• 03.06.2026, 10:30:32
  • /
  • OTS0071

Patientenanwalt Jelinek: „Erst wenn eine kassenärztliche Versorgung gesichert ist, kann eine gezielte Patient*innenlenkung erfolgen“

Pflege- und Patient*innenanwalt Gerhard Jelinek gibt einen aktuellen Überblick über die Situation im Wiener Pflege- und Gesundheitssystem

Wien (OTS) - 

„Unbestrittenermaßen ist die Personalsituation in den Spitälern weiterhin sehr angespannt, was nicht nur für Wartezeiten und OP-Verschiebungen verantwortlich ist, sondern auch Diagnose- und Behandlungsfehler begünstigt“, schildert der Wiener Patient*innenanwalt, die Problematik aus Patient*innensicht bei der heutigen Presskonferenz der Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft (WPPA) im Presseclub Concordia.

Patient*innen zahlen doppelt, Sozialversicherung spart

Ein Teil des Problems liege nach wie vor im niedergelassenen Bereich. Patient*innenanwalt Jelinek: „Es gibt noch immer zu wenige Kassenärzt*innen, sowohl in der Allgemeinmedizin wie unter Fachärzt*innen. Die Wartezeiten sind zu lang und Patient*innen gezwungen, auf teure Wahlärzt*innen auszuweichen“. Die Folgen: „Von der Sozialversicherung bekommen die Patient*innen nur einen Bruchteil des Honorars rückvergütet, während der Sozialversicherung selbst weniger Kosten anfallen als für eine kassenärztliche Behandlung“, kritisiert der Patient*innenanwalt. Andauernden Diskussionen über neue Barrieren beim Zugang zu Spitalsambulanzen, um diese zu entlasten, erteilt er deswegen eine Absage. Jelinek: „Auch die zuletzt wieder verstärkt diskutierte und vom Rechnungshof ins Spiel gebrachte Ambulanzgebühr wäre vermutlich hinfällig, wenn das Angebot im niedergelassenen Bereich wirklich vorhanden wäre. Erst dann kann eine gezielte Patient*innenlenkung erfolgen.“

Sorgenkinder Kinder- und Jugendgesundheit und psychiatrische Versorgung

Sorgen bereitet dem Patient*innenanwalt trotz einzelner, neuerrichteter Kinder-PVEs der Mangel an Kinder- und Jugendärzt*innen mit Kassenvertrag. „Und das Angebot an Diagnostik und Therapien auf Kasse für Kinder mit Entwicklungsstörungen ist katastrophal. Die Gesellschaft riskiert bei Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustands erhebliche Folgekosten, weil unbehandelte Entwicklungsstörungen nicht nur lebenslange Behinderungen am Arbeitsmarkt zur Folge haben, sondern auch für die betroffenen Eltern erhebliche Berufseinschränkungen bedeuten. Was nicht diagnostiziert wird, kann auch datenmäßig nicht erfasst werden, was zur nächsten Crux führt: Wir wissen gar nicht, wie hoch der Therapieaufwand ist, der benötigt würde“, so der Patient*innenanwalt. Ein unverändertes Problemfeld stellt auch die unzureichende Versorgung psychiatrischer Patient*innen im stationären wie ambulanten Bereich dar – für Erwachsene, aber auch für Kinder und Jugendliche.

Dauerbrenner OP-Wartezeiten und Mehrklassenmedizin

Sogar bei Wartezeiten auf bestimmte Operationen sind Kinder besonders betroffen. „Bei OP-Terminen kommt es für Wiener*innen zu teils exorbitanten Wartezeiten“, beschreibt Jelinek die Gesamtsituation an Wiens Spitälern. „Hier hat sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem der HNO-Bereich mit Wartezeiten von gut einem Jahren, zum Teil sogar zwei Jahren, negativ entwickelt. Selbst bei Kindern!“, berichtet Jelinek aus den an die WPPA gehäuft herangetragenen Beschwerden ratsuchender Eltern und behandelnder Ärzt*innen. Unverändert lang sei auch die Situation bei Wartezeiten auf urologische, augenheilkundliche und vor allem orthopädische Eingriffe. „Vereinzelt selbst bei Krebsdiagnosen“, so Jelinek.

