- 29.04.2026, 11:37:02
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Neue Sonderausstellung im Literaturmuseum: "'Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen' Thomas Bernhard heute"
Die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek mit dem Titel „‚Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen‛ Thomas Bernhard heute” rückt ab 30. April 2026 ein Werk von weltliterarischer Geltung in den Mittelpunkt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Echo Thomas Bernhards (1931–1989) in der internationalen Gegenwartsliteratur. Längst hat seine Literatur die Grenzen des unerbittlich attackierten Staates Österreich überwunden. Seit 2023 befindet sich Bernhards Nachlass an der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Schau präsentiert Manuskripte, Briefe und Fotografien aus allen Lebensphasen sowie nie zuvor gezeigte Fundstücke. Thomas Bernhard befreite sich aus schwierigen familiären Konstellationen und überlebte in jungen Jahren eine Lungenkrankheit nur knapp. In den ausgestellten Objekten werden die Verletzungen und euphorischen Momente eines Schriftstellers deutlich, der nicht aufhörte, sich im Schreiben immer wieder neu zu erfinden.
Die Schau zeichnet Bernhards Entwicklung zum Schreibenden nach. Unter dem Einfluss seines Großvaters, des Schriftstellers Johannes Freumbichler, entstanden erste Gedichte, die Österreich und Salzburg lyrisch besingen, darunter eine Hymne auf Salzburg mit dem Titel „Die Königin der Städte“. Zu seiner charakteristischen Sprache und seinen apodiktischen, keinen Widerspruch duldenden Urteilen fand Bernhard erst viele Jahre später. Der Vergleich von Früh- und Spätwerk zeigt die Spannung, die Bernhards Verhältnis zu seinem Herkunftsland und den Orten seiner Kindheit und Jugend bestimmte.
Welträume
Kaum ein anderer österreichischer Schriftsteller besitzt auch international so großen Einfluss wie Thomas Bernhard. Das zeigen nicht nur laufend neue Theaterinszenierungen und rund 800 Erstübersetzungen seiner Werke in über vierzig Sprachen. Auch in zahlreichen Büchern zeitgenössischer Autor*innen finden sich Spuren: Mehr als 250 Einträge von Argentinien bis Vietnam verzeichnet das Forschungsprojekt GlobalBernhard. Im Eingangskapitel „Welträume“ fügt sich eine Vielzahl literarischer Stimmen zu einem globalen Chor, von Finnland bis Sri Lanka. Der Untertitel der Ausstellung, „Thomas Bernhard heute“, zielt gerade auf die überregionale und übernationale Bedeutung eines Autors, der im eigenen Land als „Nestbeschmutzer“ zur Zielscheibe tiefreichender Ressentiments wurde. Der norwegische Literaturnobelpreisträger Jon Fosse fand in Bernhard früh einen Seelenverwandten und für den montenegrinischen Autor Andrej Nikolaidis, einen vehementen Kritiker der Verhältnisse in seinem Land, ist Bernhard als Impulsgeber verantwortlich für alles, was er je geschrieben hat. Die Australierin Jen Craig lehrte Bernhards Werk, wann man am besten dem eigenen Misstrauen traut, die US-Amerikanerin Emily Hall, wie ein Leben im Widerspruch möglich ist.
Bernhards Stil
Als rauschhaft, tranceartig oder auch als überfordernd bezeichnen Übersetzer*innen den Effekt, den Bernhards Sätze auf sie ausüben. Wer sie liest oder die tragikomischen Theaterstücke sieht, gerät in den Sog einer musikalischen Sprache voller Wiederholungen. Ist Thomas Bernhards Stil tatsächlich so leicht imitierbar, wie manchmal behauptet wird? Worin besteht die Unvergleichlichkeit dieses Autors? Fragen, die ins Heute führen und zu Überlegungen, was Literatur überhaupt ausmacht. Ein für die Ausstellung konzipierter Thomas-Bernhard-Chatbot thematisiert spielerisch die Frage nach der Produktion von Literatur durch KI. Was unterscheidet „Künstliche Intelligenz“ von menschlicher Kunstfertigkeit, Kreativität und Kommunikation?
Musik
Für Thomas Bernhard ist das Schreiben mit seinen rhythmischen Strukturen ein durch und durch musikalischer Vorgang. Die Auseinandersetzung mit Musik zieht sich durch sein gesamtes Werk. Bereits während seiner Kaufmannslehre in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung nahm er Gesangsstunden, die Musik wurde Mittel zur Existenzrettung. Welche Musiktitel für sie zwingend zu Bernhard gehören, verraten internationale Autor*innen in einer für die Ausstellung kompilierten Playlist. Bernhard studierte am Salzburger Mozarteum zunächst Gesang, später Dramaturgie und Schauspielkunst. Ein erstmals öffentlich gezeigtes Regiebuch aus dieser Zeit ist seine Bearbeitung von „Herrenhaus“ des amerikanischen Autors Thomas Wolfe. Bernhard verlegt die Handlung des Südstaatendramas in die Zeit des Koreakriegs.
Lebensbahnen
Eine lebensbedrohliche Krankheit, Armut und Krieg, aber auch die Musik und das Theater sind Erfahrungen, die Bernhards Leben mit seinem Werk verbinden. Der Familie kommt darin eine zentrale Bedeutung zu. Im autobiografischen Band „Ein Kind“ (1982) beschreibt Thomas Bernhard die mit ihm lebenden Verwandten als „seiltanzende Zirkusfamilie“. Die bestimmende Person in diesem Gefüge war für den Heranwachsenden neben seiner Mutter Hertha Bernhard der Großvater mütterlicherseits, der Schriftsteller Johannes Freumbichler. Dass der Autor, „im Alleinsein geschult“, Distanz auch in Nähe zu verwandeln vermag, zeigt sich, wenn er mit Gästen Karten spielt oder sich mit Freund*innen trifft.
Gesäumt von Zufällen, Chancen und sich zerschlagenden Hoffnungen, führen Bernhards Lebensbahnen auch an beruflichen Abwegen vorbei: Er trug sich mit der Idee, Lastwagenfahrer in Afrika zu werden oder Bibliothekar in London und er dachte darüber nach, wie es wäre, Direktor des Wiener Burgtheaters zu werden. Der Schriftsteller, der Thomas Bernhard mit seinem Roman „Frost“ (1963) endgültig wurde, richtet seine gesamte Existenz auf sein Lebenswerk aus.
Reisen
Neben den Stationen seines Aufwachsens beleuchtet die Ausstellung Bernhards Verhältnis zur Welt. „Wenn ich das Wort London las“, heißt es ebenfalls in „Ein Kind“, „war ich begeistert [...]. Ich verbrachte halbe Nächte über Europa, das ich in meinem Atlas aufgeschlagen hatte, über Asien, über Amerika.“ Zu sehen sind unter anderem Fotografien von Auslandsaufenthalten, etwa von einer Lesereise in den Iran oder von Reisen in den Süden, ein erstmals öffentlich präsentierter Super-8-Film von einem New York-Aufenthalt Bernhards im Oktober 1979 sowie Postkarten des Autors an sich selbst.
Neben dem Thomas-Bernhard-Chatbot und der Möglichkeit, nach dem Modell Bernhard’scher Wortzusammensetzungen eigene Komposita zu bauen, gibt es eine weitere interaktive Station: ein für die Ausstellung zusammengestelltes Städtebeschimpfungsquiz – auch eine Hommage an den „Übertreibungskünstler“.
Denkgebäude
Thomas Bernhard verfasste viele seiner Texte in Hotelzimmern im Süden, vor allem aber in den spartanisch eingerichteten Räumen seiner Häuser in Ohlsdorf und Ottnang in Oberösterreich. Drei alte Häuser erwarb und renovierte Bernhard im Laufe der Zeit. Eingerichtet waren sie auch mit selbstentworfenen Möbeln, einige davon sind in der Ausstellung zu sehen.
Im Mittelpunkt eines Kapitels stehen jene Räume, in denen die unzähligen Musik-, Schreib- und Wissenschaftsprojekte Bernhard’scher Geistesmenschen unabgeschlossen bleiben. Es ergeben sich unerwartete Berührungspunkte zwischen gedachter und gebauter Welt. Der bekannte portugiesische Architekt Eduardo Souto de Moura stellt seine architektonische Formensprache ausdrücklich in Bezug zu Bernhards Literatur und dessen Vorstellung vom Haus als existenziellem Rückzugsort.
Gebilde wie der Turm in der Erzählung „Amras“ (1964) oder der Kegel im Roman „Korrektur“ (1975) bestimmen die narrativen Strukturen wie auch die Bildungswege ihrer Figuren. In „Korrektur“ wird die Geschichte des Wissenschaftlers Roithamer erzählt, der für seine Schwester ein vermeintlich ideales kegelförmiges Wohnhaus mitten im Wald entwirft. Wie dieser Kegel ausgesehen haben könnte, zeigen drei Modelle, die nach Bernhards detaillierten Angaben im Roman von Architekt*innen gebaut wurden.
Kunstnaturkatastrophen
In Thomas Bernhards Büchern bedroht und vernichtet eine feindliche, kalte, unheimliche Natur den Menschen. Mag der Protagonist Murau im Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) auch konstatieren: „Alles ist künstlich, alles ist Kunst. Es gibt keine Natur mehr“ – vor der Natur ist letztlich kein Entkommen. Ein Sinnbild für Bernhards komplexes Kunst-Natur-Verständnis ist das Ausstopfen getöteter Tiere. Im Roman „Korrektur“ (1975) macht der Tierpräparator Höller aus „Naturgeschöpfen“ „Kunstgeschöpfe“. Wie Bernhard neu und gegen den Strich gelesen werden kann, umkreist ein Studierendenprojekt mit dem Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien, dessen Beiträge sich mit dem „unheimlichen“ Roman „Verstörung“ (1967) und seinen Themen wie Landschaftsschrecken, Gewalt und Entfremdung beschäftigen.
Virulenter denn je ist heute neben der Beschreibung der Geistesmenschen im Werk die Seite der Körperlichkeit: Die Präsenz kreatürlicher Prozesse irritiert und reizt nicht selten zum Lachen. Sie weist den Autor als wachen Beobachter aus, in dessen Texten zentrale Aspekte der menschlichen Existenz zur Sprache kommen: unser Verhältnis zur Natur, die Auseinandersetzung mit Krankheit und Versehrtheit, mit Alter und Einsamkeit, mit Sexualität und Erotik, und als Klammer all dessen die Lebensnotwendigkeit von Beziehungen.
Der Theatermacher
Fotografien in den unterschiedlichsten Posen und Lebenslagen bilden ebenso wie Filmaufnahmen wichtige Komponenten der „Marke“ Bernhard. Der Autor ist ein souveräner Darsteller seiner selbst, dessen mediale Strategien auch vom Zeitalter permanenter Selbstvermarktung aus betrachtet durchaus up-to-date erscheinen – ob als elegant gekleideter Stadtmensch oder in ländlicher Tracht. Unter den ausgestellten Originalkleidungsstücken ist Bernhards „Wetterfleck“ zu sehen, räumlich inszeniert zusammen mit der Entwurfsfassung der gleichnamigen Erzählung.
Über die Jahre ließ er sich von verschiedenen Fotograf*innen ablichten, besonders unverstellt von der ihm langjährig freundschaftlich verbundenen Fotografin Erika Schmied (geb. 1935). Ihre Fotografien werden in einem Hör- und Schauraum präsentiert: In dem ursprünglich von Schmied konzipierten Raum sind seltene und frühe Originalaufnahmen Bernhards zu hören. Der dort stehende Ohrensessel wurde von Bernhard für seinen Bauernhof in Ohlsdorf in Oberösterreich entworfen.
Ein Gespür für die Theatralik alltäglicher Rituale besaß Bernhard schon als Kind. In einer fragmentarischen Notiz im Nachlass situiert der Autor sein frühestes Theatererlebnis vor einem sogenannten „Leichenausstattungsgeschäft“ im bayerischen Traunstein, Bernhards Wohnort zwischen 1938 und 1944. Auf einer Zuckerkiste stehend, beobachtete er durch ein Fenster beinahe täglich die Geschäftsszene: „mein theater hatte ich da zum erstenmal!!!“
Ausstellungsinformationen
„Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“ Thomas Bernhard heute
Sonderausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek,
Johannesgasse 6, 1010 Wien
Kurator*innen: Dr. Bernhard Fetz und Mag. Katharina Manojlovic
Wissenschaftliche Beratung: Dr. Juliane Werner
30. April 2026 – 21. Februar 2027
Di–So: 10–18 Uhr, Do: 10–21 Uhr
Eintritt: Ꞓ 9,- / Führung: Ꞓ 5,- / Ermäßigungen / freier Eintritt für alle unter 19 Jahren
Zur Ausstellung erscheint im Zsolnay Verlag ein Begleitband in der Reihe „Profile“; 384 Seiten, Ꞓ 39,10
Rückfragen & Kontakt
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