• 22.05.2026, 10:00:34
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Nahversorgung mit Medikamenten am Prüfstand - patientengerecht oder krisenanfälliger als gedacht?

Hausapotheken führende Ärztinnen und Ärzte luden zum Gedankenaustausch über zeitgemäße Versorgungsformen

Hausapotheken führende Ärztinnen und Ärzte luden zum
Gedankenaustausch über zeitgemäße Versorgungsformen mit
Medikamenten. Im Hintergrund die "Hapo-Map" mit den eingezeichneten
Hausapotheken (blau) und öffentlichen Apotheken (rot).
Wien (OTS) - 

Der Schutzverband der Hausapotheken führenden Ärztinnen und Ärzte Österreichs lud eine Expertenrunde zum Gespräch über die Qualität und Sicherheit der Medikamentenversorgung in Österreich. Auch über neue Wege, wie die Patientinnen und Patienten künftig zu ihren verschriebenen Arzneimitteln kommen können, wurden diskutiert.

Dr. Carmen Berti-Zambanini, Obfrau des Schutzverbandes Hausapotheken führende ÄrztInnen betonte gleich zu Beginn der Veranstaltung, dass die Hausapotheken führenden Ärzte ihre Patienten auch in der Corona-Zeit umfassend mit Arzneimitteln versorgen konnten. Grundlage für diese Versorgungssicherheit war die Erfahrung der Ärzte mit jedem einzelnen Patienten und das Netzwerk der Ärzte bei der Beschaffung von Medikamenten. „Wir können auch jetzt rasch auf Engpässe reagieren und unsere Patienten sofort beim Arztgespräch die passenden Medikamente anbieten und so zusätzliche Wege ersparen. Diese großen Erfahrungen resultiert daher, dass die rund 800 Hausapotheken seit vielen Jahrzehnten die Bevölkerung mit Arzneimitteln versorgen. Unser Einzugsgebiet umfasst dabei österreichweit bis zu 3 Millionen zu versorgende Menschen“, unterstrich Berti-Zambanini die umfassende Bedeutung der Hausapotheken.

Theresa Holler, verantwortliche Apothekerin und Vorständin von Redcare Pharmacy, bekannt unter dem Markennamen Shop Apotheke, stellte klar, dass es nicht um alte gegen neue Verteilstrukturen gehen darf, wenn der Patient im Mittelpunkt stehen soll: „Die Frage sollte nicht lauten: Apotheke vor Ort oder Hausapotheke oder online? Die Frage muss lauten: Wie versorgen wir Patienten mit Arzneimitteln am besten? Die Antwort ist ein Miteinander. Vor-Ort-Apotheke, Hausapotheke und Online-Apotheke - jeder Kanal hat seine Berechtigung zum Wohle der Patienten. Genau dafür setzen wir uns bei Redcare Pharmacy mit Shop Apotheke tagtäglich ein.“

Angesprochen auf das medial kolportierte Sterben von Apotheken in Deutschland, betonte Holler, dass online Anbieter dafür nicht die Ursache sind: „Wir haben bei rezeptpflichtigen Medikamenten einen Marktanteil von 1%. Apotheken in Deutschland schließen aus anderen Gründen. Zum einen wurden nach dem Ende des Mehrbesitzverbotes Apotheken von Mitbewerbern aufgekauft und als bisherige Konkurrenz geschlossen. Viele Apotheken sperren auch zu, weil es in der Nähe keine Ärzte mehr gibt und auch der Nachwuchsmangel bei den Apothekern in Deutschland führt zu Schließungen.“

Dr. Silvester Hutgrabner, Leiter des Referates Hausapotheken und Medikamentenangelegenheiten in der Ö. Ärztekammer, macht vor allem das langsame Tempo, wenn es um Versorgungssicherheit geht, nachdenklich. „Versorgungssicherheit können wir nur in Europa regeln und erreichen, aber nicht in dem derzeitigen Schlafmodus. Wenn wir weiter schlafen, werden uns Indien und China noch weiter davonlaufen“, warnt Hutgrabner.

Hutgrabner kam auch auf einen Aspekt des Umweltschutzes zu sprechen. Dazu bezieht sich Hutgrabner auf eine Studie des Energie Institutes der Johannes Kepler Universität aus 2010. Demnach würden Patienten und Angehörige bei einem uneingeschränkten Dispensierrecht für alle Hausärzte in ganz Österreich jährlich nach dem Praxisbesuch um rund 24 Mio. KfZ-km weniger zur Medikamentenbeschaffung zurücklegen. „Wir reden wir immer von Green Deal, aber da spielen diese KfZ-Kilometer für die Politiker beim Umweltschutz keine Rolle“, wundert sich Hutgrabner.

Mag. Bernd Grabner, gab als Mitglied der Geschäftsführung von Jacoby Pharma, einen Einblick in die bekannt gewordenen Lieferprobleme bei den Gratisimpfstoffen und den umständlichen Bestellmodus für Ärzte. Dabei verwies Grabner auf die Vorgaben der Politik. Diese hat den Großhandel aus Ankauf und Verteilung der Impfstoffe herausgenommen. Dabei hat, so Grabner, davor die Zeit der Corona-Krise gezeigt, dass die bewährten Wege bei der Versorgung mit Medikamenten die resilientesten sind.

Grabner, der viele Jahre in Brüssel Präsident des Verbandes der Arzneimittelvollgroßhändler in Europa war, beklagte auch das mangelnde Verständnis in der österreichischen Politik für betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. So sind die Margen für Medikamente seit 2004 für den Großhandel, die Hausapotheken und die öffentlichen Apotheken nicht gestiegen, sehr wohl aber der VPI um rund 70% und der Tariflohnindex um ca. 75%. „Da geht es sich nicht aus, wenn die Politik eine krisensichere Versorgung verlangt, aber dafür nichts bezahlen will“, kritisiert Grabner. Er berichtet in diesem Zusammenhang auch von einem anderen Aspekt. Der Großhandel verteil jährlich 100 Millionen Packungen mit einem Rohdeckungsbetrag von unter 1 Euro. Das ist, so vergleicht der Logistikexperte, weniger als die Post für die Beförderung eines Standardbriefes bekommt. Nach Verhandlungen mit der Politik konnte erreicht werden, dass nun dauerhaft 13 Cent pro Packung unter der Erstattungsgrenze von 5 Euro zugezahlt werden. „Das war harte Arbeit, aber wir sind Wirtschaftsbetriebe, die auch nicht davon leben, dass sie Geld in die Verteilung hineinstecken, sondern welches damit verdienen“, berichtet Grabner von den Gesprächen mit der Politik um die Absicherung eines funktionierenden Großhandels mit Medikamenten.

Dr. Martina Haag, Rechtsanwältin mit Spezialisierung auf Medizin- und Arzneimittelrecht verlangt Änderungen vor allem im §29 Apothekengesetz, wenn es um eine patientengerechte Versorgung mit Medikamenten geht. „Wenn wir die Versorgung mit Medikamenten umfassend sicherstellen wollen, müssen wir hier ansetzen“, so die Juristin und nennt ein Beispiel: „Derzeit ist es so, dass nach dem Gesetz nur der Arzt Medikamente aus der Hausapotheke abgeben darf, der die Konzession zur Hausapotheke hält. Läßt er sich in seiner Ordination wegen Krankheit, Fortbildung oder Urlaub vertreten, darf die Vertretung keine Medikamente abgeben und muß die Patienten dann an die meist weit entfernte öffentliche Apotheke verweisen. Das ist völlig realitätsfremd, hier hat das Parlament Handlungsbedarf!“

Ein weiteres, ähnliches Manko besteht laut der Obfrau des Schutzverbandes, Berti-Zambanini, bei den PVEs. Dort hat der Gesetzgeber neben den Ärzten auch Physiotherapeuten, Logopäden, Psychotherapeuten, Diätologen und sogar Sozialarbeiter vorgesehen, samt langer Öffnungszeiten bis weit nach 18 Uhr. Worauf der Gesetzgeber aber völlig vergessen hat, ist die Möglichkeit in PVEs dann auch Medikamente abgeben zu können. Statt dessen müssen die Patienten weiterhin in die Apotheken pilgern. Besonders nach 18 Uhr, wenn die meisten Apotheken schon geschlossen haben, bedeutet das dann weite Wege zur nächsten Nachtdienstapotheke. „Weitsichtige und vor allem patientenfreundliche Politik schaut anders aus“, wirft Berti-Zambanini der Politik bei der Medikamentenversorgung Klientelpolitik zu Lasten der Bevölkerung vor.

Rückfragen & Kontakt

Schutzverband d. Hausapotheken führenden Ärzte Österreichs
E-Mail: [email protected]
Website: https://www.hapo-schutzverband.at/

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