- 02.04.2026, 11:30:32
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Welt-Autismus-Tag als Weckruf: Vorurteile, Unverständnis und Versorgungslücken überwinden
Diakonie schlägt nationale Strategie für ein autismusgerechtes Zusammenleben vor
„Vorurteile gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum halten sich hartnäckig. Sie führen zu groben Mängeln bei der Diagnostik und schränken Chancen und Lebensqualität von Autist:innen massiv ein. Diagnosestellen sind überlaufen, man wartet Monate lang auf einen Termin. Auf einen Therapieplatz müssen Kinder bis zu zwei Jahre warten. Auch Wartezeiten auf Kindergarten- oder Wohnplatz betragen viele Monate bis Jahre. Die Engpässe setzen sich in der Schule und am Arbeitsmarkt fort. Das muss ein Weckruf sein", mahnt Diakonie-Direktorin anlässlich des Welt-Autismus-Tags und fordert eine nationale Autismus-Strategie nach internationalem Vorbild.
Gravierende Probleme bei Begutachtungsverfahren
Felix Zych vom Verein „im spektrum – Verein zur Sensibilisierung für das Autismus-Spektrum" berichtet beim Pressegespräch der Diakonie am Welt-Autismus-Tag von seinen Erfahrungen mit Behörden und Diagnosen: „Mir wurde die erhöhte Familienbeihilfe immer genehmigt bis vor ein bis zwei Jahren. Dann hieß es plötzlich, ich bräuchte Nachweise, dass ich aktuell in Therapie bin, oder einen aktuellen fachärztlichen Befund, dass ich noch immer autistisch sei. Das ist schon sehr befremdlich, wo doch jeder weiß, dass Autismus nicht weggeht", so Zych, der seine Autismusdiagnose mit elf Jahren bekam und heute Student ist.
Sein Beispiel fügt sich in das Bild, das eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer OÖ von behördlichen Begutachtungsverfahren, die Basis für die Zuerkennung von Sozialleistungen sind, zeichnet. Die Studie zeigt fachliche Inkompetenzen, respektlosen Umgang und Unterstellungen auf. Zahlreiche Betroffene meldeten sich im Anschluss zu Wort und schildern ihre Erfahrungen mit Demütigung und Diskriminierung.
Die Diakonie bekräftigt die Forderung nach einer unabhängigen Begutachtungsstelle. Gutachter:innen müssten zudem umgehend geschult werden, so die Diakonie-Direktorin, "sowohl zu aktuellem Fachwissen insbesondere zu Autismus, als auch zu einer respektvollen, zugewandten Kommunikation".
Autismus verstehen
Um Prüfungen ablegen zu können, sei für ihn in seiner Schulzeit wichtig gewesen, „in einem eigenen Raum, abgeschirmt von den Reizen anderer Mitschüler (zB. Kugelschreiberklicken)" schreiben zu können, berichtet Felix Zych. Jetzt, an der Uni, sei „der normale Lehrbetrieb eine Herausforderung, da ich mit großen Hörsälen und Menschengruppen ein Problem habe (Reize, Stress, Überforderung, Erschöpfung). Das heißt, für mich ist es enorm hilfreich, wenn Lehrveranstaltungen gestreamt und im besten Fall auch aufgezeichnet werden, sodass ich diesen Reizen und dem damit verbundenen Stress entkommen kann." Leider stoße er immer wieder auf Unverständnis bei Lehrenden, so Zych.
Auch Linda Zehetner braucht ausreichend Ruhe - und Struktur. Die Frau im Autismus-Spektrum, die nicht verbal kommuniziert, arbeitet in der Tageswerkstätte Erle der Diakonie in Gallneukirchen. „Linda ist sehr gern aktiv und versieht gerne auch körperlich anstrengende Tätigkeiten am Areal unserer Einrichtung Erle, wie zB das Füttern der Tiere im Streichelzoo“, berichtet ihr Betreuer Roland Atzlesberger. Wichtig für Linda Zehetner sei, dass Spannung und Entspannung in einem guten Gleichgewicht sind, darauf achte er als Betreuer.
Roland Atzlesberger und Felix Zych sind sich einig: „Der bekannte Spruch stimmt: Wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du EINEN Autisten.“
Autismus hat sehr unterschiedliche Ausprägungen, man spricht vom Autismus-Spektrum. Rund ein Prozent der Menschen sind im Autismus-Spektrum, in Österreich rund 87.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Umgang mit ihnen gebe es laufend falsche Zuschreibungen und wenig Wissen, berichtet Felix Zych, der mit dem Verein „im spektrum“ bei verschiedenen Veranstaltungen, wie heute Abend bei einem „ask me anything“ über Autismus informiert.
Diakonie ortet mangelhafte Unterstützung
Das mangelnde Verständnis führe „zu mangelnder Unterstützung - Stichwort Therapielücken - und struktureller Ausgrenzung im Bildungsbereich und am Arbeitsmarkt", kritisiert die Diakonie-Direktorin.
„Autistische Kinder bekommen oft erst im letzten verpflichtenden Kindergartenjahr einen Kindergartenplatz oder werden sogar von dieser Pflicht „befreit" und kommen erstmals in der Volksschule mit einer Bildungseinrichtung in Berührung. Dort gibt es dann zu wenig Schulassistenz, die Vergabepraxis von Fördermittel ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Und immer noch endet das Recht auf Bildung mit der Schulpflicht, der Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr für Schüler:innen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf muss endlich kommen."
Forderung nach einer nationalen Autismus-Strategie
Um sich nicht in unkoordinierten Einzelmaßnahmen und im föderalistischen Ping-Pong zwischen Bund und Ländern zu verlieren, braucht es eine „nationale Strategie für ein autismus-gerechtes Zusammenleben“, fordert Moser. Ziel müsse sein, „dass autistische Menschen in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können – sozial, wirtschaftlich, gesundheitlich". Die nationale Strategie müsse „sicherstellen, dass Wissen über Autismus und eine respektvolle Haltung in Bevölkerung, Institutionen und sozialstaatlichen Systemen ankommt, und einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen, die mit einem Zeitrahmen und Zuständigkeiten hinterlegt sind, beinhalten", so Moser. Vorbilder gebe es genug. In vielen Ländern gibt es eine Autismus-Strategie: England, Irland, Frankreich, Spanien, Malta, Polen, Kanada, USA, Australien.
Moser weiter: „Ein nationale Strategie muss den vielfältigen Lebensrealitäten und Bedürfnissen von Autist:innen gerecht werden. Es geht darum, Linda Zehetner, Felix Zych und andere zu fragen: Was brauchst du, damit du das Leben leben kannst, das du leben willst?"
Angebote der Diakonie
Die Person und ihre individuellen Bedürfnisse stellt die Diakonie bei ihren Angeboten für Menschen im Autismus-Spektrum - vom Kindergarten über Schule, Wohnen und Arbeit/integrative Beschäftigung bis hin zu Beratung, Frühförderung und Therapie - ins Zentrum. Ziel ist eine hohe Lebensqualität und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben - und das verlangt ganz Unterschiedliches, weil Autismus eben ein breites Spektrum ist. Wie unterschiedlich Unterstützung aussehen muss, zeigt sich in den konkreten Angeboten: Im Hof Altenberg der Diakonie im oberösterreichischen Mühlviertel wohnen Menschen im Autismus-Spektrum abseits dichter Bebauung und fern vom Verkehrslärm. Die naturnahe Umgebung schafft Raum für Rückzug und Bewegungsbedürfnis. Den Alltag strukturieren klare Abläufe, die Betreuung ist intensiv.
Für Autist:innen, die punktuell Begleitung brauchen, bietet die Diakonie so genanntes Stützpunktwohnen: eine eigene Mietwohnung und gleich nebenan eine gemeinschaftliche Wohnung, wo täglich für einige Stunden jemand aus dem Fachteam anzutreffen ist. Diese Wohnform stellt eine Verbindung dar zwischen Eigenständigkeit und Unterstützung, Rückzugsmöglichkeit und Gemeinschaft.
Genau beschrieben finden Sie das hier: Als Autist selbstständig leben – und sich auf verlässliche Begleitung verlassen können und hier: Leben im Autismus-Spektrum: Wie Menschen am Hof Altenberg ihren Alltag verbringen.
Wie Frühförderung für Kinder im Autismus-Spektrum in der Praxis funktioniert, zeigt das Beispiel eines Kindergartens in Oberösterreich (Kindergarten Mühle unter Top 3 beim ISB Stiftungspreis Bildungsinnovation - Diakonie), und des Kindergarten „für dich und mich“ des Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.
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Dr. Roberta Rastl
Telefon: 0043 664 314 9395
E-Mail: [email protected]
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