- 16.06.2026, 13:41:03
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Alpenvereine und Naturschutzorganisationen fordern besseren Schutz der Alpen
Gemeinsame Pressekonferenz am 16. Juni 2026 in Kühtai (Tirol)

Stauseen, Zufahrtsstraßen, Liftanlagen: Der Nutzungsdruck auf alpine Landschaften nimmt stetig zu. Die Alpenvereine aus Österreich, Deutschland und Südtirol sowie zehn weitere Naturschutzorganisationen, darunter WWF und BirdLife, machen in Kühtai (Tirol) auf Fehlentwicklungen aufmerksam. In einer breiten Allianz fordern sie mehr Verantwortung bei Energie- und Tourismusprojekten im Hochgebirge. Unberührte alpine Natur ist eine wertvolle Ressource, die es zu erhalten gilt. Die Politik müsse daher Beteiligungsrechte sichern und klare Grenzen für Bauvorhaben ziehen.
Der Ort Kühtai sei bewusst gewählt, erklärt Wolfgang Schnabl, Präsident des Österreichischen Alpenvereins. Nicht weil es darum gehe, eine Region an den Pranger zu stellen, sondern weil hier sichtbar wird, was viele alpine Landschaften zunehmend prägt – Skipisten, Lifte, Zufahrtsstraßen, Beschneiungsanlagen und Energieinfrastruktur. Im Hintergrund eine Großbaustelle: Mit Muldenkippern, Bulldozern und Baggern wird gerade am 113 Meter hohen Staudamm gebaut - für einen weiteren Speichersee im Längental.
„Die Energiewende ist notwendig, ebenso eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung. Beides darf jedoch kein Freibrief für Eingriffe in sensible Hochgebirgslandschaften sein. Der Nutzungsdruck wächst - umso dringlicher sind klare Leitplanken zum Schutz der letzten unberührten Ökosysteme“, erklärt Schnabl. Gemeinsam mit dem Deutschen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol wurde zu dem Lokalaugenschein auf 2.000 Metern Seehöhe geladen, wo sich eine internationale Allianz aus befreundeten alpinen Vereinen und Naturschutzorganisationen wie Naturfreunde, WWF, CAI, Club Arc Alpin, BirdLife, WET und vielen mehr eingefunden hat.*
Ihre gemeinsame Botschaft lautet: Die Alpen sind keine unbegrenzte Ressource. Wer Bergnatur auch für kommende Generationen erhalten will, muss heute klare Grenzen ziehen.
Kühtai als Warnsignal für das Platzertal
Denn ist Natur einmal verbaut, sei diese meist unwiederbringlich verloren. „Wir müssen also hinsehen und erkennen, was auf dem Spiel steht“, sagt Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins: „Mit der Dortmunder Hütte sind wir hier seit den 1930er-Jahren präsent. Wir erleben unmittelbar, wie schwierig die Balance zwischen Nutzung und Schutz der Alpen geworden ist. Gerade weil auch wir Infrastruktur betreiben, sprechen wir nicht leichtfertig über Grenzen der Erschließung. Die entscheidende Frage lautet: Wann ist es genug?“
Was in Kühtai passiert, könnte schon bald auch im Tiroler Platzertal Realität werden, wo trotz vieler offener Risiken ein Stausee entstehen soll. Die anwesenden Organisationen warnen eindringlich davor, eines der größten noch weitgehend unberührten hochalpinen Moor- und Feuchtgebiete Österreichs zu opfern. „Mitten in der Klima- und Biodiversitätskrise sind solche Naturräume unverzichtbar“, betont Marlis Knapp vom WWF: „Sie speichern Wasser, binden klimaschädliches CO₂ und bieten seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Rückzugsraum. Während europaweit Millionen in die Wiederherstellung von Mooren investiert werden, soll ausgerechnet das Platzertal zerstört werden. Das ist widersinnig.“
Dass die Erschließungen in den Alpen ein kritisches Maß erreicht haben, sei kein rein österreichisches Phänomen, stellt der Präsident des Südtiroler Alpenvereins Georg Simeoni fest. Mehr denn je brauche es kritische Fürsprecher für die Natur, die allerdings von der Politik systematisch geschwächt würden: „In Italien, wie in Deutschland und Österreich wird es immer schwieriger, als Naturschutzorganisationen an Entscheidungsprozessen bei den verschiedensten Projekten aktiv mitzuarbeiten und Perspektiven einzubringen. Diese Entwicklung ist nicht nur ökologisch, sondern auch demokratiepolitisch bedenklich.“
Die Alpenvereine und Naturschutzorganisationen verlangen einen verantwortungsvollen Umgang zum Schutz unberührter Naturräume. Diese sind die Lebensgrundlage kommender Generationen.
Mit vier Forderungen wenden sie sich in Kühtai an die Öffentlichkeit:
Platzertal erhalten. Der größte hochalpine Moor- und Feuchtgebietskomplex ist durch ein Kraftwerksprojekt bedroht. Ökologisch wäre der Verlust nicht vertretbar.
Alternativen ernsthaft prüfen. Bestehende technische Räume müssen zuerst effizienter genutzt werden, bevor naturnahe Hochtäler verbaut werden. Großprojekte im Hochgebirge dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen in ihrer gesamten Wirkung geprüft werden – gemeinsam mit bestehenden Speichern, Wasserableitungen, touristischer Infrastruktur, Zufahrten und den zunehmenden Risiken des Klimawandels.
Beteiligungsrechte sichern. Natur braucht eine starke Stimme – und demokratische Verfahren brauchen kritische Beteiligung. Wenn Umweltorganisationen und unabhängigen Umweltinstanzen Rechte genommen werden, schwächt das den Naturschutz und die demokratische Kontrolle.
- Klare Leitplanken zugunsten des Naturschutzes. Die Energiewende ist notwendig. Sie darf aber nicht auf Kosten unberührter Naturräume vorangetrieben werden. Beschleunigte Verfahren, vereinfachte Genehmigungen und gelockerte Schutzbestimmungen dürfen nicht dazu führen, dass sich die Grenzen immer weiter zulasten der Natur verschieben.
*) Statements der Organisationen:
„Für den Club Arc Alpin als Dachverband der Alpenvereine im Alpenbogen ist naturgemäß der Schutz und die nachhaltige Entwicklung des Alpenraumes das zentrale Anliegen. Er unterstützt die Ziele der Alpenkonvention, die den Erhalt von Natur, Kultur und Lebensqualität in den Alpen sicherstellen soll. Die Situation im Kühtai ist sinnbildlich für viele Regionen in den Alpen, in denen Massentourismus oder gigantische Energiegewinnungsprojekte unberührte Natur als Erholungs- und Lebensraum für Mensch und Artenvielfalt zerstören. Ein Umdenken weg vom Massentourismus hin zu einer nachhaltigen lokalen Wertschöpfung ist unausweichlich. Im Rahmen von Projekten zur Energiegewinnung muss der Schutz von Natur und Umwelt ausreichend gewichtet werden, um zukünftig Betonsünden wie im Längental zu vermeiden. Die Zerstörungswut in den Bergen muss aufhören, denn die Zukunft der Alpen liegt in Nachhaltigkeit und nicht in Größenwahn.“ Alberto Ghedina, Club Arc Alpin
„Das Platzertal macht einen zentralen Zielkonflikt der Energiewende sichtbar: Der dringend notwendige Klimaschutz muss mit dem Schutz einzigartiger Naturräume in Einklang gebracht werden. Die hochalpine Hochebene mit ihren einzigartigen Moorgebieten ist ökologisch äußerst wertvoll. Dass der Kraftwerksausbau seit Jahrzehnten geplant wird, macht die Eingriffe nicht weniger problematisch. Im Gegenteil: heute wissen wir mehr über die Bedeutung intakter Moore für Biodiversität und Wasserhaushalt. Wird ein solches Ökosystem zerstört, lässt es sich nicht einfach wiederherstellen. Naturräume sind keine beliebig ersetzbaren Flächen. Deshalb darf die Entscheidung nicht allein nach finanziellen Kriterien getroffen werden. Eine verantwortungsvolle Energiewende braucht klare Grenzen und den Schutz besonders sensibler Naturgebiete.“ Günther Abraham, Bundesgeschäftsführer Naturfreunde
„Die Alpen sind spezialisierter Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die im Tiefland nicht vorkommen. Viele ökologische Prozesse, die dort stattfinden, haben Auswirkungen bis weit außerhalb der Berge, sind aber nicht unmittelbar sichtbar für jeden. Auch wenn die Alpen untrennbar mit der Energiewende, Wasserkraft oder dem Tourismus verknüpft sind – es darf nicht um kurzfristiges Maximieren von Gewinn gehen, sondern um langfristige Abwägung und Prioritätensetzung!“ Katharina Bergmüller, BirdLife Österreich
„Das Kühtai ist ein Paradebeispiel dafür, was in Tirol mit der Wasserkraft schiefläuft. Das Sellrain ist eine komplett entwässerte Region, die Bäche werden zu 100% in die Kraftwerkskette Sellrain-Silz eingezogen. Anstatt die Bäche gemäß der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) zu sanieren und Restwasser abzugeben, werden mit dem Ausbau nun weitere aus Stubai- und Ötztal eingezogen. Das Längental wurde für einen Stausee geopfert, aber gleichzeitig hier nicht die maximal mögliche Leistung installiert, sodass jetzt zusätzlich noch das Platzertal zerstört werden soll. WET fordert den Stopp der Ausbaupläne im Platzertal und eine Sanierung aller Tiroler Flüsse gemäß WRRL.“ Anna Stevens, Wildwasser erhalten Tirol