Wartezeiten für Gastpatient*innen unzumutbar

„Besonders von unzumutbar langen und intransparent gehandhabten Wartezeiten betroffen sind die sogenannten Gastpatient*innen, die keinerlei Verständnis für die politischen Konflikte zwischen Wien und NÖ haben und daher die Patientenanwaltschaften beider Länder seit rund eineinhalb Jahren mit Beschwerden überschwemmen“, schildert Jelinek die drastischen Folgen dieser Politik und ergänzt: „Das Unvermögen, hier eine konsensuale Lösung zu finden, bevor der nächste Finanzausgleich ansteht, stellt der Gesundheitspolitik kein gutes Zeugnis aus.“

Long-Covid/ME/CFS – weder Behandlung noch soziale Absicherung

Auch in einem weiteren Gesundheitsbereich lässt die Politik entschlossenes Handeln vermissen. „Die stationäre Behandlung von Patient*innen mit Long-Covid/ME/CFS wurde stark zurückgefahren. Im niedergelassenen Bereich finden sich nur wenige Spezialisten, die überwiegend auf Wahlarztbasis arbeiten. Und die sozialrechtliche Unterstützung liegt ebenfalls im Argen“, schildert Jelinek die Situation dieser teils schwerkranken Patient*innengruppe. Die Lebensschicksale, die sich der WPPA in den vielen Beschwerden zeigen, erschüttern. Patient*innenanwalt Jelinek: „Immer öfter kommt es vor, dass betroffene Patient*innen in dieser Situation nur mehr den Ausweg des Suizids sehen. Die WPPA hat daher ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Patientenanwaltschaften wiederholt Forderungen aufgestellt, um diese Patient*innengruppe massiv zu unterstützen – leider mit wenig, oder besser gesagt schleppendem Erfolg.“ Die ganze Hoffnung konzentriere sich jetzt auf das für das erste Quartal 2027 angekündigte Kompetenzzentrum und auf die von Gesundheitsministerin Korinna Schumann angekündigte bessere Ausbildung von Ärzt*innen, vor allem der PVA, auf diesem Gebiet, so Jelinek.

Personalmangel und Datenlücken in der Pflege

Als Leiter der Wiener Heimkommission, deren Aufgabe die Kontrolle der Einhaltung der Bewohnerrechte und Pflegestandards in den fast 90 Wiener Wohn- und Pflegeheimen ist, und die im Bedarfsfall Meldung an die MA 40 als Aufsichtsbehörde macht, sieht der Pflege- und Patient*innenanwalt auch hier deutliche Problembereiche: Eine noch immer lückenhafte Datengrundlage zu Demenz unter den Heimbewohner*innen, was einer vorausschauenden, datenbasierten Demenzstrategie zur Entlastung der Häuser entgegenstehe. „Immer weniger Häuser verfügen über eine ständige, ärztliche Betreuung vor Ort“, nennt Jelinek eine weitere bedenkliche Entwicklung. Dadurch müssten dringend behandlungsbedürftige Bewohner*innen oft mit der Rettung ins Spital gebracht werden. Und wie im gesamten Gesundheits- und Pflegesystem kämpften auch die Wohn- und Pflegeheime schon jetzt mit Personalengpässen, während gleichzeitig der Bedarf an Personal in den kommenden Jahren deutlich ansteigen werde.

Die vollständigen Tätigkeitsberichte der Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft sowie der Wiener Heimkommission 2025 werden in den kommenden Tagen veröffentlicht und sind dann hier in voller Länge abrufbar: www.patientenanwaltschaft.wien.at

Fotos werden direkt im Anschluss an die Pressekonferenz über presse.wien.gv.at/presse/bilder zur Verfügung gestellt.

Rückfragen & Kontakt

Mag.a Dominique Stiefsohn, MA
Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft
Telefon: (01) 587 12 04-82520 | +43 676 8118-82520
E-Mail: [email protected]
www.patientenanwaltschaft.wien.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NRK

Bei Facebook teilen
Bei X teilen
Bei LinkedIn teilen
Bei Xing teilen
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel