- 29.04.2026, 10:39:02
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IV-Konjunkturbarometer: Stresstest für die konjunkturelle Erholung
Geopolitische Spannungen bremsen die konjunkturelle Erholung – Österreichs Industrie bleibt stabil, aber fragil und ist auf Reformimpulse angewiesen
Aus konjunktureller Perspektive betrachtet verlief der Jahresauftakt erfreulich. Die Mehrheit der Vorlaufindikatoren deutete nicht nur auf eine Fortsetzung der globalen Erholung, sondern sogar auf deren leichte Beschleunigung hin. Auch in Österreich wäre mit einer sich im weiteren Jahresverlauf verstärkenden Erholungsdynamik zu rechnen gewesen.
Aus dem Ende Februar 2026 begonnenen Krieg im Iran ergeben sich allerdings zusätzliche, gravierende Belastungen für die globale Konjunkturdynamik. Diese strahlen insbesondere aufgrund neuerlicher Lieferkettenunterbrechungen insbesondere bei Energieträgern, aber auch bei Düngemitteln und Helium auf die Europäische Union aus, sodass der ursprünglich prognostizierte Erholungspfad für die österreichische Wirtschaft nicht zu halten sein wird. Für das laufende Jahr ist daher größenordnungsmäßig eine Halbierung der realen Expansionsdynamik in Österreich zu erwarten.
„Die geopolitischen Verwerfungen wirken derzeit wie ein Stresstest für die konjunkturelle Erholung. Wir sehen, wie schnell externe Schocks auf einen exportorientierten Industriestandort wie Österreich durchschlagen. Die Industrie zeigt sich zwar grundsätzlich widerstandsfähig, aber die Dynamik wird spürbar gebremst – die Erholung fällt deutlich flacher aus als noch zu Jahresbeginn erwartet“, betont Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV). „Dennoch ist die gesamtwirtschaftliche Erholung nicht abgesagt. Dies ist zurückzuführen auf drei gleichgerichtet wirkende Kräfte: Für sämtliche bedeutende Handelspartner Österreichs werden zumindest kleine BIP-Zuwächse erwartet, sämtliche Hauptnachfragekomponenten der österreichischen Wirtschaftsleistung weisen ein positives Vorzeichen auf und sämtliche Wirtschaftsbereiche legen mehr oder weniger stark zu“, betont Christian Helmenstein, IV-Chefökonom.
Unter der Annahme, dass das derzeitige Preisniveau auf den internationalen Energiemärkten keine weitere Eskalation erfahren wird, impliziert dies eine Fortsetzung des ohnedies bereits ungewöhnlich moderaten Erholungspfades, wenngleich mit einem nunmehr noch flacheren Steigungswinkel. Dringend notwendige strukturelle Reformimpulse aus der koalitionären Einigung auf ein Doppelbudget für die Jahre 2027 und 2028 bleiben hingegen voraussichtlich aus. „Gerade in dieser Phase ist es entscheidend, die Rahmenbedingungen konsequent zu verbessern. Die angekündigte Senkung der Lohnnebenkosten ist angesichts der angespannten budgetären Situation ein anerkennenswerter und richtiger Schritt, wird aber durch die Art der Gegenfinanzierung relativiert. Wenn Unternehmen einen Teil ihrer Entlastung selbst finanzieren, fällt der Impuls für Investitionen und Beschäftigung entsprechend begrenzt aus. Umso wichtiger sind daher weitere strukturelle Reformen, um einen nachhaltigen Aufschwung zu unterstützen“, so Neumayer.
Vor diesem herausfordernden Hintergrund verbessert sich dennoch das IV-Konjunkturbarometer als Durchschnitt der Einschätzungen der aktuellen Geschäftslage und jener in sechs Monaten nochmals leicht um 2,5 Punkte, etabliert sich oberhalb der Nulllinie und erreicht mit +11,5 Punkten denselben Stand wie zu Beginn der Rezession.
Bei der Komponente der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage in der Industrie fällt der Saldo für den Teilindikator hingegen von +14 Punkten auf +8 Punkte zurück, während sich der Saldo bei den Geschäftserwartungen nochmals von +5 Punkten auf +15 Punkte verbessert. Die Unternehmen gehen derzeit mithin davon aus, dass das Gros der Belastungen aus dem Krieg am Persischen Golf überwiegend binnen eines Quartals überwunden werden kann und sich die Erholungsdynamik sodann fortsetzen wird.
Die Ergebnisse im Detail
Zuversichtlich für eine noch bestehende Erholungschance kann die Stabilisierung bei dem Indikator der Gesamtauftragsbestände in der Industrie stimmen. Mit einem Plus von 1 Punkt liegt der Saldo nunmehr bei +15 Punkten.
Etwas stärker fällt der Zuwachs bei der Subkomponente der Auslandsaufträge aus. Nach der im Vorquartal erfolgten Trendumkehr liegt der Saldo nunmehr bei +13 Punkten.
Angesichts des kurzfristig wieder eingetrübten Konjunkturbildes sinken die kurzfristigen Produktionserwartungen in der Industrie auf einen saisonbereinigten Saldo von lediglich noch +3 Punkten nach zuvor +12 Punkten. Im Durchschnitt fällt die Industrie, anders als die Gesamtwirtschaft, während der kommenden Monate damit beinahe wieder in die Stagnation zurück.
Dementsprechend bleibt die Beschäftigungssituation herausfordernd. Der Saldo der Beschäftigungsaussichten verbessert sich zwar von -19 Punkten auf nunmehr -15 Punkte, verharrt damit aber weiterhin in rotem Terrain. Der Stellenabbau in der Industrie hält mithin an und reflektiert die exorbitant hohen Lohnstückkostendynamiken der letzten Jahre. Die Einstellungsneigung der Unternehmen nimmt nach wie vor nur marginal zu – nach jedem neunten Unternehmen zum letzten Termin, welches eine Stellenausweitung plante, trifft dies nun auf jedes achte Unternehmen zu, während mehr als jedes vierte Unternehmen angibt, Beschäftigte abbauen zu müssen.
Die kriegsbedingt erneut aufgeflammte Kostendynamik zwingt die Unternehmen zu einer Erhöhung ihrer Verkaufspreise. Der Saldo erhöht sich auf +10 Punkte und erreicht damit den höchsten Stand seit dem dritten Quartal 2023, als noch der Krieg in der Ukraine nachwirkte.
Die Vielzahl an konjunkturellen und strukturellen Belastungen schlägt sich in der aktuellen Ertragslage der Unternehmen nieder. Der Saldo der Ertragslage verringert sich erheblich um 12 Punkte auf -17 Punkte. Er entfernt sich damit wieder von der Nulllinie, sodass der Anteil der Unternehmen, die sich in einer schwierigen Ertragssituation befinden, den Anteil jener mit einer günstigen Ertragssituation um mehr als das Doppelte übersteigt. In Übereinstimmung mit den zusätzlichen Unsicherheiten und Belastungen in Bezug auf den weiteren Geschäftsverlauf fallen die Ertragserwartungen auf Sicht von sechs Monaten bei einem Saldo von +1 Punkt nahezu wieder auf die Nulllinie zurück. Damit entspricht der Anteil der Unternehmen, die eine Verbesserung ihrer Ertragslage im nächsten Semester erwarten, fast genau dem Anteil jener Unternehmen, die eine weitere Verschlechterung erwarten.
Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode
An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 365 Unternehmen mit rund 265.500 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung: Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.
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