„Die Alpen sind mehr als die Energiewende. Die Alpen sind mehr als eine wirtschaftliche Ressource und die Alpen sind mehr als eine touristische Kulisse. Wir von Protect Alpine Nature setzen uns grenzübergreifend für den Erhalt von alpinen Naturlandschaften, wie den noch unverbauten Flächen hier im Kühtai oder im Platzertal ein und fordern ein Umdenken- weck vom Konsumgut ‚Alpenregion‘ hin zur Wertschätzung der Alpen als Existenzgrundlage, Lebensraum und Erholungsort für Flora und Fauna sowie für uns Menschen und unsere nächsten Generationen.“ Katharina Klee, Protect Alpine Nature (PAN)
“Wir müssen endlich aufhören, Energiewende und Naturschutz gegeneinander auszuspielen. Wer Klimaneutralität bis 2040 ernsthaft erreichen will, braucht beides: den konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien und den wirksamen Schutz unserer letzten intakten Naturräume. Denn diese sind selbst eine zentrale Grundlage für erfolgreichen Klimaschutz. Das heißt ganz klar: Ohne Windkraft- und Photovoltaikanlagen auch in den Bergen wird es nicht gehen - allerdings vor allem dort, wo bereits Infrastruktur vorhanden ist. Wenn wir uns nicht auf dieses gemeinsame Ziel verständigen, zerstören wir die Natur indirekt – und damit letztlich auch unsere eigene wirtschaftliche Grundlage.” Christina Stahl, Protect Our Winters Österreich
„Die Erschließung des Alpinen Raumes ist abgeschlossen" – dieser Satz aus dem gemeinsamen Manifest ist für uns als Heimatpflegeverband Südtirol der Kompass für alle aktuellen Debatten. Das Kraftwerksprojekt im Längental zeigt exemplarisch, was droht, wenn dieser Grundsatz ignoriert wird: Hochalpine Naturräume werden unwiederbringlich für Infrastruktur geopfert, die zu kurzfristig gedacht wurde. Die Energiewende braucht keine neuen Megaprojekte im Hochgebirge. Sie braucht Energieeffizienz, kluge Nutzung bestehender Anlagen und einen maßvollen Ausbau erneuerbarer Energien. Denn was einmal verbaut ist, wächst nicht nach.“ Florian Trojer, Heimatpflegeverband Südtirol
„Die Region rund um Kühtai hat mit drei Stauseen, zwei gefluteten Tälern und demnächst drei Kraftwerken bereits einen beträchtlichen Beitrag zur Energiewende geleistet. Eine weitere Zerstörung ursprünglicher Naturräume durch die geplanten Windparks auf den Feldringer Böden und am Amberg würden weder die lokale Bevölkerung noch die BI Feldring widerstandslos hinnehmen.“ Gerd Estermann, BI Feldring
„Die Alpen gehören zu den artenreichsten und zugleich verletzlichsten Lebensräumen Europas. Doch der zunehmende Ausbau von Infrastruktur und die fortschreitende Erschließung bislang unberührter Räume setzen die biologische Vielfalt der Alpen immer stärker unter Druck. Gerade in Zeiten des weltweiten Artensterbens brauchen wir mehr Raum für Natur, nicht weniger. Hochalpine Moore, Feuchtgebiete und naturnahe Täler sind unverzichtbare Rückzugsräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Daher unterstützt Wild Environments die Forderungen der Alpenvereine nach einem besseren Schutz der Alpen. Denn was heute verloren geht, lässt sich morgen nicht einfach zurückholen. Der Schutz von Natur und Biodiversität ist keine Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunft.“ Tobias Büttel, Stiftung Wild Environments
„Die Alpen sind Lebensraum, Erholungsraum und sensible Natur, für die wir gemeinsam Verantwortung tragen. Die alpinen Vereine wissen um den Wert von Infrastruktur, die uns das Erleben der Natur erst ermöglicht – aber ebenso wissen wir um ihre Grenzen. Gerade deshalb unterstützen wir den Appell, Hochgebirgsräume in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten. Der Ausbau erneuerbarer Energie und touristische Entwicklung müssen kein Widerspruch zu unseren Anliegen sein. Die Politik und die Wirtschaft sind gefordert, einen Weg einzuschlagen, der auch künftigen Generationen eine intakte Umwelt garantiert.“ Gerald Dunkel-Schwarzenberger, Präsident des Verbands alpiner Vereine Österreichs (VAVÖ)
Passendes Bildmaterial zum Download im Pressebereich: www.alpenverein.at/presse
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Österreichischer Alpenverein | Presse
Mag. Gerald Zagler
Telefon: +43/664/78021327
E-Mail: [email protected]
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