• 24.06.2026, 12:29:33
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Digitaler Humanismus gibt Orientierung für Europas digitale Zukunft

Pressekonferenz Digitaler Humanismus
Wien (OTS) - 

Digitaler Humanismus gibt Orientierung für Europas digitale Zukunft

Zum Auftakt der „Digital Humanism Conference 2026 – Orientation in turbulent times“ setzt der Forschungsstandort Wien ein starkes Zeichen für eine menschenzentrierte digitale Transformation. Im Rahmen der Konferenz wird auch die Gründung des Center for Digital Humanism (CDH) Vienna bekanntgegeben, das die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in diesem Bereich weiter stärken soll.

„In Zeiten großer Unsicherheit braucht Europa Orientierung“, sagt Erich Prem, Konferenzleiter und Obmann des Vereins zur Förderung des digitalen Humanismus, in seinem Eingangsstatement und referenziert damit das Leitthema der diesjährigen Konferenz, die vom 24. bis 26. Juni in der ÖAW über die Bühne geht. Über 120 internationale Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen haben sich angesagt, um über die drängendsten Fragen unserer Zeit zu diskutieren. Künstliche Intelligenz, digitale Plattformen und datengetriebene Geschäftsmodelle haben die Arbeitswelten massiv verändert und greifen zunehmend in die Grundlagen persönlicher Autonomie, demokratischer Entscheidungsprozesse und gesellschaftlicher Selbstbestimmung ein. Europa erfährt wachsende Abhängigkeiten von außereuropäischen Technologien, während sie immer stärker zu Instrumenten wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit, politischer Macht und geopolitischer Einflussnahme werden. Dies geschieht in einem Ausmaß, das die digitale Souveränität des Kontinents herausfordert.

Der maßgeblich in Wien entwickelte Digitale Humanismus biete einen Rahmen, um technologische Entwicklung mit demokratischen Werten, gesellschaftlicher Verantwortung und europäischer Handlungsfähigkeit zu verbinden, so Prem. Ziel sei nicht die Ablehnung des technologischen Fortschritts, sondern eine aktive Gestaltung. „Auf der Konferenz geht es darum, konkrete Wege in diese Zukunft aufzuzeigen.“

Das in Wien von Prem koordinierte EU-Projekt The European Digital Humanism Initiative (EUDHIT) leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag, weil es sich nicht nur an Wissenschaft und Politik, sondern auch an Unternehmen richtet, deren Entscheidungen die digitale Zukunft Europas prägen werden. EUDHIT soll Fortschritte in Richtung einer verantwortungsvollen Digitalisierung sichtbar und messbar machen, Investitionen in vertrauenswürdige digitale Technologien stärken und das Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung digitaler Innovationen in ganz Europa fördern. Der Digitale Humanismus werde so von einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte zu einem konkreten europäischen Gestaltungsansatz weiterentwickelt.

Prems Resümee: Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft stehen vor denselben Herausforderungen. „Die Gestaltung der digitalen Zukunft kann nur gelingen, wenn jene Kräfte zusammenarbeiten, die Technologie im Dienst von Mensch und Gesellschaft entwickeln wollen.“

Konsequenzen uneingeschränkter Macht

Keynote-Sprecherin Rumman Chowdhury, Gründerin von Humane Intelligence PBC und ehemalige U.S. Science Envoy for AI, beschrieb bei der Pressekonferenz die aktuelle Lage in den USA. Sie spricht aus eigener Erfahrung: Bei Twitter leitete sie das Team META (Machine Learning Ethics, Transparency, and Accountability), das algorithmische Verzerrungen und toxische Sprache untersuchte – bis Elon Musk die Plattform Ende 2022 übernahm. In einem vielbeachteten Essay im US-Magazin The Atlantic schilderte sie später, wie Twitters Kultur erodierte und ihr Team aufgelöst wurde. Musks Twitter, heute X, sei ein Lehrstück dafür, dass Selbstregulierung durch Technologiekonzerne nicht funktioniere – und dass es echte, unabhängige Kontrolle brauche.

Was helfen kann, zeigt Chowdhury heute mit Humane Intelligence: Rechenschaft, die von unten wächst. Die Organisation prüft KI-Systeme gemeinsam mit einer breiten Öffentlichkeit, über community-getriebene Audits und öffentliche Bias Bounties, bei denen externe Fachleute gezielt nach Schwachstellen suchen. Denn Künstliche Intelligenz, so Chowdhury, sei keine „Black Box“ und keine höhere Gewalt, sondern Code: von Menschen geschrieben, von Menschen überprüf- und korrigierbar. Daraus ergebe sich die Frage an Europa. Was kann der Kontinent tun, was muss er tun? Mit dem Digital Services Act und dem AI Act habe Europa wichtige gesetzliche Instrumente geschaffen. Angesichts der Entwicklungen in den USA gehe es nun darum, nicht nur Regulierung einzufordern, sondern einen menschenzentrierten Gegenentwurf selbst aufzubauen.

