• 08.05.2025, 09:44:47
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Buchpräsentation im Parlament: "Die Rolle der Landesheilanstalt in Salzburg vor, während und nach dem NS-Regime"

Publikation beleuchtet historische Verbrechen auf der Grundlage von rund 28.000 Krankenakten

Wien (PK) - 

Im Palais Epstein wurde gestern Abend das Buch "Die Rolle der Landesheilanstalt Salzburg vor, während und nach dem NS-Regime" präsentiert. Auf 244 Seiten zeichnet die Publikation die Geschehnisse in der heutigen Christian-Doppler-Klinik nach - mit besonderem Fokus auf die während der NS-Zeit verübten Verbrechen im Kontext institutioneller sowie personeller Kontinuitäten vor und nach 1945. Basierend auf rund 27.800 ausgewerteten Krankenakten dokumentiert das Werk Namen, Adressen und Deportationszeitpunkte jener 264 Patient:innen aus Salzburg, die zwischen 1939 und August 1941 von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Darüber hinaus wurde versucht zu rekonstruieren, wo die Opfer heute wohnen würden, um ein würdiges Gedenken in ihrem jeweiligen lokalen Umfeld zu ermöglichen.

Bundesratspräsidentin Andrea Eder-Gitschthaler eröffnete die Buchpräsentation mit einem Appell, sich der Vergangenheit zu stellen und Verantwortung für die Zukunft von Demokratie und Menschenrechten zu übernehmen. Oskar Dohle, Direktor des Salzburger Landesarchivs und Initiator des Buchprojekts, erläuterte in seiner Keynote dessen Genese und betonte die "zeitliche Einbettung" der Verbrechen. Diese war auch zentrales Thema der darauf folgenden Podiumsdiskussion mit Dohle, Barbara Huber, Historikerin an der Universität Salzburg, Markus Rachbauer, Mitarbeiter des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim und Eugen Trinka, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, neurologische Intensivmedizin und Neurorehabilitation an der Christian-Doppler-Klinik. Die Teilnehmer:innen waren sich einig, dass ein bereits vorhandenes, sozialdarwinistisches "geistiges Klima" den Boden für die an den "Schwachen" der Gesellschaft begangenen Verbrechen bereitet habe - ein Klima, dem es durch ein "nachhaltiges Gedenken" entgegenzuwirken gelte.



Eder-Gitschthaler: Aus Gedenken Einsatz für Menschenrechte und Demokratie erwachsen lassen

Gerade in einem Jahr mehrerer Jubiläen sei es für Österreich essenziell, sich seiner Vergangenheit und Verantwortung zu stellen, erklärte Bundesratspräsidentin Andrea Eder-Gitschthaler in ihren Eröffnungsworten. Dabei gehe es nicht nur um die Analyse der eigenen Geschichte, sondern darum, das daraus generierte Wissen "generationenübergreifend, ehrlich und nachvollziehbar" zugänglich zu machen, damit die "Demokratie auf diesem Fundament wachsen kann". Das vorgestellte Buch zeichne ein tiefgreifendes Bild der "ideologischen Verstrickungen", die zu den Verbrechen geführt haben, und gebe durch die umfassende Aufarbeitung gleichzeitig den Opfern "ihre Identität zurück", so Eder-Gitschthaler. Es stelle damit ein "Mahnmal in gedruckter Form" dar sowie einen Appell, aus dem Gedenken den "entschlossenen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte" erwachsen zu lassen.

