Umfeld und Zeitpunkt einzigartig. Während ganz Österreich über das Gesundheitswesen diskutiert, haben wir die Chance genützt, die Kassenpatient:innen selbst zu befragen", unterstrich Zeglovits.
Die Anforderungen an moderne Diagnostik und Therapie in der Kassenordination steigen. Die zur Verfügung stehende Zeit muss so eingeteilt werden, dass allen Patient:innen mit ihren Problemen ausreichend Aufmerksamkeit gewidmet werden kann. Dass dieser Balanceakt gelingt, zeigt die Umfrage: 90 Prozent der Befragten sagen, dass sich ihre Kassenfachärztin bzw. ihr Kassenfacharzt ausreichend Zeit für ihr Anliegen nimmt. 92 Prozent fühlen sich gut aufgeklärt und in Behandlungsentscheidungen eingebunden. Das spiegelt sich auch im Vertrauensverhältnis wider: 88 Prozent geben an, eine Kassenfachärztin oder einen Kassenfacharzt zu haben, die bzw. den sie regelmäßig besuchen und zu der oder dem sie Vertrauen aufgebaut haben. "Dieses Vertrauen ist das Ergebnis einer funktionierenden Versorgung. Und es ist nicht selbstverständlich", so Niederberger-Leppin.
75 Prozent finden die Wartezeit angemessen, nur 6 Prozent machten sich Sorgen
Von den 3.226 Befragten kamen 1.739 zu einem Kontroll- oder Vorsorgetermin und 1.487 Patient:innen mit einem neuen Anliegen. Bei dieser Patient:innengruppe bekamen 34 Prozent ihre Untersuchung bei der Kassenfachärztin bzw. beim Kassenfacharzt innerhalb von 0–3 Tagen, weitere 27 Prozent innerhalb von 2 Wochen und 19 Prozent innerhalb von 4 Wochen. Nur 2 Prozent warteten länger als 4 Monate. Die Dauer bis zum Termin sah der Großteil der Patient:innen gelassen: 75 Prozent fanden die Zeit bis zum Termin angemessen, weitere 14 Prozent fanden die Wartezeit lang, aber nicht beunruhigend. Nur 6 Prozent der Patient:innen gaben an, sich während der als zu lang empfundenen Wartezeit Sorgen gemacht zu haben.
"Besonders hervorzuheben ist, dass in allen Bundesländern und Fachrichtungen Akuttermine für dringende Fälle vergeben werden. Im internationalen Vergleich sind die Wartezeiten auf Fachärzt:innentermine in Österreich kurz. Dass nur 14 Prozent der Patient:innen die Wartezeit als lang und 6 Prozent als zu lang empfinden, zeigt, dass es den Fachärzt:innen-Ordinationen gut gelingt, Termine entsprechend der Dringlichkeit zu vergeben", so Niederberger-Leppin.
Weniger überzeugend scheint hingegen das Konzept von "Zuweisungszwang und Gatekeeping" für die Befragten: Obwohl 91 Prozent der Befragten angaben, ihre Hausärztin bzw. ihren Hausarzt regelmäßig zu besuchen, wollen 90 Prozent weiterhin die freie Arztwahl haben und Fachärzt:innen direkt, ohne verpflichtende Überweisung, aufsuchen können.
Sorge vor einer Verschärfung der Zweiklassenmedizin
68 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu: "Wer es sich leisten kann, wird dann direkt privat zur Fachärztin oder zum Facharzt gehen, alle anderen müssen zuerst zur Hausärztin bzw. zum Hausarzt." Dies verdeutlicht die Befürchtung vieler Patient:innen, dass eine Zuweisungspflicht die bestehende Zweiklassenmedizin weiter befeuern könnte. 78 Prozent haben zudem Sorge, dass durch eine Überweisungspflicht "ein ernstes Problem" später erkannt werde – etwa Krebserkrankungen.
Syeda verwies in ihrem Statement darauf, dass die Politik gefordert sei, die Zweiklassenmedizin zu reduzieren anstatt sie zu verschärfen. "Wir halten die neu entstehenden Strukturen für Primärversorgung für sehr wichtig. Es wäre völlig falsch, diese jungen Institutionen gleich wieder mit Bürokratie zu überfrachten." Zuweisungszwang und Gatekeeping weisen in die falsche Richtung, verschärfen die bestehende Zweiklassenmedizin in Österreich und verschlechtern die Gesundheitschancen finanziell schwächerer sowie chronisch kranker Menschen – etwa durch verzögerte Krebsdiagnosen und die damit verbundenen schlechteren Heilungschancen.
Gezielte Patient:innenlenkung
"Um die Versorgung zu verbessern und Kosten zu senken, braucht es eine gezielte Patient:innenlenkung – nicht weg von den Fachärzt:innen, sondern weg von den teuren Spitalsambulanzen. Eine starke Primärversorgung kann die Notfallambulanzen entlasten. Für die Entlastung der kostenintensiven Spezial- und Fachambulanzen der Spitäler braucht es jedoch die niedergelassenen Fachärzt:innen. Statt zusätzliche Hürden beim Zugang zu Fachärzt:innen zu schaffen, sollten Patient:innen gezielt aus den teuren Spezial- und Fachambulanzen der Spitäler in die niedergelassene fachärztliche Versorgung gelenkt werden. Genau hier liegt das eigentliche Reformpotenzial", so Syeda abschließend.
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