Veronica Kaup-Hasler, amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, konkretisiert in ihrer Stellungnahme das klare Bekenntnis der Stadtregierung sowie der beiden Bundesministerien für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) und für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) zum Digitalen Humanismus. Die Gründung des CDH Vienna als Zentrum sei für Wien und den Forschungsstandort folgerichtig. Darum habe die Stadt Wien das Zentrum auch im Regierungsprogramm verankert und beteilige sich in den kommenden Jahren erheblich an Aufbau und Betrieb, führt Kaup-Hasler weiter aus.

Aufgabe und Mission des neuen CDH Vienna

Universität Wien, TU Wien, Wirtschaftsuniversität Wien und die Central European University (CEU) haben sich zusammengeschlossen, um sich diesen Herausforderungen gemeinsam zu stellen. Das CDH Vienna versteht sich als Drehscheibe und Facilitator. Es wird große kooperative und interdisziplinäre Forschungs- und Praxisprojekte designen und durchführen. Es wird Kräfte aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bündeln. Es wird Stakeholder aus Politik und Verwaltung beraten und den Digitalen Humanismus als zentrales Thema in die Welt hinaustragen. Dies soll durch wissenschaftliche Positionen zu Forschung, Technologie und Regulierung; durch gezielte Politikinitiativen, durch die Zusammenarbeit mit Initiativen für Digitalen Humanismus in anderen Ländern und durch internationale Konferenzen und Fellowship-Programme geschehen.

Die Forschercommunities selbst bleiben dort, wo sie hingehören: an den vier Trägeruniversitäten. Das Zentrum koordiniert und ergänzt sie und schafft die interdisziplinäre Plattform für Transfer und gesellschaftlichen Dialog. Bestehende Strukturen wie das Vienna Doctoral College on Digital Humanism gewinnen einen gemeinsamen Resonanzraum. Mit dem bestehenden Verein und vielen Partnerinstitutionen wird es eine enge Zusammenarbeit geben.

In einer Schlüsselperiode der digitalen Revolution, die von einem Entwicklungsschub in der Künstlichen Intelligenz und von hoher globaler Machtkonzentration geprägt ist, soll das CDH Vienna eine starke europäische Gegenstimme werden. Mit globaler Ausstrahlung.

Interdisziplinarität als Imperativ

Die Botschaft der Rektoren bei der Pressekonferenz lautet: Die großen Fragen der digitalen Revolution könne keine Wissenschaftsdisziplin und keine Universität für sich allein lösen. Interdisziplinarität und Kooperation werden angesichts der zu erwartenden gesellschaftlichen wie ökologischen Herausforderungen zum Imperativ. Jede der vier beteiligten Hochschulen bringt besondere Stärken und Forschungsschwerpunkte ein.

An der Universität Wien sind das insbesondere die international höchst renommierten Geistes- und Sozialwissenschaften, die unter anderem danach fragen, was aktuelle und zukünftige technologische Entwicklungen mit unseren demokratischen Gesellschaften, Sprachen und Werten machen. Die TU Wien liefert tiefgreifendes Technikverständnis, aber auch Methoden und Ansätze, um Technologie in Einklang mit gesellschaftlichen Grundwerten zu entwickeln. Die Wirtschaftsuniversität Wien bringt eine ökonomische Perspektive auf die menschenzentrierte Haltung des Digitalen Humanismus ein, z. B. mit der Frage, wie Wertschöpfung und Verantwortung gemeinsam gedacht werden können oder wie Teilhabe an technologischer Entwicklung ein Geschäftsmodell sein kann? Die Central European University (CEU) beteiligt sich als vierte Partneruniversität mit Forschungsschwerpunkten zu Demokratie, Ungleichheit, Governance, Ethik und Philosophie – Disziplinen, welche die rasant fortschreitende digitale Transformation auf ihre politischen und institutionellen Implikationen hin einzuordnen suchen.

Designierter Direktor wird Peter Knees, Professor für Informatik an der TU Wien und UNESCO-Chair for Digital Humanism, unterstützt von einem Deputy Director und einer operativen Geschäftsführung. Ein Wirtschaftsplan für die kommenden zehn Jahre liegt vor. Die offizielle Gründung erfolgt per 1. Juli 2026, die operative Arbeit nimmt das CDH Vienna im Herbst auf.