Dohle über die Entstehung des Buchprojekts

Die Opfer "aus ihrer Anonymität herauszuholen" war neben der Erfassung personeller und institutioneller Kontinuitäten auch ein Hauptanliegen von Oskar Dohle, dem Initiator des Buchprojekts. Er berichtete von dessen Genese, die mit der Bergung von rund 50.000 Einzelakten in Schutzanzügen begann, da diese von Schimmelpilzbefall gesundheitsgefährdend kontaminiert gewesen seien. Nach der Dekontaminierung seien die Patientenakten, die vom Jahr 1849 bis 1969 reichten, ins Landesarchiv Salzburg überstellt worden, wo sie gemäß eines Landtagsbeschlusses in Arbeitsgruppen analysiert worden seien. Daraus sei schließlich unter Mitwirkung der Christian-Doppler-Klinik die Publikation entstanden, erklärte Dohle. Ein besonderes Augenmerk habe man bei der Forschung auf die "zeitliche Einbettung" der Verbrechen gelegt. So seien die ersten "erbbiologischen Erfassungen" bereits weit vor der NS-Zeit, noch in der Monarchie erfolgt und auch nach 1945 habe es personelle Kontinuitäten gegeben. Mit dem Buch "stellt sich Salzburg seiner Geschichte und der daraus resultierenden Verantwortung", so Dohle. Dies möge "schmerzhaft" sein, doch trage es dazu bei, dass sich derartige Verbrechen nicht wiederholen.

Podiumsdiskussion über den geistigen und sozialen Nährboden der Verbrechen

Im Rahmen der Podiumsdiskussion ging Dohle auf eine weitere forschungsleitende Fragestellung ein: Wie konnte die Landesheilanstalt parallel als Klinik und als Ort des Verbrechens fungieren? Bei der Beantwortung dieser Frage gebe es laut Dohle "nicht nur schwarz und weiß", da der Ermessensspielraum der einzelnen Ärzt:innen und damit "Graubereiche" eine wichtige Rolle spielten. Dohle betonte auch die Bedeutung des "geistigen Klimas", das damals tendenziell dem "Recht des Stärkeren" den Vorrang vor der Rücksichtnahme auf die Schwachen gegeben habe.

Eine bereits lange vor dem Nationalsozialismus einsetzende sozialdarwinistische Grundtendenz identifizierte auch Eugen Trinka als "Präludium" für die nationalsozialistischen Morde. Psychisch Kranke seien stigmatisiert und in Anstalten abgesondert worden, vor allem um der "gesunden Gesellschaft nicht zur Last zu fallen". Dazu sei ein "erstaunlich leichtfertiger" Umgang mit Fragen der Genetik gekommen, die als reine Familienanamnese anhand des "Stammbaumes" praktiziert worden sei. Auch Trinka unterstrich die Ambivalenz innerhalb der Ärzteschaft diesem Gedankengut gegenüber, da es in der Landesheilanstalt zu dieser Zeit auch "Verfechter des Humanismus" gegeben habe.

Die Nationalsozialisten hätten an schon vorhandene Diskurse anschließen können, stimmte auch Markus Rachbauer zu. So seien etwa in den USA bereits Zwangssterilisationen praktiziert worden. Zudem habe eine schwierige wirtschaftliche Situation einen "guten Nährboden für menschenverachtendes Gedankengut" geboten. In diesem Sinne plädierte Rachbauer dafür, in der Aufarbeitung der NS-Verbrechen aktuelle Bezüge herzustellen und auch über die heutige Lage von Rechtsstaat und Demokratie nachzudenken - ohne diese jedoch mit jener in der damaligen Zeit gleichzusetzen.

Auf die Aufarbeitung der NS-Verbrechen ging auch Barbara Huber ein. Direkt nach 1945 sei man im Rahmen der Entnazifizierung in der Landesheilanstalt aufgrund des Personalmangels "sehr pragmatisch" vorgegangen - "nur ein Bruchteil" der 50 NSDAP-Mitglieder innerhalb der Belegschaft sei entlassen worden. Mit der unmittelbaren Schuldfrage habe es kaum eine Auseinandersetzung gegeben. Heute gebe es viele Ansätze und Angebote der Erinnerungskultur, wenn man dies etwa mit den 1990er-Jahren vergleiche, als teilweise noch die "Opferthese" vorgeherrscht habe, so Huber. Man debattiere mittlerweile bereits über eine etwaige "Übersättigung an mahnender Erinnerung". Huber sprach sich für ein "nachhaltiges Gedenken" aus, das ein Bewusstsein für gesellschaftliche Konstellationen schaffe, die antidemokratische Entwicklungen ermöglichen. (Schluss) wit

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments.


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