• 19.04.2026, 11:28:02
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Gefährdete Zukunft von Österreichs Moderne: Architektur als „Manövriermasse“

Wien (OTS) - 

Die österreichische Landesgruppe der seit 1988 international tätigen NGO DOCOMOMO sieht ein Systemversagen im Umgang mit zentralen Denkmälern der Moderne und Spätmoderne. Vom Substanzverlust am Wiener Karlsplatz bis zur drohenden Überbauung der Pädagogischen Hochschule in Linz zeigt sich ein problematisches Zusammenspiel von Denkmal- und Baubehörden, Architekt:innen und Eigentümer:innen. Selbst bedeutende Bauwerke verlieren ihre schützenswerten Eigenschaften, während eine breite kritische Diskussion ausbleibt. Nur durch bedachte Eingriffe, die die Qualitäten der historischen Substanz respektieren, lassen sich internationale Standards sichern und bedeutende Architektur bewahren.

Obwohl die wissenschaftliche Erforschung der Nachkriegsmoderne im Bundesdenkmalamt (BDA) voranschreitet, zeigt die Praxis deutliche Defizite. DOCOMOMO Austria warnt vor einer Aushöhlung des Denkmalschutzes: Auch geschützte Bauwerke werden wirtschaftlichen Interessen und radikalen Umbauten untergeordnet. Häufig steht das BDA überladenen Programmen von Auftraggebern sowie einer Architekt:innenschaft gegenüber, der grundlegende denkmalpflegerische Begriffe wie „Integrität“ und „Authentizität“ nicht ausreichend vertraut sind. Defizite in der Ausbildung wirken nach – der Umbau wird faktisch zum Neubau.

Aktuelle Beispiele verdeutlichen diese Entwicklung: Bauwerke werden trotz Schutzstatus massiv verändert, entkernt oder auf ihre Hülle reduziert. Charakter und Zeugniswert gehen verloren, während solche Projekte teils als „Best Practice“ vermittelt werden und die Distanz zu internationalen Standards verdecken:

Wien Museum
Der Umbau des Gebäudes von Oswald Haerdtl (1954–1959) wurde vielfach kritisch gesehen, da der Rückbau auf das Tragwerk und weitreichende Eingriffe zu einem deutlichen Verlust der ursprünglichen Substanz und Gestaltung führten.

Hallenbad Neusiedl
Das Hallenbad (1974–1977) verliert durch Abriss, Erweiterungen und neue Baukörper wesentliche Teile seiner architektonischen Identität. Auch bauzeitliche Ausstattung ging verloren.

Siedlung Sintstraße
In der Linzer Siedlung (1927–1931) wurden trotz Denkmalschutz mehrere Gebäude abgetragen, andere entkernt. Der Schutzstatus konnte den Substanzverlust nicht verhindern.

PÄDAK Linz: Akuter Anlassfall

Alarmierend ist die Situation der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz (PÄDAK) am Freinberg. Das Ensemble von Franz Riepl und Othmar Sackmauer (1969–1975) gilt als bedeutendes Beispiel österreichischer Schularchitektur und als kulturgeschichtlich wichtiger Ort innovativer Lehrkonzepte.

Die Anlage ist bis heute weitgehend original erhalten, wurde jedoch bereits teilweise durch neue Sporteinrichtungen beeinträchtigt. Mit der geplanten Sanierung und Nutzungsverdichtung droht nun eine umfassende Überformung, die den über Jahrzehnte gewachsenen Gesamtcharakter des Ensembles gefährdet. Trotz Denkmalschutz steht im Zuge des erweiterten Campus-Projekts die architektonische Integrität des Baus auf dem Spiel. Aktuelle Planungen zeigen deutlich vergrößerte Aufbauten sowie zusätzliche Neubauten – inzwischen auch auf bisher unbebauten Flächen. Dies widerspricht ursprünglichen Zielsetzungen des Wettbewerbs. Auch eine Aufstockung des Studentenhauses ist vorgesehen, obwohl frühere Entwürfe abgelehnt wurden. Die Folge ist ein Verlust qualitätsvoller Innenräume, differenzierter Belichtungssituationen und des gewachsenen baulichen Ensembles.

Der Fall verdeutlicht einmal mehr, wie mangelnde Abstimmung und Qualitätsorientierung zwischen Behörden, Planung und Nutzung dazu führt, dass denkmalgeschützte Substanz ihre zentralen Werte einbüßt und zur „Manövriermasse“ aktueller Interessen wird.

Forderungen

– Der behördliche Denkmalschutz braucht Mut und Mittel seinen eigenen gesetzlichen Vorgaben (DMSG) zu folgen und sie konsequent durchzusetzen.

– Architekt:innen müssen zu einem sorgfältigen und uneigennützigen Weiterbauen befähigt werden: Qualität im Bestand entsteht nie gegen die Substanz.

– Öffentliche und private Auftraggeber sind verpflichtet, gegenüber Denkmälern denkmalpflegerische Standards einzuhalten; auch dann, wenn sie sich der einfachen Kapitalisierung widersetzen und eine „Spur“ in die Vergangenheit legen: „Denkmalwürdigkeit“ ist kein Makel.

Die PÄDAK Linz könnte Anlass für eine breitere Auseinandersetzung mit dem Umgang mit der Architektur der Moderne sein. Dafür braucht es eine fundierte öffentliche Diskussion sowie einen offenen wie kritischen Austausch zwischen Behörden, Planung, Hochschulen und öffentlicher Hand. Ziel muss es sein, den historischen Baubestand als kulturelles Erbe ernst zu nehmen und ihn qualitätsvoll in die Zukunft zu führen – nicht als bloße „Manövriermasse“, sondern als maßgeblichen Bestandteil unserer gebauten Umwelt.

Zum ausführlichen Text auf der Seite von DOCOMOMO Austria: https://www.docomomo.at/

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