O-Töne

Erich Prem, Konferenzleiter und Obmann des Vereins zur Förderung des digitalen Humanismus: „Europa braucht einen digitalen Humanismus, um Grund- und Freiheitsrechte zu sichern, eine für alle fruchtbare wirtschaftliche Entwicklung zu fördern und seine Souveränität wiederherzustellen. Wir arbeiten daran.“

Rumman Chowdhury, Gründerin von Humane Intelligence PBC und ehemalige U.S. Science Envoy for AI: „Bei generativer KI sehe ich dieselben Herausforderungen wie damals bei den sozialen Medien. Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Technologie magisch denkt. Die Frage ist: Wer bestimmt, was Wahrheit ist, und wer bekommt Zugang zu welchen Informationen? Die Zahl der Menschen, die solche Entscheidungen treffen, wird immer kleiner. Deshalb habe ich Humane Intelligence gegründet: ein unabhängiges Netzwerk, das KI testet und bewertet. Denn die wichtigste Rolle hat nicht, wer eine Technologie baut, sondern wer entscheidet, was gut und richtig ist. Diesen Einfluss sollten alle haben.“

Veronica Kaup-Hasler, amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Wien: „Die großen digitalen Herausforderungen unserer Zeit brauchen mehr als technologische Antworten – sie brauchen einen klaren Wertekompass. Wien hat sich in den vergangenen Jahren als führende Stimme des digitalen Humanismus etabliert. Denn die Digitalisierung darf nicht dem freien Markt überlassen werden, sondern muss von uns allen politisch, ethisch und demokratisch erarbeitet werden. Mit dem CDH Vienna bauen wir diese Position weiter aus und setzen ein starkes europäisches Zeichen für eine Digitalisierung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.“

Sebastian Schütze, Rektor der Universität Wien: „Das CDH steht für eine digitale Transformation im Geist von Humanismus und Aufklärung. Es bündelt Kräfte aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Gemeinsam machen wir den Digitalen Humanismus international sichtbar und stärken Wien als Ort verantwortungsvoller Innovation.“

Jens Schneider, Rektor der TU Wien: „Das Vienna Manifesto on Digital Humanism hat diese Bewegung an der TU Wien begründet – mit dem CDH Vienna geben wir ihr nun einen institutionellen Ort, an dem sie wachsen kann. Was die TU Wien einbringt, ist tiefes technisches Verständnis gepaart mit der Frage, wie Technologie im Einklang mit gesellschaftlichen Grundwerten entsteht. Technik für Menschen. Genau diese Verbindung braucht Europa, wenn es digitale Souveränität nicht nur fordern, sondern gestalten will.“

Rupert Sausgruber, Rektor der WU Wien: „Digitale Transformation ist kein rein technisches Vorhaben, sondern ein tiefgreifender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel. Deshalb braucht Digitaler Humanismus auch die Perspektiven der Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften. Die WU bringt ihre Expertise ein, um zu verstehen, wie digitale Technologien Märkte, Arbeit und Institutionen verändern und wie Innovation so gestaltet werden kann, dass sie Teilhabe ermöglicht, Verantwortung stärkt und demokratische Werte schützt.“

Carsten Q. Schneider, interimistischer Präsident und Rektor der CEU (nicht vor Ort, Statement schriftlich eingeholt): „Wir müssen technologische Innovation und demokratische Verantwortung zusammenführen und genau dies passiert am Center for Digital Humanism Vienna. Wir als CEU bringen insbesondere die globale Perspektive und unsere Erkenntnisse bei der Demokratieforschung und unseren Fokus auf offene Gesellschaften in diese Partnerschaft. Denn digitale Zukunft muss gerecht und menschlich gestaltet werden.“

Peter Knees, designierter Direktor des CDH Vienna: „Die digitale Zukunft muss demokratisch und inklusiv gestaltet werden. Dass vier Wiener Universitäten mit Unterstützung der Stadt Wien, des BMFWF und des BMIMI ein starkes Statement setzen und das Center for Digital Humanism gründen, zeigt, dass Wissenschaft und Politik die Zeichen der Zeit erkannt haben. Gemeinsam kommen wir unserer gesellschaftlichen Verpflichtung einer verantwortungsvollen Technologieentwicklung und -anwendung nach.“

Links:

Konferenz: dighum.wien
EU-Projekt: eudhit.eu
Verein: digitalhumanism.at

Aufzeichnung des Livestream: https://events.streaming.at/pressekonferenz-digitaler-humanismus-20260624

Fotogalerie: https://www.apa-fotoservice.at/galerie/40014

Im Bild v.l.n.r.: Rubert Sausgruber (Rektor, Wirtschaftsuniversität Wien), Jens Schneider (Rektor, Technische Universität Wien), Veronica Kaup-Hasler (Amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, Stadt Wien), Erich Prem (Conference Chair, Obmann des Vereins zur Förderung des digitalen Humanismus), Rumman Chowdhury (Gründerin Humane Intelligence PBC, ehemalige U.S. Science Envoy for AI; Keynote-Speakerin der Konferenz), Eva Wittenberg (Offizielle Vertretung von Carsten Q. Schneider, Central European University), Sebastian Schütze (Rektor, Universität Wien), Peter Knees (TU Wien, designierter Leiter CDH Vienna)

Rückfragen & Kontakt

Verein zur Förderung des digitalen Humanismus
Mag. Therese Aigner

Press Coordination
E-Mail: [email protected]
Website: https://dighum.wien

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